Bürger im Bienenstock

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Quickborner Team / Herman Miller / Vitra Design Museum


Der Mensch ist keine Biene. Und auch keine Ameise. Anders als staatenbildende Insekten schätzen die meisten von uns bei der Arbeit eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Und wir sitzen gerne alleine – vielleicht noch zu zweit oder zu dritt – in einem überschaubaren Zimmer, denn eine gewisse Privatsphäre ist auch im Büro angenehm. Trotzdem gleichen nicht wenige Büros eher wimmelnden Ameisenhaufen oder quirligen Bienenstöcken, in denen viele Menschen gemeinsam in einem großen Raum ihren Tätigkeiten nachgehen. Erfunden an der Wende zum 20. Jahrhundert, um Verwaltungsarbeit zu rationalisieren, entwickelte sich der offene Büroraum rasch zum Erfolgsmodell. Eine kleine Geschichte des ungeliebten, unverzichtbaren Großraumbüros.


Gegenwärtig liegen die offenen Büroetagen und Arbeitshallen wieder im Trend – bei Neubauprojekten steigt ihre Zahl. Der Grund dafür ist so einfach wie desillusionierend: Der Großraum ist schlichtweg billiger als das Zellenbüro. Auf derselben, oft kostspieligen Fläche lassen sich in einer offenen Raumstruktur mehr Arbeitsplätze unterbringen. Während bei abgeschlossenen Einheiten pro Person 15 bis 18 Quadratmeter gebraucht werden, reichen im Großraumbüro acht bis zehn Quadratmeter. Von solchen Zahlen lassen sich Manager sicher leicht überzeugen, zumal, wenn die Unternehmensführung vor allem betriebswirtschaftlich-rational ausgerichtet ist. Auch Flexibilität ist ein wichtiges Stichwort: Eine offene Etage kann einfacher umstrukturiert werden als ein Zellentrakt. Und: Offene Arbeitsplätze gelten als kommunikativer. Wer sich sehen kann, kommt automatisch öfter in Kontakt und tauscht sich aus. Gute Ideen entstehen bekanntlich eher zufällig im informellen Gespräch.

Gesund ist das nicht

Aber all die schönen Argumente helfen nichts, denn das modisch-euphemistisch zum open space umdeklarierte Großraumbüro erfreut sich bei den Mitarbeitern großer Unbeliebtheit. Sein schlechter Ruf wird durch die Wissenschaft untermauert: Im vergangenen Jahr verkündeten australische Forscher, dass das offene Büro sogar gesundheitschädlich sei. Die Studie geisterte durch alle Medien und ist im Internet mit den Stichworten „Großraumbüro“ und „krank“ leicht zu finden. Lärm und Unruhe, schlechte Luft, zu wenig Tageslicht, keine Rückzugsmöglichkeiten und fröhlich prosperierende Krankeitskeime – so lauten die üblichen Klagen, wenn sich mehr als eine handvoll Menschen einen Büroraum teilen müssen.

Noch im 19. Jahrhundert war das Büro ein kleiner Raum, in dem wenige Männer schwere Kontorbücher wälzten. Die Verwaltungen waren winzige Anhängsel der großen Industriebetriebe – anders als heute überstieg die Zahl der Arbeiter in der Produktion bei weitem die Zahl derjenigen, die die Produktion verwalteten. Doch seit dem frühen 20. Jahrhundert veränderte sich die Arbeitswelt: Der Dienstleistungssektor wuchs, Banken, Versicherungen oder öffentliche Verwaltungen hatten einen steigenden Bedarf an white collar workers, also an Menschen, die nicht in der Fabrik malochten, sondern im sauberen Hemd am Schreibtisch arbeiteten.

Wie am Fließband

Organisiert wurde die neue Arbeitswelt vor allem in Amerika jedoch nach dem Erfolgsmodell der alten. Rationalisierung und Mechanisierung waren auch im Büro angesagt, die Verwaltung sollte arbeitsteilig und repetitiv ablaufen wie die Produktion von Fords „Modell T“ am Fließband. Und der passende Raum für diese vom Taylorismus geprägte Arbeitsorganisation war das Großraumbüro – ein offener Bau mit extrem tiefem Grundriss, dem man seine Herkunft von der Fabrikhalle ansah, und in dem Mitarbeiter und immer öfter auch Mitarbeiterinnen schön übersichtlich in Reih und Glied die Ablagen bedienten. Wobei Führungskräfte sehr wohl ihr eigenes Büroreich für sich beanspruchen konnten. Es ist indes dieser Typus der gewinnmaximierten Arbeitshalle, dem wir zwei der schönsten Büroräume der Architekturgeschichte zu verdanken haben: das abgerissene Larkin Administration Building in Buffalo (1904) und das bis heute erhaltene Johnson Wax Building in Racine (1937-39), beide von Frank Lloyd Wright.  

