Über den Dächern von Tirol

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Text: Norman Kietzmann


Auf zu neuen Gipfeln. In 3200 Metern Höhe ragt eine neue Aussichtsplattform über der Spitze des Stubaier Gletschers und bildet zugleich ein neues Wahrzeichen für Tirol. Die Region erhofft sich dadurch auch in den touristisch schwächeren Sommermonaten deutlich mehr Besucher. Dass sich unter diese bald auch eine Reihe von Architekturfans mischen werden, dürfte angesichts des raffinierten Entwurfs der Innsbrucker Architekten Aste Architecture als sicher gelten.

Allein der Weg gleicht einer wahren Prozession. 3160 Meter hoch müssen die Besucher mit der Seilbahn zur Bergstation Schaufeljoch hinauf fahren und von dort aus die restlichen 70 Meter schließlich zu Fuß überwinden. Majestätisch ragt die neue Plattform neun Meter über die Klippen des Großen Isidor hinaus und schafft mit ihrer Kombination aus Dynamik und Statik einen fließenden Übergang zwischen Architektur und Landschaft.

Metallenes Leichtgewicht

Entworfen vom Innsbrucker Architekturbüro Aste Architecture präsentiert sich die Plattform als eine Konstruktion aus wetterfestem Corten-Stahl. Ihr Tragwerk ist als ein verzerrtes Trägerrost konzipiert aus dem die gekrümmten Schwerter des Geländers hervortreten. Zwischen den 50 Zentimeter hohen Trägern ein Hauch von nichts: ein feines Gitterrost, das in den schneefreien Sommermonaten einen beeindruckenden wie schwindelerregenden Blick vom Hang hinab ins Tal bietet. Archaisch auch die Materialität des Geländers. Dieses wurde wie auch die große Sitzbank aus Lärchenholz gefertigt und schafft einen spannungsvollen Kontrast zur Rauheit des rostfarbenen Stahls.

Montage in 3200 Metern Höhe

Stabilisiert wird die Plattform von einem Fundament aus Stahlbeton sowie mehreren Felsankern, die 15 Meter tief zum Hang hinabreichen. Die Montage an diesem im Dauerfrost befindlichen Baugrund stellte für die Architekten ein wesentliches Kriterium für ihre Planung. Schließlich mussten alle Bauteile an die Belastungsgrenze des Helikopters angepasst werden. Ein hoher Grad an Voranfertigung, eine hohe Passgenauigkeit und eine möglichst einfache Handhabbarkeit waren ebenso Vorraussetzung für eine Montage in eisiger wie windiger Höhe. Insgesamt drei Monate dauerte der Aufbau der rund 300.000 Euro teuren Konstruktion, für den die hohe Abhängigkeit von der Wetterlage eine keinesfalls einfach zu kalkulierende Planungssicherheit darstellte.

Inszenierung und Überzeichnung

Mit ihrer dynamisch fließenden Formensprache haben die Architekten ein spannungsvolles Bauwerk errichtet, das die Topografie der Berge aufnimmt und zugleich noch weiter übersteigert. Auch die besondere Farbigkeit trägt zu dieser Wirkung bei, ist doch der Fels des Isidors durch einen hohen Anteil an Eisen selbst stark rötlich gefärbt. Wenn im Winter die Plattform für sechs Monate von Schnee bedeckt wird, ragen nur die Schwerter des Geländers als sichtbarer Teil der Konstruktion heraus. Als Gradwandler der besonderen Art verschmilzt die Plattform mit der Landschaft und bleibt von weitem dennoch als ein architektonisches Zeichen im Schnee erkennbar.

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