In Josef Hoffmanns guter Stube

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Mährische Galerie Brünn, 08.09.2009


Für die Wiener ist er einer der ihren. Und doch ist Josef Hoffmann, Mitbegründer der „Secession“ und „Wiener Werkstätte“, in einem kleinen beschaulichen Ort im heutigen Tschechien geboren. In seinem Geburtshaus in Brtnice, auf halber Strecke zwischen Wien und Prag, wurde im Juli 2009 eine neue Dauerausstellung eröffnet, die einen Einblick in das Werk und Leben eines der einflussreichsten Gestalters des 20. Jahrhunderts gibt.


Es waren turbulente Jahre im Wien der Jahrhundertwende, als das 19. Jahrhundert an der Schwelle zu einer neuen, unaufhaltsam heranrückenden Epoche stand. Die Moderne war noch nicht geboren und doch in vielen Symptomen bereits erkennbar. Inmitten all der neuen Strömungen und Ideen, die auf dem Gebiet der Kunst, des Bauens und der Art zu Leben virulent waren, taucht immer wieder ein und derselbe Name auf: Josef Hoffmann, Wiener Architekt, Designer, passionierter Sammler und Lebemann, der entscheidend dazu beitrug, dass Wien in jenen Jahren selbst das stolze Paris vom Sockel der kulturellen Vorherrschaft zu stürzen vermochte. Doch ausgerechnet dieser Josef Hoffmann, der die Moderne an der Donau holte, soll gar kein wirklicher Wiener sein?

Einfluss in Wien

Die Ausstellung in seinem Geburtshaus im tschechischen Brtnice beginnt für so manchen mit einem leisen Schock. Denn auch der andere Heilige aus jenen Tagen, der nicht minder einflussreiche Adolf Loos, ist kein gebürtiger Wiener, sondern stammt aus dem – wie auch Brtnice einst zum Österreich-Ungarn gehörenden – Brünn. Gelernt hat Josef Hoffmann aber dennoch von den Großen seiner Zeit in Wien, wo er an der Akademie der Bildenden Künste bei Karl von Hasenauer und Otto Wagner Architektur studierte. Gehörte ersterer zu den Erbauern der Wiener Ringstraße, war es vor allem Otto Wagner, der dem jungen Hoffmann sein Gespür für klare und doch nie arme Formen mit auf dem Weg gab.  


Engagiert und in der Blüte seiner Jahre zählte Josef Hoffmann 1897, er war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27 Jahre alt, zusammen mit Freunden wie dem Maler Gustav Klimt und anderen zu den Mitbegründern der Wiener Secession. Der Zusammenschluss von österreichischen Künstlern wollte einen klaren Schlussstrich setzen unter das, was von offizieller Seite am Wiener Künstlerhaus noch im Geist des Historismus des bürgerlichen 19. Jahrhunderts geschaffen wurde. Das Gebäude der Secession, das 1898 von Josef Maria Olbrich in der Nähe des Wiener Karlsplatzes gebaut worden war, war mehr als nur ein neuer Raum für diese Bewegung. Es war ein gebautes Manifest der Art Nouveau, dessen Interieur von Josef Hoffmann mit viel Sinn für Details entworfen wurde.

Erneuerung des Handwerks

Doch wie bei vielen Gruppen, die aus dem Geist des Umschwungs geboren wurden, stellt sich bald Ernüchterung ein. Und so verließ Josef Hoffmann die Secession bereits 1905 nach nur knapp sieben Jahren. Er hatte sich um anderes zu kümmern. Etwas, das für die Gestaltung der kommenden zwei Jahrzehnte nicht minder folgenreich werden sollte: Die legendäre Wiener Werkstätte. Gegründet 1903 mit seinem Malerfreund und Möbelgestalter Koloman Moser sowie dem Unternehmer Fritz Wärndorfer, sollten die Dinge des Alltags in dieser Manufaktur neu erfunden werden. Von der „Arts & Crafts“-Bewegung in Großbritannien beeinflusst, sollte das Handwerk erneuert und von den schweren, historistischen Formen des 19. Jahrhunderts befreit werden. Neben Möbeln umfassten die Arbeiten der Wiener Werkstätte, die bald darauf in eigenen Geschäften in New York, Berlin und Zürich verkauft wurden, ebenso Schmuck, Glas, Porzellan bis hin zu Entwürfen für Textilien und Tapeten. Fast alle von ihnen wurde von Hoffmann selbst entworfen und kamen nicht zuletzt auch bei seinen architektonischen Projekten zum Einsatz.  

