Zickzack in Barcelona

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Text: Nina C. Müller
Foto: Nieve - Productora Audiovisual Barcelona

Wie schafft man auf nur 55 Quadratmetern entspannten Lebensraum für eine kleine Familie oder eine Wohngemeinschaft, ohne an Privatsphäre, Geräumigkeit oder Licht einzubüßen? Mit dem Umbau dieser Altbauwohnung im Herzen von Barcelona ließ das Team von Nook die Architekturgeschichte wieder aufleben. Das Ergebnis: eine durchweg runde Sache.

Als 1939 der spanische Bürgerkrieg zu Ende ging, veränderte sich das Stadtbild von Barcelona rasant: Da die katalanische Industriemetropole verhältnismäßig schnell wieder auf die Beine kam, zogen zahlreiche Familien vom Land in die Stadt. Doch trotz der erhöhten Nachfrage nach Wohnraum war eine Expansion aufgrund der ökonomischen Risiken ad hoc kaum möglich. Die Folge: gelockerte Baubestimmungen, die nicht selten zu Erweiterungen bereits bestehender Bauten um weitere zwei bis drei Etagen führten. Um dennoch das Sonnenlicht weiterhin auch in untere Wohnungen und auf die Straße kommen zu lassen, ließ man den aufgesetzten Volumen stufenförmig zurückspringen, so dass sie teilweise noch heute mit ungewöhnlichen Innenleben aufwarten.

Zacken in der Krone

„Der Grund waren neue Bautechniken, die nun deutlich weitläufigere Grundrisse erlaubten“, so die spanischen Architekten. Wie auch in diesem zentralen gelegenen Gebäude im Viertel Eixample Dret: Ein zwölf Quadratmeter großer Anbau mit zwei Balkonen wurde dem Bestand angegliedert. „Diese Räume nutzte man aufgrund ihrer Dimensionen zumeist als Schlafzimmer“, sagen die Planer von Nook. „Die Ess- und Wohnbereiche hingegen legte man hier in den gegenüberliegenden Bereich hinter eine leicht Zickzack-förmige Fassade, ein eher untypisches Merkmal für Barcelona.“ Hier – weit oben über den Dächern der Stadt – sollte nun bald eine Familie oder eine Wohngemeinschaft Platz finden.

Rund gelaufen

Drei weit ausladende Rundbögen verbinden die Balkone und den Schlafbereich mit dem gesamten restlichen Wohnraum und versorgen ihn großzügig mit Licht. „Unser Bauherr wünschte sich jedoch ein zusätzliches, abgeschlossenes Zimmer. Da war klar, dass wir diesen neuen Raum vom geräumigen Wohnareal abtrennen müssen“, so die Planer. Den Raum zu unterteilen, kam dennoch nicht infrage, da so einerseits die Dreierfolge der Rundbögen unterbrochen worden wäre. Andererseits hätte man damit den Rest der Wohnung um viel Licht und Luft gebracht. Ihre Lösung lag daher in einer Schiebetür, die im geöffneten Zustand den Blick auf die volle Länge der gewölbten Fassade freigibt und den Raum weiterhin als Ganzes erscheinen lässt. Auch im Schlafzimmer integrierten sie eine halbtransparente, bewegliche Tür – hier jedoch mit einer anderen Absicht: „Wir wollten, dass es so aussieht, als führe der Bogen nicht in einen angrenzenden Raum, sondern direkt nach draußen“, so das Team.

Frei interpretiert

Da die überwölbten Durchgänge neben ihren zahlreichen positiven Eigenschaften auch viel Platz vereinnahmten, verlieh ihnen das Trio zudem einen weiteren Nutzen. In Form von farb- und formreduzierten Einbauschränken, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden, brachten sie dort den gewünschten Stauraum unter. „Auf diese Weise erreichten wir, ohne Stellflächen einzubüßen, eine homogene Gesamterscheinung“, so die Planer. Lediglich in Küche und in den Nassräumen, die ebenfalls weitgehend offen in den Wohnbereich übergehen, strebten sie eine klare optische Abtrennung an: Während das komplette Apartment mit Holz ausgelegt ist, wählten sie für diesen kleineren Abschnitt farbige Zementfliesen. „Diese Kacheln sollen an die Zeit der Industrialisierung und des Modernisme erinnern.“

Damit stehen diese Details für eine Haltung, wie sie auch im Rest der Wohnung erkennbar ist: Wie ihre Vorgänger, die damals respektvolle Baulösungen suchten, um die unteren Stockwerke nicht im Dunklen stehen zu lassen, so suchte auch das Team von Nook nach Methoden, die zugleich Privatsphäre und ein luftiges, helles Wohngefühl zulassen.

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