Zwischen Orient und Okzident

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Text: Claudia Simone Hoff


Eine Melange zwischen Orient und Okzident hatte sich der Hausherr für seine hochherrschaftliche Altbauwohnung in der Claudiusstraße im Berliner Stadtteil Tiergarten gewünscht. Der türkischstämmige Architekt beauftragte den italienischen Küchenhersteller Strato – der eine Dependance vor Ort unterhält – mit dieser anspruchsvollen Aufgabe. Ging es doch nicht nur darum, die großzügig bemessene Küche zu planen, sondern auch um ein stimmiges Einrichtungskonzept für die gesamte, knapp 240 Quadratmeter große Wohnung.



Die Wohnung zieht sich vom Vorderhaus bis in den für Berlin so typischen Seitenflügel hinein – wodurch sie über zwei gesonderte und auch genutzte Eingänge verfügt. Der daraus resultierende, nicht ganz einfache Grundriss stellt sich folgendermaßen dar: Im Vorderhaus befinden sich zur Straße hin drei großzügige, durch Flügeltüren voneinander abgetrennte Zimmer mit Stuckelementen. Sie dienen den Funktionen Arbeiten, Wohnen und Essen und werden, genau wie das ihnen gegenüberliegende Schlafzimmer, vom Haupteingang aus über einen recht schmalen Flur erschlossen. Von diesem Flur erreicht man das sogenannte Berliner Zimmer, das traditionell Vorderhaus mit Seitenflügel verbindet und häufig zwar groß, aber auch recht dunkel ist. Im Seitenflügeltrakt der Wohnung liegt ein zweiter, langer und schmaler Flur, von dem verschiedene Räume wie Bad und Kinderzimmer abgehen.

Wie ein Berliner Zimmer zur Küche wurde

Die (Innen-)Architekten von Strato – die für die Umsetzung des Projekts samt Umbau, Möbelsuche und -anfertigung knapp vier Monate Zeit hatten – entschieden sich, die Küche in das Berliner Zimmer zu legen. Durch die Größe von vierzig Quadratmetern und die Lage des Raums als Mittler zwischen Vorderhaus und Seitenflügel wird dieser ganz automatisch zum kommunikativen Mittelpunkt der Wohnung – ganz dem Trend zur Wohnküche folgend. An die Küche schließt sich in einer Flucht das Esszimmer im Vorderhaus an, das spartanisch eingerichtet wurde: mit einem im Antiquitätenhandel erworbenen, fast vier Meter langen französischen Holztisch. Dieser kann bei Bedarf ganz einfach zur Seite geschoben werden, so dass schnell ein kleiner Tanzsaal entsteht. Um ihn herum gruppieren sich Eero Saarinens weiße „Tulip Chairs“ des amerikanischen Möbelherstellers Knoll. In der Ecke leuchtet passend dazu eine weiße Stehlampe namens „Spun Light“, die der Designer Sebastian Wrong für den italienischen Leuchtenhersteller Flos entworfen hat. Ist der Tisch eingedeckt, dann mit der Glasserie „Essence“, die Alfredo Häberli für den finnischen Designhersteller Iittala gestaltete und die in ihrer Schnörkellosigkeit das Ambiente des Raums unterstreicht.

Mystik, kombiniert mit Skandinavien

Schnörkellos ist auch die Strato-Küche mit der Armatur „Yve“ des Schweizer Herstellers KWC. Das Küchenmobiliar besteht aus zwei wesentlichen Elementen: einer an die hintere Wand gestellten Spüleinheit sowie der gegenüber, frei im Raum positionierten Kocheinheit. Die schlicht gestalteten weißen Küchenmöbel harmonieren mit den weißen Wänden und dem alten grünen Kachelofen in der einen Zimmerecke, der manchmal noch in Betrieb ist. Über der Arbeitsfläche aus Edelstahl hängen vier Lampen aus Messing, die orientalisch wirken, aber ganz und gar skandinavisch sind: Alvar Aalto entwarf die Hängelampe A330 „Goldlocke" bereits in den dreißiger Jahren für ein Restaurant in Helsinki. Der Lichtkegel ist durch seine enge Öffnung reduziert, aber mit einem darunter liegenden perforiertem Ring kombiniert, der eine schöne Lichtkrone schafft. Gekocht wird übrigens auf einem Induktionskochfeld der Firma Küppersbusch. Die leicht mystisch angehauchte Atmosphäre des Raums wird unterstützt durch den riesigen Orientteppich, der vor der Kocheinheit liegt und ein Erbstück des Hausherrn ist, und der dunkelblau gestrichenen Rückwand des Raums. Dort integriert wurden der Kühl- und ein Vorratsschrank. Die Küche ist – wie im Übrigen die gesamte Wohnung – mit einem dunkel gebeizten alten Fischgrät-Parkett ausgelegt.

Trouvaillen und Selbstentworfenes

Wo fertige Möbel oder Leuchten nicht die beste Lösung darstellten, wurde kurzerhand von Strato selbst entworfen. So ist beispielsweise der Arbeitstisch im Büro ein Strato-Eigenbau: Lang und schmal ist er in den Ausmaßen. Dahinter kann der Hausherr seine Korrespondenz auf einem von Vitra hergestellten schwarzen „Aluminium Chair“ von Charles und Ray Eames erledigen. Sitzt er hingegen am hölzernen Esstisch, leuchtet über ihm ein farblich zum Raum passender, schlichter Lampenschirm aus Stoff. Und Hans-Olaf Schulz, Innenarchitekt bei Strato, hatte noch eine schöne Idee: Kurzerhand verwandelte er schlichte weiße Vasen der Porzellanmanufaktur KPM zu Lampen und verpasste ihnen farbige Stoffschirme. Sie korrespondieren mit der in ihrer ursprünglichen Bedeutung beibehaltenen KPM-Vase, die auf dem Schreibtisch Platz gefunden hat. Auffällig ist auch die Gestaltung des knapp neun Meter langen Flurs im Seitenflügel. Um die verschieden hohen Türen zu kaschieren und zusätzlichen Stauraum zu schaffen, gleichzeitig aber Einheitlichkeit herzustellen, entwarfen die Designer von Strato ein der Wand vorgeschobenes Element aus Messing – ein Material, das es dem Auftraggeber besonders angetan hat. Nun verbergen sich hinter den gleich breiten und hohen Türen Schränke sowie die Eingänge zu Kammer, Bad und Kinderzimmer.

Ein Hamam mitten in Berlin

Apropos Bad: Strato ist neben der Herstellung von Küchen auch auf die Realisierung von Bädern spezialisiert. Und in dieser Wohnung gibt es etwas ganz Besonderes zu sehen: Der Hausherr hatte sich neben der Regenbrause „Meta 02“ von Dornbracht auch ein privates Hamam gewünscht. Und so kann er nun hinter einem üppigen, theaterähnlichen Vorhang in einer großzügigen Nische auf geheizten Stufen sitzen – während warmes Wasser aus Arne Jacobsens nachträglich mit einer Messing-Legierung versehenen Vola-Armaturen auf den Boden fließt – und sich genüsslich den Rücken schrubben. Da fehlt eigentlich nur ein Glas türkischer Tee, um sich wie im Orient mitten in Berlin zu fühlen.
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