Wo Monsieur Eiffel gern getafelt hätte

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Text: Claudia Simone Hoff


63 Quadratmeter können ganz schön beeindruckend sein. Zumal mit dieser Aussicht. Ein spektakulärer Coup ist dem Architekten Pascal Grasso und seinem Bruder, dem Künstler Laurent Grasso da gelungen: Für das Dach des altehrwürdigen Palais de Tokyo mitten in Paris haben sie ein temporäres Restaurant namens „Nomya“ entworfen.


Und wirklich: Die meisten Gäste kommen nicht wegen der köstlichen Speisen, sondern um einmal den vermutlich besten aller Ausblicke zu genießen. Wie im Glashaus sitzen die Gäste hier und schauen direkt auf Monsieur Eiffels Wunderwerk: den Eiffelturm. Und nicht nur Monsieur Eiffel wäre entzückt gewesen hier oben, denn im Dunkeln leuchtet und funkelt das Pariser Lichtermeer. Auch der kubische, fast vollständig verglaste Dachaufbau selbst ist ein leuchtendes Kunstobjekt: Unzählige farbige LEDs erhellen den 22 Tonnen schweren Baukörper in der Nacht.

Was ein Polarlicht in Paris zu suchen hat

18 mal 4 Meter misst das 3,50 Meter hohe Raummodul, das im Norden Frankreichs auf einer Bootswerft produziert, dann in Paris zusammengebaut und auf dem Dach des Museums installiert wurde. Eine Hälfte des länglichen Raums wird durch die Küche, die andere durch den eigentlichen Gastraum eingenommen. Von außen verhindert ein perforierter Metallvorhang den direkten Blick auf die werkelnden Köche, was manch einer bedauern mag. Genau zwischen dieser Metallummantelung und dem Glaskörper wurden unzählige LEDs angebracht. Die Perforierungen des Metallmantels erzeugen schöne Schattenspiele im Inneren des Restaurants, insbesondere auf dem weißen Küchenmodul. Verschieden farbige LEDs und Lochmuster bilden zudem ein bewegliches Muster auf der Außenhaut des Gebäudes. Laurent Grasso, der kunstsinnige Bruder des Architekten, möchte damit an eine Aurora Borealis – Polarlichter – erinnert wissen. Und genau wie diese in der Natur wandelt das beleuchtete Äußere des Restaurants ständig seine Farben.

Eine durchaus unterhaltsame Angelegenheit

Wer in den Glaskasten gelangt, hat es geschafft und kann sich direkt mit den Köchen unterhalten, denn hier gibt es keine trennenden Wände. Das Restaurant – dessen Name übrigens aus dem Japanischen kommt und passenderweise „kleines Restaurant“ bedeutet – hat insgesamt nur Platz für zwölf Personen, die alle zusammen an einem Tisch sitzen. Während ein Mittagsmenü für 60 Euro zu haben ist, kostet das Abendvergnügen zwanzig Euro mehr. Aber wer rechnet schon genau bei diesem grandiosen Ausblick? Der Ansturm auf das Restaurant ist jedenfalls so groß, dass der neugierige Besucher seinen Platz an der Tafel am besten schon einen Monat im Voraus bucht. Wer all diese Mühen nicht scheut, dem wird außer dem Blick nach draußen noch einiges mehr geboten: ein nicht minder spektakuläres Interieur nämlich. Wie unter fallenden Lichttropfen speisen die Gäste am langen weißen Tisch, der auf einem grauen Holzfußboden steht, und sitzen auf klassischen weißen „DSX“-Stühlen des Ehepaars Charles und Ray Eames mit Eiffeltower-Fußgestell (sic!) von Vitra.

Vergängliches Vergnügen

Temporäre Bauten liegen ganz im Trend, insbesondere wenn sie solch ästhetische Qualitäten haben wie dieser hier. Vorgemacht hat es vor ein paar Jahren der Berliner Designer Werner Aisslinger, der mit seinen – zugegebenermaßen nicht ganz günstigen – „Loft Cubes“ Stadt und Land erobert. Und auch in Yverdon, Leipzig und Paris war Ähnliches schon zu sehen: ein transportables Ein-Raum-Hotel namens „Everland“ der Schweizer Künstler Sabine Lang und Daniel Baumann.
Ein Jahr genau wird das Restaurant „Nomya“ in Paris geöffnet sein – dann ist es wieder für den Abtransport bereit und könnte irgendwo auf der Welt aufgebaut werden. Wir könnten uns da so einige Orte vorstellen, an denen es sich gut machen würde: hoch oben auf den korsischen Klippen, in der Wüste von Arizona oder auf einem Wolkenkratzer in New York.
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