Mobi Boom – Der Aufbruch des Designs

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Text: Norman Kietzmann, 19.10.2010


Es war ein Moment des Aufbruchs, als Gestalter wie
Bernard Govin, Olivier Mourgue oder Pierre Paulin in den sechziger Jahren das Wohnzimmer zur futuristischen Sitzlandschaft verwandelten. Das französische Design war bei all den Veränderungen nicht nur mittendrin, sondern seiner Zeit sogar voraus. Warum es dennoch einen abrupten Einschnitt hinnehmen musste, erzählt zurzeit die Ausstellung Mobi Boom im Pariser Musée des Arts Décoratifs. Der Rückblick auf drei Jahrzehnte französischen Nachkriegsdesigns dokumentiert auf diese Weise zugleich ein spannendes Stück Industriegeschichte, dessen Auswirkungen noch heute spürbar sind.


Dass die Ausstellung exakt den Zeitraum zwischen den Jahren 1945 bis 1975 beschreibt, geschieht nicht ohne Grund. Zwar hat auch in Deutschland, Italien und den skandinavischen Ländern die Ölkrise von 1973 ihre Spuren hinterlassen. Doch in keinem anderen europäischen Land hat sie zu einem derart prägnanten Einschnitt geführt wie in Frankreich, als Mitte der siebziger Jahre der Großteil der Möbelindustrie in Konkurs ging. Warum dies passieren konnte, liegt einerseits in der rasanten Entwicklung, die das französische Design seit den fünfziger Jahren vollzogen hatte und andererseits daran, dass es dem Puls der Zeit zum Schluss so nahe war, dass es sich daran die Finger verbrannte. Doch der Reihe nach.

Funktionalismus statt Stilmöbel

Die Ursprünge liegen auch hier in den Wirren der Nachkriegsjahre, als Wohnraum vor allem eines war: knapp. Anstatt herrschaftlich zu logieren, wurden die Apartments kleiner. Effizienz lautete das Stichwort, um den vorhandenen Raum besser auszunutzen. Die Möbel, die von Gestaltern wie Charlotte Perriand, Pierre Jeanneret oder Marcel Gascoin entworfen wurden, waren nicht nur klar und funktional in ihrer Formensprache. Sie erfüllten zugleich mehrere Funktionen auf einmal, um die Anzahl der Möbel zu verringern. So ließen sich die Türen von Schränken im Inneren als Regale nutzen oder der Leerraum unterhalb des Bettes diente als Aufbewahrungsort eines weiteren Gästebetts. Inspiration fanden die Gestalter in der Einrichtung von Schiffen und in Möbeln, die direkt in die Architektur integriert waren. Die Schiebetür wurde nicht nur bei Anrichten im Wohnzimmer, sondern ebenso in der Küche zum neuen Standard.

Bewegung kam ebenso in die Auswahl der Materialien. Massives Holz wurde mehr und mehr durch günstigere Spanplatten und konstruktive Elemente aus Metall ergänzt, während der Einsatz von Kunststoffen die Formensprache zusätzlich erweiterte. Die chemische Industrie, die nun auch zum Zulieferer für die Möbelbranche wurde, beeinflusste diese Entwicklung zusätzlich. So entstand das futuristische Technik-Sideboard Bar Télévision von Antoine Philippon und Jaqueline Lecoq während eines Wettbewerbs des Laminat-Herstellers Formica im Jahr 1959. Waren es zu dieser Zeit vor allem Schränke und Kommoden, die im Mittelpunkt des Interesses standen, wurden die Bedürfnisse in den sechziger Jahren zunehmend hedonistischer.

Die Erfindung der Sitzlandschaft

Aus der Not der Nachkriegsjahre war Wohlstand geworden und anstatt nach zusätzlichem Stauraum zu suchen, wurde das Sitzen zum Ausdruck eines neuen, befreiten Lebensgefühls. Anstatt noch steif und gerade Platz zu nehmen wie in den Sofas der fünfziger Jahre, konnte man sich in die Sitzlandschaft Asmara, die Bernard Govin 1966 für Ligne Roset entwarf, locker fallen lassen. Zusammengesetzt aus einer Vielzahl von wellenartigen Modulen, wurde das Wohnzimmer zu einer mäandernden Spielwiese für Erwachsene. Unorthodox daran waren nicht nur die bodennahe Sitzhöhe oder das Fehlen einer klaren Ordnung, in welche Richtung und auf welche Weise man in ihr eigentlich Platz nehmen sollte. Auch in punkto Farbigkeit – zum Einsatz kamen vor allem warme Töne in gelb, orange und rot – suchten die skulpturalen Entwürfe den direkten Anschluss zur Pop-Kultur.

Die Sessel- und Sofalinie Djinn – die Olivier Mourgue 1965 für Airborne International entwarf und in Kubricks 2001: A Space Odyssey für die Möblierung einer Hotellobby im Weltraum zum Einsatz kam – oder der Sessel Tonge – den Pierre Paulin 1967 in Form einer ausgestreckten Zunge entwarf – sind dabei nicht nur Ikonen des Designs geworden. Als vollständig von Schaum umgebene Volumina feierten sie zugleich die Materialität von Kunststoff, der den Ideen der Gestalter scheinbar keine Grenzen mehr setzte: „Gut zu sitzen heißt für uns zu vergessen, dass man sitzt“, schrieb der Hersteller Airborne in einer Anzeige, die kurz nach den Studentenunruhen von 1968 in der Boulevard-Zeitung Paris Match erschien. Um den Sitzkomfort der neuen Polstermöbel zu demonstrieren, werden allerdings keine Produkte gezeigt, sondern ein in fünfzig unterschiedlichen Posen fotografiertes, nacktes weibliches Gesäß. Kunststoff, so die Botschaft, sei nicht nur jung und experimentell, sondern ebenso sexy.

