Auf den Schultern von Giganten

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Text: Norman Kietzmann


Die Liste der Namen, die beim Stichwort Bauhaus fällt, ist zumeist immer dieselbe: Gropius, Breuer, Mies und all die anderen üblichen Verdächtigen. Aber Herbert Hirche? Bisher ist der Architekt, der bei Mies van der Rohe in Berlin gelernt hat, nur noch wenigen Experten bekannt und in den vergangenen Jahren zunehmend in Vergessenheit geraten. Dabei hat sich der „Letzte Bauhäusler vom Weißenhof“ – wie Hirche häufig auch genannt wird – wie kaum ein anderer um die Fortführung der Moderne in Deutschland nach 1945 gekümmert und zugleich auch selbst zahlreiche Designikonen der 50er und 60er Jahre geschaffen. Ein Einblick in die Welt von Herbert Hirche. 


„herbert hirche ist seinem herkommen, seiner entwicklung und seinen auswirkungen nach ein typischer bauhäusler“, schreibt Max Bill in obligatorischer Kleinschreibung für das Vorwort einer Hirche-Retrospektive 1978 am Designcenter Stuttgart und setzt fort: „in seiner festen, ruhigen art hat er seine ziele verfolgt und gleichzeitig dazu beigetragen, jene entwicklung, die heute gern als überholt dargestellt wird, weiterzuführen. jene entwicklung der ‚vernunftgemäßen schönheit‘, wie sie henry van de velde bezeichnet hatte.“

Der Moderne verbunden

Der Werdegang des 1910 im schlesischen Görlitz geborenen Gestalters liest sich dabei tatsächlich wie die Essenz der deutschen Vor- und Nachkriegsmoderne: Studium am Bauhaus 1930-1933, Mitarbeiter im Büro von Mies van der Rohe 1934-1938, in den Kriegsjahren Mitarbeit im Büro von Egon Eiermann und sowie nach Kriegsende Hauptreferent für Wohnungsplanung unter Hans Scharoun für den Wiederaufbau von Berlin. Ganz in der Tradition seiner Vorbilder beginnt Herbert Hirche 1948 zugleich seine eigene akademische Laufbahn und geht als Lehrer an die neu gegründete Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin Weißensee, wo er bereits ein Jahr darauf zum Professor berufen wird. Dennoch verlässt Hirche die Schule 1950 wieder auf eigenem Wunsch – die politische Lage des nun geteilten Deutschlands mag sicher eine Rolle gespielt haben – und setzt seine Lehrtätigkeit 1952 als Professor für Innenarchitektur und Möbeldesign an der Akademie für bildende Künste in Stuttgart fort, der er von 1969 bis 1971 auch als Rektor vorsteht. Bereits 1950 wird Herbert Hirche Mitglied des Deutschen Werkbundes und tritt 1959 dem Verband Deutscher Industriedesigner wie 1961 dem Rat für Formgebung bei.

Vermittler der Moderne

Dass Herbert Hirche stets viel Zeit und Aufwand für die Vermittlung der Gestaltungsideale der Moderne aufbrachte und Ausstellungen wie die legendäre Schau „Wie Wohnen“ kuratierte und gestaltete – die ausgerichtet 1949 im Stuttgarter Landesgewerbeamt wegweisend für die gesamte Entwicklung des deutschen Nachkriegsdesigns werden sollte – hat einen entscheidenden Grund. Bereits als Hirche 1930 an das Bauhaus kam, kämpfte die Schule um ihre Existenz und auch die Schüler selbst wurden durch die neuen politischen Umstände zunehmend unter Druck gesetzt. Viele Absolventen des Bauhauses konnten zunächst keine Anstellung finden und galten als gebrandmarkt von einer zunehmend in Missgunst geratenen Bewegung. Es mag großes Glück gewesen sein, dass Herbert Hirche gleich nach seinem Abschluss von Mies van der Rohe in dessen Berliner Büro geholt wurde und dort auch als letzter Mitarbeiter blieb, bis Mies 1938 in die USA emigrierte. Dass die Moderne nicht von sich aus automatisch akzeptiert wird, sondern immer wieder neu vermittelt werden muss, hat Hirche von Anfang an gelernt. Es hat ihn vielleicht auch ein Stück weit geduldiger und weniger dogmatisch werden lassen als so manche Kollegen, die die Moderne an der „hfg ulm“ in beinahe religiöser Strenge zu predigen gedachten.

