Willkommen im Boutique-Büro

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Text: Stella Hempel
Foto: Heartpatrick

Ein Designhotel, ein Concept Store, ein neues Hype-Restaurant – oder vielleicht doch eine großzügige Loftwohnung? Dieses Büro in Kuala Lumpur gibt sich nicht gleich auf den ersten Blick als Arbeitsumgebung zu erkennen. Die Architekten legten Wert auf eine anregende Atmosphäre, wohnliche Materialien und eine flexible Raumgestaltung. Wie ein Bühnenbild lässt sich die Fläche umbauen und den Szenen eines Arbeitstages anpassen.

Das goldene Schmuckstück macht neugierig. Geheimnisvoll funkelt es, wenn die tropischen Sonnenstrahlen über seine facettierte Oberfläche wandern. Die Büroräume des Immobilienunternehmens Mantab in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur verbergen sich hinter einer extravaganten Fassade, deren Aussehen sich stetig verändert. Vor den großflächigen Fensterfronten des Gebäudes wurden Faltschiebeläden angebracht, die sich nach dem Ziehharmonikaprinzip öffnen oder schließen lassen. Nur im geöffneten Zustand können Passanten einen Blick ins Innere der unkonventionellen Firmenzentrale erhaschen.

Facettenreiche Fassade
Die innovative Fassadengestaltung war eine Idee des in Australien und Malaysia ansässigen Architekturbüros S/LAB10. Als Inspirationsquelle dienten historische „Shophouses“: Der zweistöckige Gebäudetyp verbindet ein kleines Ladengeschäft im Erdgeschoss mit dem Wohnraum der Shop-Inhaber im Obergeschoss. Vor den Schaufenstern wurden traditionell schlichte, eiserne Faltläden montiert. Diese lieferten die Vorlage für die von S/LAB10 designte Eyecatcher-Fassade, die zugleich als Sicht- und Sonnenschutz dient. „Unsere Fassadengestaltung hat ihre Wurzeln in der malaysischen Architekturtradition, doch wir haben sie neu interpretiert“, sagt der leitende Architekt Jason Sim. Zur Neuinterpretation gehören der stark vergrößerte Maßstab und die edleren Materialien. Bei den Faltschiebeläden der Mantab-Bürofassade bestehen die vertikalen Flügelpaare aus Edelstahl mit goldfarbener PVD-Beschichtung. Ein geometrisches Muster aus matten und glänzenden Dreiecken ziert die Oberfläche und soll neue Assoziationen wecken. Facetten von geschliffenen Diamanten kommen einem beim Betrachten spontan in den Sinn. Eine Anspielung auf den Namen des Unternehmens: Das malaysische Wort „Mantab“ steht für Solidität und Beständigkeit. Wenn die beweglichen Fassadenelemente geschlossen sind, erinnern sie außerdem an einen besonders opulenten Theatervorhang, der den Zuschauer- vom Bühnenraum trennt.

Büro mit Boutique-Charme
Dieser glamouröse Vorhang sorgt dafür, dass Besucher das Büro mit einer gewissen Erwartungshaltung betreten. Wer mit einem unkonventionellen und eleganten Interieur rechnet, wird nicht enttäuscht. Auf zwei Etagen des ehemaligen Wohnhauses in Kuala Lumpurs beliebtem Stadtteil Bangsar hat das Team von S/LAB10 eine spannende Bürolandschaft kreiert, die erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen ist. Schon im Eingangsbereich werden Mitarbeiter und Gäste von einem Mix aus Materialien, Farben und Texturen begrüßt, der ein wohnliches Ambiente entstehen lässt. Der Empfangstresen könnte ebenso gut eine Hotelrezeption sein. Auch die gemütlichen Lounges wären in einer Hotellobby nicht fehl am Platz. An Boutique-Hotels erinnern die individuelle Ausstattung, die hochwertigen Materialien und die Liebe zum Detail. „Wir wollten nicht, dass das Interieur sofort mit Büro assoziiert wird“, erläutert Architekt Jason Sim. „Viel lieber hinterfragen wir etablierte Typologien und lassen die Grenzen verschwimmen.“ Die Gestalter von S/LAB10 spielen gerne mit Kontrasten und nennen diesen Aspekt ihres Designkonzepts augenzwinkernd „intentional mismatches“: Hier wird ganz bewusst zusammengeführt, was vermeintlich nicht zusammenpasst.

Maßgeschneidertes Mobiliar
Der Auftraggeber wünschte sich vielfältig nutzbare Räumlichkeiten, in denen konzentrierte Einzelarbeit und Teamarbeit ebenso möglich sind wie informelle Treffen oder Kunden-Events. Die Architekten schufen auf rund 400 Quadratmetern eine Kombination aus offener, loftartiger Bürofläche und diversen Rückzugsräumen. Zimmerpflanzen sowie eine mit Bambus begrünte Terrasse tragen zur Wohlfühlatmosphäre im Mantab-Büro bei.

Mithilfe von Vorhängen und Raumteilern kann die Fläche immer wieder neu zoniert werden. Eigens für das Projekt entwickelt wurden Möbelstücke, die vom S/LAB10-Team The Arches genannt werden. Diese bogenförmigen Raumteiler, die sich aus filigranen, pulverbeschichteten Stahlrahmen und buntem Acrylglas zusammensetzen, fungieren auch als Regale. Bei verändertem Blickwinkel entstehen wechselnde Farbeffekte. „Zunächst habe ich mit verschiedenen Moodboards experimentiert, um zu sehen, wie die Farben des Acrylglases beispielsweise vor einer Holzwand oder einem blauen Vorhang wirken“, erzählt Jason Sim. Wie bewegliche Theaterkulissen können die Raumteiler schnell umgebaut und umfunktioniert werden. Sie sind zugleich szenografische, dekorative und funktionelle Elemente.

Der Vorhang fällt
Das Herzstück der ersten Etage bildet ein zentral positionierter Konferenzraum, der auch als Esszimmer dient. Statt Wände einzuziehen, haben die Architekten mithilfe eines Vorhangs aus schwerem, grünblauem Stoff für eine räumliche Abgrenzung gesorgt. Wenn dieser Meeting-Raum gerade nicht genutzt wird, lässt der komplett geöffnete Vorhang die Büroetage noch weiter, heller und großzügiger erscheinen.

Für Kunden-Events bietet sich vor allem der große Lounge-Bereich mit doppelter Deckenhöhe und freistehendem Bartresen an. Viel Tageslicht strömt in die Lounge, wenn die Faltschiebeläden der Fassade geöffnet sind. Um Privatsphäre und eine heimelige Atmosphäre zu schaffen, wird die Fensterfront abends meist mit meterhohen, weißen Stoffbahnen und den Faltläden verhüllt. So schließt sich der goldene Vorhang des perfekt inszenierten Mantab-Büros wieder – und ganz unwillkürlich möchte man Beifall klatschen.

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