Wohnen am Hang

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Text: Kristina Herresthal
Foto: Maíra Acayaba

Das Joazeiro House von Cupertino Arquitetura in São Paulo ist zwar nur 50 Meter von einer großen Erschließungsstraße entfernt, aber es liegt am Hang, und auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine geschützte Grünanlage. Das ist toll, denn diese räumliche Konstellation verleiht Grundstück und Haus trotz der zentralen, urbanen Lage ein geradezu kleinstädtisches Gefühl.



Die Nachbarschaft besteht aus Häusern, die mindestens 40 Jahre oder älter sind. Und da sich die baulichen Vorschriften in diesem Zeitraum grundsätzlich verändert haben, ist für die Gegend eine atypische Grundrissgestaltung entstanden. Die gegenwärtige Gesetzeslage sieht vor, dass die Gebäudehöhe von Neubauten, im Gegensatz zu derjenigen älterer Häuser, durch die Grundstücksfläche begrenzt wird. Daher liegt die Dachkante unterhalb der Nachbardächer.

Das Gebäude, das insgesamt 250 Quadratmeter Fläche umfasst, situierte das ebenfalls aus São Paulo stammende Büro Cupertino Arquitetura auf der Rückseite des Grundstücks, das Erdgeschossniveau liegt unterhalb dessen der Nachbarn. Außerdem wurde das klassische Raumprogramm umgekehrt: Die einzelnen Zimmer befinden sich auf der Straßenebene, die gemeinschaftlichen Wohnräume in den Geschossen darunter. Dabei legte Cupertino viel Wert darauf, Licht in das untere Geschoss zu lenken. Dies geschieht etwa durch die Aufteilung des Gebäudes in zwei separate Volumen, die durch ein gläsernes Treppenhaus verbunden sind, das wiederum Tageslicht nach unten führt. Statt des Wohnzimmers orientierten die Architekten Küche und Esszimmer zum Garten hin. Diesen Räumen maßen sie auch deshalb viel Bedeutung bei, da die Bewohner des Hauses sich auch beruflich mit Essen auseinandersetzen.



Ursprünglich wollten die Architekten eine Fassade aus Metallblech umsetzen, die sich um eine Glaskonstruktion herum faltet. Und in die Metallbleche sollte mit einer Laserschneidemaschine ein einheitliches Muster geschnitten werden. Aber da für die schwierige Umsetzung keine Fachfirmen zu finden waren, entschlossen sie sich dazu, auf traditionelle Bautechniken zurückzugreifen: Cupertino entwickelten ein regelmäßiges Raster basierend auf einem konventionellen Ziegelstein, und begannen dann dahinter Öffnungen für Licht und Zugang nach den Erfordernissen der angrenzenden Räume in diese Hülle einzuschneiden. So ist die ursprüngliche Idee einer einheitlichen Gebäudehülle erhalten geblieben; durch die Öffnungen kann  Licht einfallen, die Privatsphäre aber bleibt bewahrt.



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Das Wohnhaus erinnert an andere Wohnhäuser der brasilianischen Moderne, etwa darin, dass die Innenräume zugleich geschützt und behaglich sind, dabei gleichzeitig hell und mit dem Außenraum verwoben. Auch die Materialität, die vor allem durch die Verbindung von warmen Holzoberflächen mit Beton und Steinfliesen bestimmt ist, scheint Bezug auf Architekten wie Lina Bo Bardi oder Mendez da Rocha zu nehmen.

(Der Artikel erschien zuerst in den BauNetz Meldungen)

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