Williamsburger Originale

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Text: Katharina Horstmann


Früher Sommerfrische für die Whitneys und Vanderbilts, später Fabriklandschaft und seit den 1990er Jahren, als die Mieten in SoHo, Chelsea und East Village in die Höhe stiegen, Ort der Kulturschaffenden New Yorks: Auch wenn heute schon über die Gentrifizierung von Williamsburg geklagt wird, hat sich im nördlichsten Stadtteil von Brooklyn eine eigene Subkultur entwickelt, die das Quartier heute noch vibrieren lässt. In einer alten Fassbinderei zwischen dem Dreh- und Angelpunkt des Viertels, der Bedford Avenue, und dem Ufer des East River eröffnete kürzlich das Wythe Hotel, das versucht, bis ins kleinste Detail das widerzuspiegeln, was Williamsburg ausmacht: Der historische Bau verbindet originale und zeitgenössische Elemente aus der Umgebung – von den aus recycelten Holzbeständen gefertigten Möbeln bis zu den in Brooklyn hergestellten Tapeten in den Zimmern und Handtüchern und Seifen in den Bädern.
 
 
Für die Sanierung des 1901 erbauten fünfstöckigen Fabrikgebäudes beauftragen die Teilhaber Andrew Tarlow, Peter Lawrence und Jed Walentas den New Yorker Architekten Morris Adjmi. Den für nicht britische Muttersprachler in seiner Aussprache teils Rätsel aufgebenden Namen Wythe Hotel – ähnlich gesprochen wie das englische „with“ – wählten die drei Teilhaber nach der Adresse, der Wythe Avenue 80. Das Ergebnis ist ein authentischer Bau mit einer Fassade, die im alten, ursprünglichen Zustand belassen wurde und geschickt mit neuen Elementen wie modernen Fenstern sowie den drei zusätzlichen, mit gerasterten Glaswänden versehenden Stockwerken kontrastiert.

Industriecharme
 
Betritt man heute Hotel durch seinen kleinen unscheinbaren Eingang, gelangt man in ein Foyer, dessen Gestaltung auf die alte Gebäudestruktur zurückgeht und neugierig auf die weiteren Räumlichkeiten macht. Angeregt von dem ursprünglichen Industriecharme, wurde als Pendant zu den rauen Backsteinwänden, den imposanten gusseisernen Säulen sowie der Holzdecke und den Dielen warmes Licht sowie zeitloses Mobiliar eingesetzt, wie etwa die mintgrüne Rezeption, die in ihrer Formgebung einerseits gegenwärtig wirkt und andererseits an Elemente des Art Déco erinnert.
 
Im hinteren Teil des Erdgeschosses befinden sich ein Veranstaltungsraum, eine Bibliothek sowie das Restaurant Reynards. Letzteres wird vom Williamsburger Gastronom und Teilhaber des Hotels Andrew Tarlow geleitet und bietet eine moderne amerikanische Küche an. Anders als im Foyer, das dank der Kombination aus ursprünglichen Elementen und zeitgenössischen Möbeln die Anmutung eines modernen und für New York City typischen Lofts besitzt, scheint das Restaurant aus einer anderen Zeit zu stammen: Die großen Bogenfenster wurden mit neuem Glas bestückt, die Keramikfliesen sowie Holzböden und -decken renoviert, die Backsteinwände so weit es ging aufgearbeitet, andere verputzt, beige gestrichen und mit einer Holztäfelung versehen. Die Möbel tun ihr Übriges: Sie sind Vintage-Funde, wie etwa die Kaffeehausstühle und -tische oder die runden Art-Déco-Leuchten.
 
Alt und Lokal
 
In den oberen Etagen führen sanft beleuchtete Flure zu den 72 Zimmern. Wie schon im Foyer wurden auch hier schlichte, moderne Elemente dem Charme des Postindustriellen gegenübergestellt. Dank der großen Fensterfronten bietet jeder Raum nicht nur einen fantastischen Ausblick auf die Umgebung. Er korrespondiert auch mit dem Außenraum, der Klinkerfassade und den Feuertreppen. Obwohl jedes Zimmer unterschiedlich gestaltet ist, liegt allen dasselbe Materialkonzept zu Grunde: Die Fußböden bestehen aus Beton und muten zwar industriell an, sind jedoch dank der integrierten Fußbodenheizung angenehm warm unter den nackten Füßen. Die Wände sind aus original erhaltenem Mauerwerk, schlicht in weiß gestrichen oder mit einer extra für das Wythe Hotel von dem benachbarten Hersteller Flavor Paper angefertigten Tapete verkleidet; auch das Mobiliar greift die originalen Elemente wieder auf, wie beispielsweise die Betten und Tische, die aus bei der Renovierung angefallenem Holz gefertigt sind. Passend zum gestalterischen Konzept greifen auch die Bäder klassische Elemente auf: Die Wände sind weiß, die Böden mit grafischen schwarz-weißen Kacheln gefliest und auf einem linearen schwarzen Metallgestell ist der Waschtisch angebracht, der Platz für die vom New Yorker Unternehmen Goldie’s hergestellten Handtücher und Seifen bietet. Zudem gibt es neben einem schlichten weißen WC eine große begehbare Dusche und teilweise auch eine zusätzliche Badewanne.
 
Eine Attraktion des Wythe Hotel ist die Bar The Ides im Neubau in der sechsten Etage, zu der eine L-förmige Terrasse umfasst. Von hier aus kann der Gast auf die New Yorker Skyline blicken, dabei die Verknüpfung zwischen der Architektur des alten und des neuen Brooklyns spüren und sich die Sprache ein wenig verschlagen lassen.
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