Wohnen im Dreieck

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Text: Katharina Horstmann


Ferienhäuser an der See bieten zahlreiche Möglichkeiten für gestalterische Experimente: luftige Räume, die sich perfekt in die Topografie der Küstenlandschaft integrieren, spielerisch gestaltete Promenaden, die eine Verbindung zum Meer schaffen, oder großzügige Terrassen, die scheinbar ins Nichts zwischen Himmel und Ozean verlaufen. So auch das Haus Nowhere but Sajima des japanischen Architekten Yasutaka Yoshimura. Gelegen in dem kleinen Fischerort Sajima, nur eine Autostunde südlich von Tokio entfernt, ist das Feriendomizil in einem Dreieck organisiert und hat nur eins im Blick: das Meer.
 
 
Der weiße Bau grenzt direkt an eine alte Ufermauer. Um eine zu starke Belastung auf diese zu vermeiden und trotzdem den gesamten, an ihr entlang verlaufenden Raum zu nutzen, entwickelte der Architekt Yasutaka Yoshimura eine Gebäudestruktur, die ganz zum Wasser ausgerichtet ist. Sie nimmt die gesamte Uferseite ein und endet zum Festland hin in einem Dreieck. An den beiden Straßenfronten gibt es nur wenige Fensteröffnungen, zum Wasser jedoch zahlreiche. Auch die Innenräume richten sich – wortwörtlich – zur Wasserseite. Sie sind in Schläuchen organisiert, die zum Meer hinauslaufen. Ihre Größe und Form richtet sich nicht nur nach der Raumnutzung, sondern auch nach den Richtlinien des Glases. Yasutaka Yoshimura wollte durchgängige Glasfronten schaffen, ohne Pfosten oder andere Unterteilungen. Diese mussten jedoch verschiedenen Aspekten – Brandschutz, Bauvorschriften, Kosten – entsprechen. So entstand ein dekoratives Fassadenmuster, das mal in einem Dreieck, mal in einem Bogen oder schlicht in Quadraten resultiert. Der schachtartige Grundriss selbst hat ebenfalls einen spielerisch-dekorativen Effekt. Mal wird ein Schlauch in mehrere Zimmer geteilt, mal sind mehrere Schläuche miteinander verbunden, um einen Raum zu formen.
 
Spiel aus Schläuchen
 
Betritt man das dreigeschossige, 180 Quadratmeter große Gebäude durch die Haustür aus hellem Kiefernholz, findet man sich in einem langen Flur wieder. Er wird am Ende durch ein dreieckiges Treppenhaus begrenzt und setzt sich zusammen aus insgesamt vier aufeinander folgenden Schläuchen, die wie eine Aneinanderreihung von kleinen Durchgangszimmern wirken. Die Schläuche nehmen die gesamte Wohnfläche ein, sind jedoch rechts und links durch Wände aus Kiefernholz unterteilt. Hinter der rechten Wand befinden sich die Garage und eine kleine Gästetoilette; hinter der linken ein Schlafzimmer, in das man durch eine Tür im hintersten, dem vierten „Schlauch“ gelangt. Es wirkt fast wie ein großzügig gestalteter Balkon: Eine große Fensteröffnung, die zur Uferseite nur durch eine halbhohe Balustrade aus Stahlbeton getrennt ist, bietet einen atemberaubenden Blick über das Wasser. Um nicht von dieser Aussicht abzulenken, ist der Raum sehr spartanisch eingerichtet. Die Böden bestehen – je nach Schlauch – aus einem großen Natursteinmosaik oder aus einem offen liegenden Estrich, die Wände und Decken sind weiß – abgesehen von der Kiefernwand zum Gebäudeinneren.
 
