Happy birthday George Nelson!

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Vitra


Bunt und rund sind sie – Gute-Laune-Macher. Und dann noch dieser Name: Marshmallows. Wahrscheinlich wird sich jeder sogleich an Kindheitserlebnisse mit der klebrigen, süßen und rosa Zuckermasse erinnern. Der Design-Liebhaber denkt aber vielleicht auch an die runden, vielfarbigen Lederkissen des berühmten Marshmallow-Sofas. Entworfen wurde es von George Nelson, der neben Charles und Ray Eames, Harry Bertoia und Eero Saarinen zu den bekanntesten amerikanischen Gestaltern gehört. Dieses Jahr hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Jubiläum hat das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, im Besitz des George-Nelson-Archivs, eine umfassende Retrospektive vorbereitet. Sie feiert den Architekten, Autor, Designer und Lehrer und gibt Einblick in sein vielfältiges kreatives Schaffen.



“Styling ist ein Werkzeug im Wettbewerb – Design ist ein Mittel, den Wettbewerb auszuschalten.” (George Nelson)

In Connecticut geboren, studierte George Nelson (1908 – 1986) Architektur. Ein zweijähriges Stipendium in der American Academy in Rom ermöglichte es ihm in den 1930er Jahren quer durch Europa zu reisen und dabei im Rahmen von Interviews für das Magazin „Pencil Points“ die Avantgarde-Architekten Le Corbusier, Mies van der Rohe und Gropius zu interviewen. Damals begann seine Jahrzehnte währende publizistische Tätigkeit als Architektur- und Design-Kritiker: So berichtete Nelson beispielsweise über den damals neuen Beruf des Industriedesigners und stellte die Arbeiten von Norman Bel Geddes, Raymond Loewy und Henry Dreyfuss vor. Als Aufmacher des Artikels diente ein Cartoon aus dem „New Yorker“, in dem ein distinguierter Manager auf einer Vorstandssitzung verkündete: „Gentlemen, I am convinced that our next biscuit must be styled by Norman Bel Geddes “ – Design, das erkannten die verantwortlichen Unternehmen, war zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor avanciert. Deshalb boomte nach 1945 das amerikanische Industriedesign, hatten sich die USA doch zur größten Wirtschaftsmacht der Welt entwickelt.

Architektur als Experiment

Ephemere Architekturen waren ganz Nelsons Sache, wahrscheinlich weil sie seinem Hang zum spielerischen Experiment entgegen kamen: Egal ob es sich um die Gestaltung und Organisation der „American National Exhibition“ 1959 in Moskau handelte oder den Pavillon des amerikanischen Automobilherstellers Chrysler auf der New Yorker Weltausstellung von 1964 – immer war er begeistert und engagiert dabei. Als Architekt setzte sich Nelson, der 1935 Associate Editor der Zeitschriften „Architectural Forum“ und „Fortune“ sowie Chefredakteur des „Design Journal“ geworden war, aber auch intensiv mit Fragen des Wohnens, der Planung und Ausstattung von Häusern auseinander. Sein Lieblingssujet war das Einfamilienhaus. Eindrückliche Beispiele für Nelsons diesbezügliche Fertigkeiten sind die Sherman-Fairchild-Residenz in New York aus dem Jahr 1941 und das „Holiday House“ in Quogue (New York), das knapp ein Jahrzehnt später entstand.

Wie gesagt, Nelson liebte das Experiment. Dabei beschäftigte er sich insbesondere mit der Idee des Fertighauses. 1956 reichte er Vorschläge für das „Homestyle Center“ ein – eine Mustersiedlung von 50 Fertighäusern, die in Michigan entstehen sollte, aus Kostengründen dann aber nicht verwirklicht wurde. Das von ihm erdachte „Experimental House“ war ein modular aufgebautes Fertighaus, wobei das zweite, für das „Homestyle Cemter“ entworfene Modell aus einzelnen Pavillons bestand, die auf zwei unterschiedlichen, würfelförmigen Modulen basierten und unter transparenten Kuppeldächern die Wohnräume beherbergen sollten. Kleinere Module konnten daran angehängt und somit Verbindungen zwischen den größeren Modulen schaffen. Dieser Systemgedanke taucht auch in Nelsons Möbelentwürfen wieder auf.