Atmosphärische Innenräume

Der Hang zum gestalterischen Gesamtkunstwerk wird bei Projekten wie dem Palais Stoclet in Brüssel (1905-1911) oder der Villa Skyma-Primavesi in Wien (1913-1915) besonders deutlich. Doch auch wenn Josef Hoffmann längst in Wien gefeiert wurde, kehrte er gern mit seinen Schwestern in seine Geburtsstadt zurück und gestaltete – auf dem Höhepunkt seiner Karriere – in den Jahren 1910 bis 1911 das Haus seiner Eltern um. Was sonst die Wohnungen mondäner Großstädter von New York, Paris und Berlin bevölkerte, hielt plötzlich Einzug in das kleine, beschauliche Dorf, das selbst heute kaum mehr als 3.700 Einwohner zählt. Wirkt der Barockbau mit seiner gelben Fassade von außen schwer und repräsentativ – sein Vater war zu jenen Tagen auch Bürgermeister des Städtchens – überrascht das Interieur mit seinem leichten, verspielten Charakter. Es sind vor allem die Tapeten, die dem Haus seine markante Wirkung verleihen und zugleich auch symptomatisch für das Werk von Hoffmann insgesamt sind. Denn anders als Adolf Loos, der auf die reine Wirkung der Materialien setzte, benutzte Hoffmann bewusst grafische Dekors und Ornamente als Stilmittel. Die Oberfläche wird von ihm nicht gelöscht, sondern bewusst bespielt.

Aus der Fläche in den Raum

Hoffmann, den längere Reisen unter anderem bis nach Capri führten, entwickelte mit der Zeit einen ausgeprägten Sinn für exotische Stoffe und Texturen und setzte diesen vor allem bei seinen Tapetenentwürfen ein. Dass seine Produktentwürfe in der Ausstellung in Brtnice nicht in einem sterilen, weißen Raum gezeigt werden, sondern vor eben jenen Tapeten und Wandbemalungen, die Hoffmann selbst entwarf, macht sein Werk auf schlüssige Weise erfahrbar. Die Texturen, die auch seine Möbel, Schalen, Geschirr und andere Dinge des Alltags überziehen, verschmelzen auf diese Weise mit dem Raum zu dem, was Hoffmann in seinem Werk stets beanspruchte: ein grafisch-sinnliches Gesamtkunstwerk, das sich von Überflüssigem befreit und dennoch den Dingen einen eigenen Charakter verleiht. Den Luxus hat Hoffmann mit seinen Entwürfen nicht verneint. Er hat ihn lediglich vom Staub des bürgerlichen 19. Jahrhunderts befreit.

Europäische Kooperation

Mit der Eröffnung des Museums im Juli 2009, das insgesamt sechs Räume des historischen Gebäudes bespielt, ist Josef Hoffmann zugleich in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Denn anders als in Wien ist er bis heute in Tschechien nur wenigen bekannt. Das neue Museum Brtnice ist dabei auch ein Zeichen eines geschichtlichen Wandels, entstand es doch in grenzüberschreitender Kooperation zwischen der Mährischen Galerie in Brünn und dem Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien. Während von tschechischer Seite das Gebäude und einige originale Möbelentwürfe, die noch in dem Gebäude überdauert hatten, zur Verfügung gestellt wurden, brachten die Wiener den Großteil der gezeigten Exponate ein. Schließlich schlummert in den Archiven des MAK die weltweit größte Sammlung an Hoffmann-Entwürfen, die bisher allerdings nur selten zugänglich gemacht worden waren.

Generationenwechsel

Doch so beeindruckend das kleine Museum in den böhmisch-mährischen Bergen auch ist. Kaum ein Autostunde weiter wartet auf den Besucher in Brünn eine ganz andere Ikone: Die Villa Tugendhat, mit der Mies van der Rohe 1929 sowohl Josef Hoffmann als auch seinen Wegbegleiter Adolf Loos mit einem Mal zu Dinosauriern erklärte. Die einstigen Vordenker der Moderne wurden von der Geschichte überholt und mit dem Siegeszug des Bauhauses zugleich auf überaus unsanfte Weise in Rente geschickt. Doch auch wenn die Wiener Werkstätte die Wirtschaftskrise von 1932 nicht überdauerte – ihre Entwürfe wirkten in den Jahren zuvor auf seltsame Weise altmodisch im Vergleich zu dem, was aus Weimar, Dessau und Berlin zu sehen war – haben viele ihrer Entwürfe die Zeit überdauert. Sie sind längst Teil des Alten Wiens geworden. So werden auch heute noch die berühmten Schokoladen von „Altmann und Kühne“ an der Flaniermeile „Am Graben“ in jenen bunt bemalten Verpackungen verkauft, die Josef Hoffmann einst für sie entwarf. Es mag sicher auch an Wien selbst liegen, wo die Traditionen immer ein wenig länger überdauern als anderswo, dass die Erinnerung an einen berühmten Sohn ihrer Stadt nicht aufgegeben wird. Auch dann nicht, wenn dieser gar kein Wiener war.
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