Zwischen Himmel und See
 
Die erste Etage wiederum umfasst den Wohnbereich, der sich aus zwei großen Schläuchen zusammensetzt. Von der Wendeltreppe gelangt man zunächst durch eine hölzerne Schiebetür in das Wohnzimmer. Wo im Erdgeschoss die Räume durch eine Balustrade vom Wasser getrennt sind, nimmt hier eine große Glaswand die Uferseite ein – mit dem Effekt, dass der Raum in den Horizont zwischen Himmel und See zu verlaufen scheint; der Fußboden aus einem blauen Stäbchenmosaik unterstreicht diese Wirkung. Wie schon in der unteren Etage ist auch der Wohnbereich nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Wände und Decken wurden in Sichtbeton ausgeführt. Die einzigen Möbel sind eine große bunte Sitzlandschaft, die der großen Fensterfront gegenüber steht und die gesamte Länge des Raumes einnimmt, sowie ein sich hinter ihr befindender langer Schreibtisch.
 
An das Wohnzimmer grenzt ein weiterer, etwas schmalerer Schlauch, der um eine Stufe erhöht ist und die Essküche umfasst. Hier fiel die Materialwahl auf Beton, Holz und Glas. Anstatt einer schlichten Glasfront setzte Yasutaka Yoshimura an die Uferseite einen kleinen Balkon. Auf diesem steht ein langer Betontisch, der durch eine Glaswand hindurch in den Innenraum übergeht und hier als Essplatz dient. Dahinter – im Gebäudeinneren – steht eine lange Küchenzeile, die aus Beton und Holz besteht und somit das Materialkonzept des Raumes aufgreift.
 
Abbrechen ins Nichts
 
Die zweite Etage setzt sich wieder aus vier Schläuchen zusammen. Sie sind in der Mitte zweigeteilt. An der Uferseite befinden sich ein Schlafzimmer sowie ein kleiner Arbeitsplatz. Letzterer besteht aus einer Holzplatte, die an die beiden angrenzenden Wände befestigt ist und sich direkt vor einem raumhohen Fenster mit Rundbogen befindet. Danach folgt der Schlafbereich. Ähnlich dem Wohnzimmer im ersten Stock besteht es aus zwei Teilen – oder „Schläuchen“, wovon der erste wieder eine große Glasfront zum Ufer besitzt. Auch hier scheint der Raum in den Horizont zwischen Himmel und Ozean zu verlaufen. Doch anders als im Wohnbereich ist der Fußboden mit einer weinroten Auslegeware bedeckt, was den Raum einerseits wohnlicher macht, wodurch er aber andererseits plötzlich in Nichts „abzubrechen“ scheint. Zwei große Betten stehen im nächsten offen angrenzenden Schlauch und erscheinen durch den Wandeinbruch wie eine eingerahmt Koje.  An der Wasserseite gibt es wieder einen kleinen Balkon, der durch eine Glastür zu erreichen ist. Auch hier sind die Wände und Decken in Weiß gestrichen oder bestehen aus Beton.
 
Baden im Übernatürlichen
 
Hinter dem Schlafbereich, auf der Festlandseite, führt ein langer, von zwei Innenterrassen gerahmter Flur zum Badezimmer. Die Fußböden hier wirken sehr grafisch: Sie wechseln von Schlauch zu Schlauch das Material; in einem befindet sich sogar eine große Glasluke, die in die untere Etage blicken lässt.
Das Bad selbst ist ganz in Weiß gestaltet: Die Decken sind in Weiß gestrichen, Wände und Böden bestehen aus weißen Mosaiksteinen und auch das Sanitär ist weiß. Links vom Eingang befindet sich ein länglicher Waschtisch, dahinter das WC. Am Ende steht eine großzügige, vieleckige Badewanne vor einem ebenfalls ganz in Weiß gehaltenen und zum Ozean ausgerichteten Balkon. Das einheitliche Farbkonzept – oder Nicht-Farbkonzept – verleiht dem Raum etwas Übernatürliches und macht ihn zu einem perfekten Ort, von dem aus der Blick weit schweifen kann – über das Meer, die Halbinsel Enoshima bis zu dem Berg Fuji.

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