Wie aus einem Saufgelage ein Designklassiker wurde

George Nelson war in vielen Bereichen aktiv: Neben dem studierten Beruf des Architekten und seiner journalistischen Tätigkeit tat er sich auch als (Industrie-)Designer hervor. Insbesondere erdachte er sich Konzepte für das Büro und erwies sich auch in diesem Feld als experimentierfreudig. So gilt Nelson als Vordenker der modernen Bürolandschaft. 1944 entwarf er zusammen mit Henry Wright das Konzept der „Storage Wall“. Dabei handelte es sich um an den Wänden entlang laufende Schranksysteme, die als Abstellraum genutzt werden sollten: innovative Stauraum-Möbel, praktisch und flexibel einsetzbar. Formuliert hatte er diese Idee in seinem Bestseller „Tomorrow’s House“, den er 1945 veröffentlichte.

Herausragend in Nelsons Design-Schaffen ist seine Arbeit für den amerikanischen Möbelhersteller Herman Miller. Er wurde kurzerhand engagiert, obwohl er bis dato noch keine Möbel entworfen hatte: „Ich weiß nicht, wie es kommt, aber die Idee, Möbel zu entwerfen, reizt Architekten immer, und da war ich mit Sicherheit keine Ausnahme.“ In den Jahren 1946 bis 1972 zeichnete er als Art Director des Unternehmens verantwortlich und seine erste Kollektion umfasste sage und schreibe 80 Stücke. Nelson war es auch, der Charles und Ray Eames sowie Isamu Noguchi für das Unternehmen verpflichtete. Unter seiner künstlerischen Leitung wurde Herman Miller zu einem der wichtigsten modernen amerikanischen Möbelproduzenten und zu Klassikern avancierte Möbelstücke wie das Marshmallow-Sofa oder der „Coconut Chair“ entstanden. Nelson entwarf für Herman Miller aber nicht nur Möbel, sondern frönte auch einer weiteren Leidenschaft, dem Entwerfen von Corporate-Design-Programmen. Insbesondere im Grafikdesign lief er zu Höchstform auf: Seine Werbeprospekte und -anzeigen sind selbst heute noch eine Augenweide. Dies erkannten auch Konzerne wie Ford, IBM, General Electric oder Olivetti, die allesamt sein Kreativpotential in Anspruch nahmen.

Was haben Ettore Sottsass und Michael Graves gemeinsam? Nun, beide haben in Nelsons New Yorker Büro gearbeitet, in der Tausende von Architektur-, Ausstellungs- und Designprojekte erdacht wurden. Dort entstand 1948 auch die inzwischen legendäre „Ball Clock“, die angeblich das Ergebnis eines Saufgelages von Nelson, Irvin Harper, Noguchi und Buckminster Fuller gewesen sein soll. Trotzdem oder gerade deshalb machen die bunten Bälle – ähnlich wie das Marshmallow-Sofa –, gute Laune und zeigen Nelsons Sinn für humoristische Einlagen. Produziert wurden die über Hundert von Nelson und seinem Büro entworfenen Uhren übrigens von Howard Miller, einem Bruder Hermans.

Wie die Bretzel zum Stuhl wurde

Die Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein dauert noch bis zum 1. März 2009. Ach ja, ähnlich wie der Marshmallow oder die Kokosnuss ist auch die Bretzel bei George Nelson beileibe nicht zum Anbeißen da. Sein gleichnamiger „Pretzel Armchair“ aus Schichtholz aus dem Jahr 1952 wurde von Vitra zum 100. Geburtstag des Designers in einer limitierten Auflage von 1.000 Stück neu aufgelegt. Erst durch die Ausstellung laufen, Nelsons Arbeiten bestaunen und sich dann darauf setzen – das wär’s.


Sehens- und lesenwert ist auch der schön gestaltete Ausstellungskatalog. Es handelt sich um die erste deutsche Publikation über George Nelson, erfreulicherweise komplettiert durch ein Werkverzeichnis:

Alexander von Vegesack / Jochen Eisenbrand (Hrsg.):
George Nelson. Architekt, Autor, Designer, Lehrer.
Weil am Rhein 2008.
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