Zwischen den Räumen: Hotel von Claesson Koivisto Rune

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Text: Nina C. Müller
Foto: Yikin Hyo

In Japan teilte man die Auffassung, dass Schönheit nicht in den Objekten selbst zu suchen sei, sondern im Helldunkel und im Schattenspiel, das sich zwischen ihnen entfaltet, schreibt der Autor Tanizaki Jun’ichirō in einem in den Dreißigerjahren veröffentlichten Essay. Dass diese These auch heute noch Bestand hat, führen die schwedischen Planer von Claesson Koivisto Rune Architects vor Augen. Für das Interiordesign eines Tokioter Boutique-Hotels spielen sie mit natürlichem und künstlichem Licht. Und beweisen einen behutsamen Umgang mit Farbe, Material, Mobiliar – und den Räumen dazwischen.

„Aimai“ ist japanisch und heißt soviel wie vage, doppeldeutig oder opak. Weiter beschreibe der Begriff die Aufhebung von Grenzen. In Japan sei das positiv, gar poetisch konnotiert, erklären die schwedischen Architekten Mårten Claesson, Eero Koivisto und Ola Rune, die sich davon für die Innenraumgestaltung des K5 inspirieren ließen. In dem Boutique-Hotel, das gerade im östlich gelegenen Viertel Kabutochō eröffnet wurde, bezieht „aimai“ sich auf ein offenes Raumverständnis, das Mehrfachnutzung und fließende Übergänge verschiedener Funktionen miteinschließt.

Grüne Grenzen
Konkret bedeutet das ein öffentlicher Bereich, der gleichsam, aber nicht gleichzeitig, als Café, Lounge, Weinbar oder Restaurant dient. Abwechselnd macht eine Raumnutzung Platz für die nächste, je nach Tageszeit. Wo sich tagsüber eine Tee-Lounge und eine Bibliothek befinden, trifft man am Abend auf eine Cocktailbar. Offen für Besucher, sollen sich an diesem Ort Hotelgäste und Einheimische mischen. Trennungen zwischen den Räumen entstehen durch offene Regale und eine fein austarierte Platzierung zahlreicher Topfpflanzen. Unregelmäßig arrangiert, an Wänden, vor Fenstern, aber auch mitten im Raum, findet man diverse Klettergewächse, Gummibäume, Kakteen, Palmen und sogar fast raumhohe Bäume vor, mit denen die Architekten für eine ungewöhnlich organische Atmosphäre innerhalb der Hotelarchitektur sorgen.

In den Zimmern fügt sich ihr saftiges Grünen in eine Komposition aus japanischem Stuck, rohem Beton, Zedernholz und kräftigen Rot- und Indigo-Tönen. „Diese Farben sind unserer Auffassung nach sehr japanisch“, sagen die Schweden, die mit diesem Trio einen Kontrast zu den Oberflächen von Böden und Wänden erzielen. Das Rot leite sich ab aus dem Zinnober traditioneller japanischer Torii-Tore. Das verwendete Blau hätte seinen Ursprung in der kaiserlichen Katsura-Villa in Kyoto. Hier findet man es in Fliesenböden, Polstern und in den Farbverläufen zentral drapierter Vorhänge, mit denen Raumzonen sanft voneinander getrennt werden.

Leuchtende Farben
Diese Kombination aus Pflanzen, Holzmobiliar und tiefem Blau sorgt zudem für unerwartet natürlich-frische Akzente. Hier in einem ehemaligen Bankgebäude aus Beton, inmitten des ehemaligen Finanzzentrums und unweit der Börse ruft sie Assoziationen an harmonische Landschaften hervor. Der organische Farbverlauf des Leinenvorhangs weckt Erinnerungen an das Meer, den Himmel und die Übergänge von Tag und Nacht. Wie viele andere Objekte – insgesamt 20 an der Zahl – entwarfen die Stockholmer auch einige Deckenleuchten aus Waschi-Papier selbst. Ihre Schirme und die Vorhänge wirken wie ein schützender Kokon. Wer Rückzug sucht, lässt sich in den Räumen also buchstäblich einhüllen oder einlullen.

Grundriss
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Fliehende Schatten
Ähnlich scheinen die Überlegung für die Gestaltung der Korridore. Hier standen die Architekten vor einer planerischen Herausforderung, denn die Westfassade des Hotels liegt gegenüber einer dreispurigen Überführung, von der die Scheinwerfer der vorbeischnellenden Autos ins Gebäude treffen. „Ich denke, wir haben dieses Problem in einen Vorteil umgewandelt“, sagt Rune. Mit seinen Partnern verkleidete er die Front des Gebäudes mit einer Reihe getönter, strukturierter Fenster, die die Strahlen dämpfen und in effektvolle Lichtspiele verwandeln. Normalerweise seien Hotelkorridore ein vergessener Raum. Jetzt aber entsteht ein atmosphärisches Lichtspiel, das das „Gefühl eines Films oder einer Zugfahrt“ vermittle. Mit diesen Planungs- und Lichtlösungen in Gäste- und Gemeinschaftsbereichen gelangen den Designern von Claesson Koivisto Rune Architects harmonische, fast unmerkliche Übergänge und stimmungsvolle Interventionen mit der Umgebung, die durchaus Störfaktoren bereithielt. Doch sogar die angrenzende Autobahn konnte CKR in ein Lichtspektakel der Entspannung – und Entschleunigung umdeuten.

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