Ikonen der Nachkriegszeit


Ehemalige Schüler loben unterdessen das vermittelnde Gespür, mit dem Hirche seine Ideale vertrat: „Deine Gabe ist, ein Thema zu umschreiben, einem alle Probleme sichtbar zu machen, ohne eine Lösung vorzuschlagen, die den Lernenden in Abhängigkeit vom Lehrenden bringt. Du hast mehr gefragt als gesagt, Du hast das Wesentliche unserer Ideen erkannt und uns vorsichtig darauf aufmerksam gemacht... Du hast vermieden, uns durch Worte zu beeinflussen“, schreibt der heute in den USA lebende Gestalter Hans Ell über seine Studienzeit bei Herbert Hirche. Dass dieser in seinen Worten sparsam bleiben konnte, lag nicht zuletzt auch an seinen zahlreichen eigenen Entwürfen, mit denen er bis heute gültige Vorbilder für seine Studenten schuf. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen das Bücherregal „DHS 10“ für Christian Holzäpfel 1955, sein Schalensessel für Walter Knoll 1955, sein Sitzmöbelprogramm für Wilkhahn 1957 oder der „HF 1“, der erste Fernseher mit einer Kunststofffront für Braun 1958. Zusammen mit den Sitzmöbeln für Wilkhahn wurde er ebenfalls im dem von Egon Eiermann und Sep Ruf gestalteten deutschen Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 gezeigt. Zuvor stattete Herbert Hirche auch eine Musterwohnung im Haus des Architekten Pierre Vago auf der Berliner Interbau von 1957 aus.

Wegweisende Entwürfe

Wegweisend wurden auch zwei spätere Entwürfe, die er für die Firma Christian Holzäpfel entwarf: Das Schrankwand-System „Inwand“ von 1960, das als weltweit erstes vorfabrizierte Schrank-Trennwand-Montagesystem für Wohnung und Büro galt und selbst von Egon Eiermann als „revolutionär“ bezeichnet wurde. Ebenso das Bürosystem „OFF“ von 1968, das mit seinen einzelnen Bauteilen einen hohen Grad an Variation erlaubte und dabei dennoch eine formale Einheit bildete. Auch wenn Herbert Hirche bei seinen Entwürfen stets die industrielle Herangehensweise betonte, überraschte er zugleich mit einem für einen Modernisten keinesfalls selbstverständlichen Geständnis: „Neben Aufträgen für die industrielle Serienfertigung hat mich immer wieder das handwerklich gefertigte Einzelstück gereizt, das ich gern selbst ausgeführt hätte. Daraus ist vieles entstanden, das wiederum meine Tätigkeit für die Industrie beeinflusste.“ Manches, auch wenn es sich um so bekannte Entwürfe wie den „Tiefen Sessel“ von 1953 handelt, der ebenfalls im Pavillon der Brüsseler Weltausstellung zu sehen war, hat dennoch ungewöhnlich lange auf den Weg in die industrielle Produktion warten müssen. Ursprünglich nur in wenigen Stückzahlen von den Akademie-Werkstätten der Stuttgarter Hochschule produziert, nahm die Firma Richard Lampert den Entwurf 2004 in die Produktion und ergänzte eine vom deutschen Designer Eric Degenhardt überarbeitete Version für den Außenbereich.

Innenräume und Architektur

Neben seiner Arbeit als Designer spielte für den einstigen Bauhäusler naturgemäß auch die Architektur eine entscheidende Rolle. In mehreren Fällen verband er sogar beides für ein und dieselben Kunden, indem er für die Produzenten seiner Möbel Gebäude für die Produktion oder Wohnhäuser für die Unternehmer selbst entwarf. Seine Vorliebe für das Industrielle, die er in seiner Arbeit als Designer immer mehr verfeinerte, ist spürbar bei Entwürfen wie der Wilkhahn-Zentrale im niedersächsischen Bad Mündern. Der 1959 fertig gestellte Bau, der im Erdgeschoss als Ausstellungsraum und im ersten Geschoss als Bürofläche genutzt wurde, ist auch heute noch in Betrieb und kombiniert mit seiner Bauweise aus vorgefertigten Bauteilen, offen liegenden Ziegelwerk sowie großen Panoramafenstern im Obergeschoss die Materialität eines Industriebaus mit der Eleganz und Offenheit eines modernen Wohnhauses. Die Referenz zu Mies, die hier noch ehr zurückhaltend bliebt, zeigt sich dafür umso mehr bei seinen Wohnbauten, darunter dem Ferienhaus für die Verlegerfamilie Hatje im italienischen Acciaroli 1967 oder dem Haus der Familie Foerster in Mannheim 1963.

Verdiente Anerkennung

Auch wenn Herbert Hirche einige der bekanntesten Entwürfe des deutschen Nachkriegsdesign zu verdanken sind, ist sein Name heute zunehmend nur noch wenigen ein Begriff. Dabei steht er vollkommen zu Unrecht im Schatten seiner berühmten Lehrer und Mitschüler, deren Namen mittlerweile jedes Kind zu buchstabieren vermag. Die Reedition seines „Tiefen Sessels“ mag vielleicht dazu beitragen, Herbert Hirche wieder stärker in den Fokus zu bringen. Doch schlussendlich ist es mehr denn je an der Zeit, das Werk des 2002 verstorbenen Gestalters mit einer umfassenden Retrospektive wieder neu zu würdigen. Wer weiß, vielleicht wird über Herbert Hirche dann eines Tages auch ohne den obligatorischen Zusatz „Mies-van-der-Rohe-Schüler“ gesprochen werden. Verdient hätte es der „Letzte Bauhäusler vom Weißenhof“ allemal.




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