Konzeption am Telefon

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Text: Norman Kietzmann


Er war Architekt, Stadtplaner und Kosmopolit. Bekanntheit errang Vico Magistretti jedoch vor allem mit seinen zahlreichen Möbel- und Leuchten-Entwürfen, die er seit den sechziger Jahren konzipierte und die heute zu den Ikonen des italienischen Designs gehören. Anfang März wurde nun in seinen einstigen Arbeitsräumen die Fondazione Vico Magistretti eröffnet, die einen Blick auf das Werk und die Arbeitsweise des 2006 verstorbenen Gestalters gewährt.


Die Musik ist an diesem Ort ein ständiger Begleiter. Selbst dann, wenn sie gar nicht zu hören, sondern nur zu erahnen ist. Sie hat an dieser Stelle längst eine physische Präsenz, die im Bewusstsein der Stadt tief verankert ist. Die Rede ist vom Mailänder Konservatorium, das nicht nur eine der ältesten Musikakademien Europas beherbergt, an der nebenbei bemerkt ihr heutiger Namensgeber Giuseppe Verdi einst abgelehnt wurde. Es ist die Aussicht auf jenen alterwürdigen Bau, die Vico Magistretti Zeit seines Lebens begleiten sollte – von seiner Geburt über seine berufliche Laufbahn bis zu seinem Tod vor vier Jahren.

In die Wiege gelegt

Wie viele italienische Geschichten beginnt auch diese in der Tradition der Familie. Ebenso sein Vater Piergiulio Magistretti war Architekt und errichtete der an der Via Conservatorio Ecke Via Bellini gegenüber dem Konservatorium einen zurückhaltenden Bau. Als sein Sohn Vico 1920 geboren wurde, war das Haus nur wenige Monate alt. Vico verbrachte darin nicht nur seine Kindheit, sondern lernte von früh auf die Arbeit seines Vaters kennen, der sein Büro im Hochparterre des viergeschossigen Hauses bezog. In der Absicht, Architekt zu werden, nahm er am Mailänder Politechnico sowie anschließend am Champ Universitaire Italien de Lausanne sein Studium auf und kehrte 1945, unversehrt von den Wirren der letzten Kriegsjahre, als junger Architekt nach Mailand zurück. Im Büro seines Vaters, das schon bald sein eigenes werden sollte, begann er seine ersten beruflichen Erfahrungen zu sammeln. 


Architekt der Nachkriegszeit

Den Prinzipien der Moderne verpflichtet, nahm er an den Wiederaufbauprogrammen der Mailänder Triennalen teil, für die er neben mehreren Wohn- und Bürogebäuden auch die viel beachtete Kirche Santa Maria Nacente (1947-1955) für das Viertel QT8 (Quartiere Triennale 8) beisteuerte. Endgültig aus dem Schatten seines Vaters hervorzutreten vermochte er jedoch mit zwei der markantesten Beispielen Mailänder Nachkriegsarchitektur: dem direkt am Parco Sempione gelegenen, 85 Meter hohen Apartmentturm „Torre al Parco“ in der Via Revere (1953-1956) sowie einem Bürogebäude am Corso Europa 22 (1955-1957), das mit seiner gläsernen Fassade seinerzeit als Sensation galt. Auch aus heutiger Sicht würde man diese Gebäude zeitlich weitaus später einordnen als in die Mitte der fünfziger Jahre. Sie waren ihrer Zeit voraus und haben bis heute Bestand.

Ikonen des Designs

Es ist klug, dass die Ausstellung, die nun in seinen ehemaligen Arbeitsräumen eröffnet wurde, die architektonischen Arbeiten auf gleichberechtigte Weise behandelt wie seine Entwürfe für das Design. Mit diesen konnte sich Magistretti seit den sechziger Jahren zunehmend auch auf internationaler Ebene einen Namen machen und hinterließ mit Entwürfen wie der Leuchte „Elisse“ (1967), dem Sofa „Maralunga“ (1973) oder dem Kunststoff-Stuhl „Selene“ (1969) gleich ein ganzes Duzend Ikonen des italienischen Designs. Sein Erfolgsrezept? Es ist die Suche nach archetypischen und zeitlosen Formen, die seine Arbeit verbindet und mit der Leuchte „Sonora“ (1976) vielleicht ihre treffendste Umsetzung gefunden hat. „Ich mag das Konzeptionelle im Design, das von seiner Art so klar ist, dass man es nicht zu zeichnen braucht. Ich habe viele meiner Entwürfe am Telefon umgesetzt“, gab Magistretti einst zu Protokoll.


Umfangreiche Sammlung

Über 30.000 Skizzen und technische Zeichnungen, 7000 Fotografien sowie 3000 Modelle und Prototypen umfasst die Sammlung der neu gegründeten Fondazione Magistretti, die zugleich ihr offizielles Büro in seinem einstigen Studio bezogen hat. Unter dem Vorsitz seiner Tochter Susanna Magistretti wird diese nicht nur von der Mailänder Triennale unterstützt, sondern auch von jenen Firmen, für die Magistretti seine Entwürfe einst ersann und die diese oft heute noch produzieren.

Dass dabei keine reine Produktschau entstanden ist, sondern eine Ausstellung, die den Prozess des Designs in den Mittelpunkt stellt, wirkt nicht nur erfrischend, sondern zugleich authentisch an diesem Ort. Schließlich befindet sich Magistrettis Schreibtisch noch immer wenige Meter entfernt im Raum nebenan. Werden an der Längstwand des zentralen Ausstellungsraums zahlreiche Skizzen von Objekten und Gebäuden gezeigt, wird nur ein einzelnes Produkt als reales Objekt in der Ausstellung vorgestellt. Den Auftakt der künftig alle drei Monate wechselnden Schau bildet der Kunststoffstuhl „Selene“, den Magistretti 1969 für Artemide entwarf und der in seinen unterschiedlichen Stadien vom ersten Prototyp bis hin zum fertigen Produkt zu sehen ist. Lässt sich der Entwicklungsprozess bei diesem auf kompaktem Raum anschaulich machen, wird die Betrachtung seiner Bauten in die Stadt erweitert.


Vernetzt in der Stadt

„Das einzig Moderne in Mailand“, pflegte Magistretti stets zu sagen, „ist seine U-Bahn“. Es mag Zufall sein, dass sich der Großteil seiner Bauten, die er zwischen den Jahren 1947 und 2000 in der Stadt hinterließ, nur wenige hundert Meter von den drei Metro-Linien der Stadt befinden. Für die Kuratorin Simona Romano ergab sich daraus ein roter Faden, der in einer ungewöhnlichen Erweiterung des Ausstellungskonzepts mündete: Haben sich die Ausstellungsbesucher anhand einer interaktiven Karte über seine Gebäude informiert, können sie – ausgestattet mit einem kompakten Reiseführer im Taschenformat – mit der U-Bahn auf Besichtigungstour gehen und die Gebäude direkt vor Ort in Augenschein nehmen.

Um deren Bestand auch in den kommenden Jahren zu bewahren, ist den Initiatoren der Stiftung dabei im Vorfeld ein entscheidender Schritt gelungen: So ist das Werk Magistrettis nun auch vonseiten der obersten Denkmalschutzbehörde der Lombardei als wichtiges historisches Erbe anerkannt worden. Für Italien, wo der Nachkriegsmoderne bisher kaum Bedeutung beigemessen wurde, eine keineswegs selbstverständliche Entscheidung, die sicher auch an anderer Stelle Schule machen wird.
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