Design und Kunst Seite an Seite

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Text: Kathrin Spohr


Es gab Zeiten, da waren die Grenzen zwischen den angewandten und freien Künsten haarscharf definiert. Heute machen Künstler Installationen zum Benutzen, Designer schaffen Unikate zum Sammeln und Betrachten. Mühelos werden die Disziplinen gewechselt. Was Kunst oder Design ist, bestimmen ihre Macher, die Betrachter und der globale Markt.
Die Ausstellung „U.F.O.“, die derzeit im NRW-Forum in Düsseldorf zu sehen ist, wirdmet sich nun diesem Phänomen.

Den Goldenen Löwen der diesjährigen Ausgabe der Biennale in Venedig erhielt der deutsche Künstler Tobias Rehberger für ein sehr nützliches Gebrauchsobjekt. Denn seine Installation mit dem Titel „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ ist eine gastronomische Rauminstallation, ein erlebbares Kunstwerk. Anders gesagt, hat Rehberger ein Café für die Biennale kreiert. Ein Café, in dem die Besucher verweilen und tatsächlich Espresso, Cappuccino und Co zu sich nehmen können. Mit seinen schrägen, auffälligen Dekoren erinnert das Café zunächst an das Memphis-Design der 80er Jahre. Jedoch sind Farbkontraste und geometrische Motive so extrem, dass sie für optische Verwirrung sorgen.

Design oder Kunst?

Dass ein Künstler wie Rehberger ein Café designt und dafür mit einem der renommiertesten Kunstpreise geehrt wird, hat etwas Symptomatisches für diese Zeit, in der die Grenzen zwischen Kunst und Design, immer mehr zu verschwimmen scheinen. Auch Rehbergers Werk steigt damit in aktuelle Diskussionen ein: Wo eigentlich verläuft die Grenze zwischen Kunst und Design? Kann ein Café überhaupt Kunstobjekt sein? Oder ist es per Definition Design, da ein Café offensichtlich einen sehr funktionalen Gebrauchswert hat? Oder muss es konsequenter Weise Kunst sein, weil es ein Künstler gestaltet hat?

Unbekannte Flugobjekte

Fragen über Fragen. Um genau diesen Zwischenraum geht es  auch in der Ausstellung „U.F.O. – Grenzgänge zwischen Kunst und Design“, die derzeit im NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft in Düsseldorf zu sehen ist. „U.F.O.“ versammelt dazu Objekte und Möbel von Künstlern wie Franz West, John Armleder, Liam Gillick, Rolf Sachs, Andrea Zittel oder Designern wie Ron Arad, Marc Newson, Studio Job, Ettore Sottsass bis hin zu Ross Lovegrove. Das „Unbekannte Flugobjekt“, das hinter der Abkürzung im Titel steht bezeichnet bekannter Weise Phänomene die im Moment ihrer Beobachtung nicht eindeutig identifiziert werden können. „Und so wie UFOs unsere Phantasie anregen, sollen die Ausstellungsobjekte den Besucher inspirieren, die Verbindungen zwischen Kunst und Design zu erkunden“, erklärt Werner Lippert vom NRW-Forum. Daher sind die „UFOs“ wertfrei nebeneinander auf schlichten Podesten präsentiert. Was bedeutet, dass diejenigen Besucher, die mit aktuellem Design und Kunst nicht so vertraut sind, kaum eine Chance haben, die Objekte überhaupt mal einer Gattung zuzuordnen. Aber das ist ja durchaus gewollt.

So soll der Besucher angesichts einer gigantischen Glocke des Designers Marcel Wanders möglicherweise an ein Kunstobjekt von Jeff Koons denken, und vor den Objekten des Künstlers Richard Prince an die Möbelentwürfe des Gestalters Jean Prouvé. Das einzige, was dem Besucher Orientierung bieten könnte, sind die Statements der Designer und Künstler, die die Wände der Ausstellung schmücken. „Eine klare Grenze zwischen Produktdesign und Kunst gibt es doch heutzutage gar nicht mehr“, weiß etwa der junge, spanische Designer Jaime Hayon.

Kennern wird die Auswahl der Objekte, mit der das NRW Forum da aufwartet, Spaß machen. Denn Vieles wird gerade erst produziert – etwa die Objekte von Ron Arad – oder es ist zuvor noch nicht in Deutschland gezeigt worden, wie die Möbelobjekte von Richard Prince. Auch Martino Gampers Stuhlserie, für die der Designer in 100 Tagen 100 gebrauchte Stühle auseinandernahm und sie in einem Sampling aus Materialien und Epochen zu neuen 100 Stühlen wieder großartig zusammenfügte, machen die Schau sehenswert.

Design-Art

Doch was steckt hinter dieser Annäherung der beiden Disziplinen? – Darüber erfährt der U.F.O.-Besucher kaum etwas. Dabei wäre Marc Newsons legendäre "Lockheed Lounge", die ebenfalls zu sehen ist, ein ideales Beispiel. Denn ein Exemplar der Liege ging kürzlich mal wieder in einem Auktionshaus unter den Hammer und erzielte bei Philips de Pury 1,1 Millionen Pfund – das macht sie zum derzeit teuersten Objekt eines lebenden Designers.  Nicht nur das. Schon mehrmals wurde die Liege zu Höchstpreisen versteigert – das Möbel wurde damit zum wahren Medienereignis: Wird Design heute so gesammelt wie Kunst? Und umgekehrt: Wird Kunst heute so benutzt wie Design? – Womit wir wieder bei Rehbergers Biennale-Café wären.

Limitierte Design-Editionen

Entscheidend für den Design-Hype ist, dass das global Business die Kaufinteressen der Menschen verlagert hat:  Die Tatsache, dass fast alle hochwertigen Designprodukte und Marken überall auf der Welt gleich verfügbar sind, nährt das Bedürfnis nach Abgrenzung. Kein Wunder also, dass in einem übersättigten Markt das besondere, individuelle Designstück Begehrlichkeiten weckt. Denn die Verknappung bei Vintage Möbeln oder die Limitation bei Galerien-Design garantiert den Aspekt der Rarität. Galerien, wie etwa Kreo und Perrotin in Paris, Gagosian in New York oder Designer’s Gallery Gabrielle Ammannn in Köln, Label wie Established and Son’s in London oder auch der Möbelhersteller Vitra bringen seit einigen Jahren regelmäßig limitierte Design-Editionen herausragender Gestalter auf den Markt.
Mit Erfolg. Einige Produkte sind experimentelle, originäre und auch sinnvolle Innovationen, die bei Massenherstellung gar nicht möglich wären. Andere wiederum sind gewiss nicht viel mehr als ein schillerndes Marketing- und Medienereignis, dessen Wert sich auf den Aspekt der Limitierung subsumieren lässt.

Der Designmarkt boomt

Doch hochkarätige Qualität verkauft sich immer, auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Das zeigte gerade auch die vierte Ausgabe der Design Basel, die sich in diesem Jahr noch größer und erstmals in einer eigenen Messehalle präsentierte. Trotz Krise wurde ordentlich gekauft. Und zwar nicht nur die hochglanzpolierten, aus edelsten Materialien gefertigten, „Bling-Bling“ Möbel, sondern auch experimentelle Arbeiten. Brad Pitt etwa erwarb die Möbelskulpturen des frisch von der Design Basel gekürten „Designer of the Future 2009“, Nacho Campbell. 



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