Zeitreisen in Warschau

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Joel Hauck

Auf 122 Quadratmetern von der Dreißigerjahre-Moderne in die Gegenwart: Ein Wohnungsumbau in der polnischen Hauptstadt zeigt, wie kohärent die Arbeiten von Gestaltern zusammenpassen, die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs tätig waren. Auch die Gegenwart wird in dieses Ensemble eingebunden. 

Interieurs sind mehr als nur Innenräume. Sie sind dreidimensionale Geschichtenerzähler. Jedes Möbelstück, jede Leuchte, jede Vase, ja sogar jede Zimmerpflanze hat selten nur aus Zufall den Weg in eine Wohnung gefunden. Mit ihnen verbinden sich Erlebnisse, Hoffnungen, Wünsche und Andenken – ein Kaleidoskop des Lebens, dessen Wirkung über die Summe der Einzelteile weit hinausgeht. Die Aneignung solcher Dinge kann jahreslanges Sammeln und Stöbern erfordern. Wer es eiliger hat, holt sich dafür die passende Unterstützung. 

Ein glückliches Händchen für wohnliche Zeitreisen besitzt das in Warschau, Stettin und Berlin ansässige Innenarchitekturbüro Loft Kolasiński. „Wir schätzen vor allem Dinge, die in den Zwanziger- bis Siebzigerjahren entstanden sind“, sagt Büro-Gründer Jacek Kolasiński. In einem Gebäude aus dem Jahr 1936 im Stadtteil Stara Ochota im Südwesten des heutigen Warschauer Hauptbahnhofs hat er eine Wohnung umgebaut und von Grund auf neu eingerichtet. Von Künstlichkeit ist dennoch keine Spur. 

Lebendige Mixturen 
Ausgewählte Vintage-Stücke werden mit neu aufgelegten Designklassikern und eigens angefertigten Möbeln verbunden. Doch bevor es an die Einrichtung ging, musste erst einmal der Grundriss überarbeitet werden. „Es war notwendig, zahlreiche Trennwände zu entfernen und den Raum neu zu organisieren. Das Hauptziel bestand darin, einen großen Wohnbereich zu erzeugen und ihn mit der Küche, dem Esszimmer und zwei Badezimmern zu kombinieren“, erklärt der Architekt. Auf 122 Quadratmetern bietet das Apartment zudem zwei Schlafzimmer sowie ein Arbeitszimmer, die ebenso wie der Wohnbereich mit einem neu aufbereiteten, historischen Fischgrätparkett aufwarten.

Vintage-Stücke werden mit neu aufgelegten Designklassikern und eigens angefertigten Möbeln verbunden.
West trifft Ost 
Die Möblierung findet ihren zeitlichen Ursprung ebenso in der Architektur. Der Fauteuil de Salon von Jean Prouvé entstand nur drei Jahre nach der Fertigstellung des Hauses. Den Sprung in die Nachkriegsmoderne meistern ein Eames Couchtisch mit eckiger Marmorplatte (1949), der Holzstuhl Result von Friso Kramer und Wim Rietveld Bordeaux (1953), ein runder Beistelltisch aus der Tulip-Serie von Eero Saarinen (1955-1957) sowie ein graues Sofa aus der Ray-Kollektion von Antonio Citterio (2010). Dazu gesellen sich Klassiker des polnischen Designs wie der Sessel GFM-142 mit passendem Ottomanen, der von Edmund Homa Anfang der Sechzigerjahre für die Möbelfabrik Gościecińska entworfen wurde. Aus derselben Zeit stammen die von Apolinary Galecki gestalteten Stehleuchten im Wohn- und Arbeitszimmer sowie die Wandleuchten neben den Betten.

Nahtlose Verbindung 
Auch neue Möbel sind von Jacek Kolasiński konzipiert worden, darunter ein Schubladenschrank, ein Bücherregal, eine Bank, zwei Betten, verschiedene Wandspiegel, eine bewegliche Kücheninsel, die Einbauküche, die Badezimmerschränke sowie die Duschkabine. Die Umsetzung dieser Stücke erfolgte durch den Schreinermeister Zbigniew Dzitkowski, der seine Werkstatt in der Kleinstadt Płoty unweit von Stettin unterhält. Das Neue nimmt sich bewusst zurück. Es definiert eine Bühne, auf der sich die Vintage-Möbel und neu aufgelegten Klassiker entfalten können. Es ist interessant, wie stimmig sich die Dinge zusammenfügen. Sie lassen dabei nicht nur die zeitlichen Sprünge vergessen, sondern ebenso den Umstand, dass sie einst in konträren Systemen entstanden sind. 

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