Zwei Mexikaner in New York

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Text: Katharina Horstmann

 
Der New Yorker Stadtteil Chelsea gilt seit zwei Jahrzehnten als Kunstmekka. In keiner anderen Stadt gibt es eine so hohe Dichte an Kunstgalerien wie hier. Bekannt wurde das Viertel in der Kunstwelt jedoch durch das legendäre Chelsea-Hotel, in dem einst Andy Warhol seine „Chelsea Girls“ auf Zelluloid bannte. Nur wenige Straßen von diesem entfernt, hat Anfang September mit dem Hôtel Americano ein möglicher Kontrahent eröffnet. Entworfen von dem mexikanischen Architekten Enrique Norten in Zusammenarbeit mit dem Pariser Gestalter Arnaud Montigny, ist es das erste Projekt der beiden Hoteliers und Visionäre Carlos Coutierer und Moises Micha außerhalb Mexikos, das einen urbanen Ort gekonnt mit lateinamerikanischen Einflüssen verbindet. Die Hauptattraktion ist der Pool auf der Dachterrasse: Dieser bietet nicht nur einen atemberaubenden Blick über Manhattan, sondern lässt sich im Winter in einen Whirlpool verwandeln.
 
 
Für das Gebäude ließ sich Enrique Norten vom Büro TEN Arquitectos vom Treiben auf Chelseas’ Straßen inspirieren, die am Tag von den anliegenden Kunstgalerien und nachts von den Clubs und Bars dominiert werden. Das Ergebnis ist ein zehnstöckiger Bau, dessen Fassade aus einem industriell anmutenden Metallnetz besteht, das die Innenräume von der Strasse abschirmt, ohne die Tageslichtzufuhr zu sehr zu beeinträchtigen.
 
Minimal und dennoch behaglich
 
Auch das Hotelinnere spielt mit dem Konzept der industriellen Luftigkeit, die alles andere als ungemütlich wirkt. Der Eingangbereich ist ein heller Raum mit Boden aus Sichtbeton und Wänden aus Holz, grauen Natursteinen oder Glas, in dem sich die Rezeption sowie ein Restaurant mit Terrassennutzung befinden. Die Räume sind geradlinig und spärlich gestaltet und wirken dennoch angenehm behaglich. Dafür sorgte Arnaud Montignys gekonnte Kombination der drei Farben Schwarz-Weiß-Grau, der unterschiedlichen Materialien und Details sowie der modernen Möbel.
 
Natürliche Materialien
 
Montigny, der sich insbesondere mit der Gestaltung des Konzeptstores Colette in Paris einen Namen gemacht hat, hat in den vergangenen Jahren viel mit dem japanischen Architekten Kengo Kuma in Tokio zusammengearbeitet – eine Erfahrung, die sicherlich die Gestaltung des Hôtel Americano beeinflusste. Dies zeigt sich nicht nur in der Wahl der natürlichen Materialien, sondern insbesondere in der Gestaltung der 56 Zimmer und Suiten. Diese suggerieren ein urbanes Ryokan, ein traditionelles japanisches Hotelzimmer, in dem das Bett entweder auf einer erhöhten hölzernen Plattform steht oder sich in einer hölzernen Box befindet. Auch hier findet sich das Wechselspiel von Schwarz, Weiß und Grau: Wände und Decken sind am Fensterbereich weiß gestrichen und die Bettwäsche leuchtet ebenfalls in einem frischen Weiß. Kontrast dazu bieten die hölzernen Plattformen der Betten, die Böden aus Sichtbeton sowie die dunklen Wände und Decken im Zimmerinneren, an die das Badezimmer grenzt. Dieses ist ebenfalls sehr geradlinig gehalten und nimmt die Ästhetik des restlichen Interieurs auf: Wände und Boden bestehen aus weißem Carrara-Marmor. Im Kontrast dazu steht das weiße runde Waschbecken sowie das weiße Innere der ebenfalls mit Marmor verkleideten Einbaubadewanne.
 
Pool mit Wechselfunktion
 
Die größte Attraktion des Hôtel Americano ist die Dachterrasse mit Restaurant, Bar und Swimmingpool, die ebenfalls von Grautönen dominiert wird und wie ein Innenhof anmutet. Sie ist üppig mit Grünpflanzen bepflanzt und teilweise überdacht mit einer Decke aus Stahlbeton, die an den äußeren Wänden aufliegt. In der Mitte befindet sich eine lange Bar, die das Restaurant vom Poolbereich trennt. Der Pool selbst ist ein schmales kompaktes Rechteck, das eher zum Baden als zum Bahnenschwimmen einlädt und vielleicht gerade deswegen dem Konzept des Hôtel Americano, perfekt folgt. Im Sinne von „urbaner Gemütlichkeit gepaart mit lateinamerikanischen Einflüssen“ wird das Becken im Winter zu einem Whirlpool umfunktioniert - typisch für Mexiko Stadt, wo Jacuzzis sich meist im Freien befinden, aber eher untypisch für New York City.
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