Das Risiko der Innovation

Doch so sehr Kampagnen wie diese ihre Wirkung nicht verfehlten, änderte sich die Stimmung mit Beginn der kommenden Dekade schlagartig. Es dauerte nur wenige Jahre, bis nicht nur der Hersteller Airborne 1974 Konkurs anmelden musste, sondern auch der Großteil der französischen Möbelindustrie. Die Fokussierung auf das Material Kunststoff – das das Lebensgefühl der überwiegend jungen Käuferschicht noch zuvor präzise einfing – wurde im Zuge der Ölkrise von 1973 zum Verhängnis. Denn anders als viele deutsche Möbelunternehmen, die im Sinne der Ulmer Hochschule den strengen Funktionalismus der fünfziger Jahre fortsetzten, waren viele französischen Unternehmen mit ihren futuristischen Entwürfen dem Zeitgeist ungleich näher. Als jedoch  infolge der hohen Benzinpreise immer mehr Menschen das Auto stehen ließen, schien die Zeit nicht mehr passend, um das Wohnzimmer mit bunten Raumschiffen aus Kunststoff auszustaffieren.

Die einstige Vorreiterrolle wurde so Existenzrisiko. Denn anderes als in der Modeindustrie, wo sich mit ein und derselben Nähmaschine Kleider von unterschiedlichsten Schnitten und Stoffe nähen lassen, ist die Produktion von Möbeln – erst recht, wenn diese aus Kunststoff gefertigt werden – ungleich komplexer. Zwar ist beispielsweise die Herstellung eines Plastikstuhles in Bezug auf die anfallenden Material- und Personalkosten vergleichsweise günstig. Doch zuvor sind die notwendigen Spritzguss-Formen mit hohen Investitionen verbunden, die sich nur mit hohen Stückzahlen wieder einspielen lassen. Die Ölkrise traf viele französische Hersteller genau in dieser sensiblen Phase, als sie darauf angewiesen waren, die Ausgaben aus den späten sechziger Jahren wieder einzuspielen.

Der Vertrieb als Schlüsselfaktor


Während Hersteller wie Artifort, Airborne, Charron, Meubles TV oder Prisunic fast zeitgleich von der Bildfläche verschwanden und mit ihnen ein Großteil der Entwürfe von Pierre Paulin, Olivier Mourgue oder Roger Tallon, konnten Unternehmen wie Ligne Roset die Krise überstehen. Ein Grund mag hierbei nicht nur in einer breiter aufgestellten Produktpalette gelegen haben, die weit über Möbel aus Kunststoff hinausreichte, sondern ebenso in der Art der Distribution. Bereits 1967 hatte Ligne Roset eine erste Niederlassung in Deutschland eröffnet und rechtzeitig mit dem Aufbau eines eigenen Händlernetzes begonnen, um die eigenen Entwürfe auch vertreiben zu können.

Denn gerade der französische Binnenmarkt, der sich noch immer in der Hand von größtenteils sehr konservativen Einrichtungsgeschäften befand, hatte für zeitgenössische Gestaltung bis Mitte der sechziger Jahre kaum etwas übrig. Während auf diese Weise das von Michel Ducaroy für Ligne Roset entworfene Sofa Togo trotz seiner Veröffentlichung im Krisenjahr 1973 zum erfolgreichsten Möbel wurde, das in Frankreich bislang produziert wurde – bis heute wurden über 1,2 Millionen Exemplare verkauft – kam die Konkurrenz aufgrund der fehlenden Vertriebsstukturen nur selten über die Kleinserie hinaus.

Ikonen des französischen Designs

Rettung kam für viele Entwürfe, die in der Pariser Ausstellung zu sehen sind, entweder spät oder gar nicht. Während die Entwürfe von Jean Prouvé heute von Vitra produziert werden und die Rechte an den Arbeiten Charlotte Perriands von Cassina übernommen wurden, blieb es um viele Ikonen der französischen Swinging Sixties bislang ruhig. Ein Coup gelang hierbei erst im Jahr 2007, als zahlreiche Entwürfe Pierre Paulins von Ligne Roset wieder in Produktion genommen werden – darunter auch jene Möbel, die er für den Amtssitz des damaligen französischen Präsidenten Georges Pompidou entwarf und die selbst zu ihrer Enstehungszeit nicht in Serie erhältlich waren. Dass jedoch auch weit weniger bekannte Namen wie Jean-Louis Avril, Christian Germanaz, François Arnal oder das Gestalterduo Antoine Philippon und Jaqueline Lecoq keineswegs zu vergessen sind, verdeutlicht die Ausstellung umso mehr. Das französische Design bleibt aus diese Weise – trotz oder vielleicht auch wegen seiner wechselvollen Geschichte – noch immer eine Entdeckung.


MOBI BOOM – l‘explosion du design en France 1945 - 1975
Musée des Arts Décoratifs, 107 rue de Rivoli, 75001 Paris
noch bis zum 2. Januar 2011
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