Wiederum die USA waren nach dem Zweiten Weltkrieg Vorreiter darin, die Vorzüge des Großraums mit dem der Zelle auf unnachahmliche Weise zu verbinden, indem sie in offene Etagen abgeschlossene Boxen hineinstellten, die berüchtigten cubicles. Eine hinreißende Satire auf die entfernt an Massentierhaltung erinnernden Arbeitskisten gelang dem Franzosen Jacques Tati in seinem Film „Playtime“: In einer Szene gerät sein Held und Alter Ego Monsieur Hulot in die kühle Cubicle-Etage eines International-Style-Bürohauses. Wer je selbst in der Box gesessen hat, weit weg vom Tageslicht, gut belüftet von der Aircon und allein mit sich und seiner Maus, der weiß, dass die Satire lediglich eine überdrehte Version der Realität ist.

Arbeiten in der Landschaft

Deutsche Unternehmen übernahmen zwar das Konzept des Großraumbüros – an Amerika kam der Zeitgeist nicht vorbei –, aber die Büros erreichten hierzulande selten amerikanische Ausmaße. Beispielsweise fielen die Grundrisse weniger tief aus, denn Normen schrieben unter anderem die „Sichtbeziehung nach außen“ für jeden Angestellten vor. Wie auch sonst die Arbeitskultur stark von nationalen Unterschieden geprägt ist: Die Akzeptanz des Großraumbüros ist in Großbritannien viel höher als in Italien oder bei uns. In Deutschland wurde der fast romantisch klingende Begriff der „Bürolandschaft“ geprägt: Eine Gruppe von Planern, später als „Quickborner Team“ bekannt geworden, konzipierte seit Ende der Fünziger die Arbeit im großen Raum neu. Weg von den starren, hierarchischen Strukturen, hin zu einer differenzierten, bewegten, abwechslungsreichen, also landschaftlichen Organisation des Büros.

Dem Quickborner Team ging es allerdings nicht um die bloß ästhetische Anordnung von Möbeln – vielmehr sollte die Gestaltung der Arbeitsplätze aus den Arbeitsabläufen und Bedürfnissen der Mitarbeiter abgeleitetet werden. Zudem sollten Trennwände, Pflanzen, Teppichböden und Akustikdecken das Arbeitsklima verbessern – das Ideal war die Humanisierung des Großraumbüros. Das Reformprojekt erwies sich auch international als erfolgreich, der Begriff „Bürolandschaft“ fand Eingang in die englische Sprache. Und das Team aus Quickborn plant bis heute: Ein Beispiel ist das neue Unilever-Gebäude in Hamburg, in dem die Arbeitsplätze zum größten Teil im offenen Raum liegen.

Das Bürger-Büro

Der amerikanische Möbelhersteller Herman Miller brachte 1968 das „Action Office System“ von George Nelson und Robert Probst auf den Markt, das erste Büromöbelsystem, das mit seiner Flexibilität und Modularität auf die Anforderungen des Großraumbüros antwortete. Vitra übernahm den Vertrieb in Europa. Der Schweizer Möbelhersteller hat es sich seither zur Aufgabe gemacht, neue Konzepte für Büroarbeitsplätze zu entwickeln. 1993 zeigte das Vitra Design Museum eine Ausstellung mit dem Titel „Citizen Office“: Ettore Sottsass, Michele de Lucchi und Andrea Branzi untersuchten, wie die Büros einer sich verändernden Arbeitswelt aussehen könnten. „Den aus Kontroll-, Autoritäts- und Vereinheitlichungsideologien hervorgegangenen Untertanen der Hierarchien des spätestens seit den 60er Jahren obsolet gewordenen Taylorismus, setzte es [das Projekt] das Paradigma eines freien Büro-Citoyen entgegen“, so Vitra.

Hatten die Quickborner den Arbeitsplatz noch in eine Landschaft einbetten wollen, so sahen die drei Italiener die Zukunft des Büros im urbanen Raum, der durch Komplexität, Veränderung und Atmosphäre gekennzeichnet ist. Die damaligen Ansätze finden sich in Vitras aktuellem Konzept Net ’n’ Nest wieder, das die Notwendigkeit von Offenheit und Austausch im open space mit dem Bedürfnis nach Rückzug und Konzentration versöhnen möchte. In der digitalisierten Arbeitswelt soll der mündige Bürobürger im Idealfall selbst entscheiden, wo und wie er arbeiten möchte. Aber eines ist sicher: Auch wenn die Bürobiene heute zum Arbeiten mal hierhin fliegt und mal dorthin – spätestens, wenn sie die Kolleginnen treffen will, muss sie zurück in ihren Bienenstock.

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