Darf man mit dem Essen spielen?

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Text: Claudia Simone Hoff

Als Kind fällt es einem noch schwer. Irgendwann einmal wird es dann aber zur Routine: das Essen mit Messer, Gabel und Löffel. Und dabei ist uns gar nicht bewusst, dass wir Europäer damit weltweit in der Minderheit sind. Denn die meisten Menschen auf der Welt essen mit den Händen, gefolgt von denen, die mit Stäbchen essen. Esswerkzeuge spielen im alltäglichen Sprachgebrauch eine wichtige Rolle, vielleicht auch, weil Essen neben Trinken und Schlafen ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Da ist die Rede davon, „mit einem goldenen Löffel im Mund geboren zu sein“ oder im Gegenteil „von der Hand in den Mund zu leben“, etwas „steht auf Messers Schneide“ oder man gibt schlicht und einfach „den Löffel ab“.
Funktion und Material
Essbestecke, kurz auch Besteck genannt, haben eine einfache Funktion zu erfüllen: Sie werden zur Nahrungsaufnahme benutzt. In unserem Kulturkreis besteht das Besteck gemeinhin aus Messer, Gabel und Löffel. Dabei hat sich das Essen mit Messer und Gabel als Sitte erst im bürgerlichen Europa des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, davor aß man auch bei uns mit den Händen und das Besteck diente anfangs nur der Vorbereitung von Speisen. Neben dem Essbesteck gibt es das Vorlege- oder Tranchierbesteck, das der Darreichung von Speisen oder dem Tranchieren von Fleisch dient. Für größere Tafeln wird auch ein Vorspeisen- bzw. Dessertbesteck verwendet. Einem größeren Teil der Bevölkerung dürfte das Salat- und das Fischbesteck bekannt sein. Mit der breiten, flachen Gabel kann der Fisch leicht von den Gräten abgetrennt werden, während die stumpfe Messerklinge beim Entfernen der Haut helfen soll, aber keine Schneidefunktion inne hat. Für Feinschmecker sind auch Hummer- und Krebsgabeln, Kaviar-Messer und Vorlege-Bestecke für Fisch im Sortiment. Seit den 1920er Jahren wird Besteck zunehmend aus Edelstahl hergestellt, dem damals jedoch noch das Image des Billigen anhaftete. In diese Zeit fallen auch einige Materialneuheiten: WMF verwendet heute noch Kruppstahl unter dem Namen „Cromargan“, Wellner & Söhne brachte „Nirosta“ auf den Markt. Seit den 1940er Jahren wird Besteck auch aus Kunststoff hergestellt, allerdings meist für den einmaligen Gebrauch als Wegwerf-Besteck.
Messer, Gabel, Löffel – oder doch fünf Finger?
Schaut man sich die Form eines Löffels genauer an, erkennt man Analogien zur schöpfenden Hand. Der Löffel ist das älteste der Esswerkzeuge und besteht aus dem Stiel und der Laffe (= Löffelschale). Bis zum Gebrauch von Messer und Gabel war der Löffel das einzige Esswerkzeug und in der Regel aus Holz gefertigt. Für seine Fertigung waren in Deutschland die Löffelmacher zuständig, die auch persönliche Einzelstücke, sogenannte „gemeldete Löffel“ herstellten und diese mit Verzierungen und Inschriften versahen. Starb der Besitzer, vererbte er den Löffel weiter – daher das Sprichwort vom „Löffel abgeben“. Tee- und Esslöffel werden auch als Maßeinheiten beim Kochen verwendet. Das Messer, das wohl ähnlich alt ist, diente zuerst dem Zerkleinern des Essens, nicht als Esswerkzeug. Als Messer wird die Gesamtheit aller Schneidewerkzeuge bezeichnet, also auch Scheren, Rasiermesser oder einige chirurgische Instrumente. Die Gabel verbreitete sich bis zum 15. Jahrhundert nur sehr langsam, zuerst hielt sie beim Adel Einzug. Chronisten berichten davon, wie verpönt es war, mit einer Gabel zu essen: „Hat uns die Natur nicht fünf Finger an jeder Hand geschenkt? Warum wollen wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?“ Diese negative Einstellung gegenüber der Gabel war stark von der katholischen Kirche beeinflusst, die in der Gabel ein „Werkzeug des Teufels“ sah. Erst im 17. Jahrhundert setzt sich die Gabel in breiten Schichten der Bevölkerung als Teil des persönlichen Essbestecks durch. Im 19. Jahrhundert begann dann, ermöglicht durch die Industrialisierung, die Massenproduktion von Bestecken.
Besteck-Klassiker
Heute stellt fast jeder Haushaltswarenhersteller auch Bestecke her, jedoch gibt es aber immer noch Unternehmen, die sich ganz auf deren Herstellung spezialisiert haben. Ganze Landstriche zehren von dem Ruf, Qualitätsbestecke herzustellen, die Stadt Solingen ist solch ein Beispiel. Fast alle großen Designer haben sich am Entwerfen von Bestecken versucht: Das Edelstahl-Besteck „AJ 660“ wurde 1957 von Arne Jacobsen für das SAS-Hotel in Kopenhagen entworfen und wird von Georg Jensen produziert. Als ein Klassiker der Bestecke, tauchte es 1969 in Stanley Kubricks Film „Odyssee ins All“ als Science-Fiction-Gebilde auf und wirkt auch bis heute noch sehr modern. Ein anderer Besteck-Klassiker gelang dem Designer Peter Raacke: 1958 entwarf er die Serie „mono a“, die später auch mit Teak- oder Ebenholzbeschlägen an den Griffen („mono t“ und „mono e“) – und somit in stark veränderter Erscheinungsform – erhältlich war. Bei „mono“ fällt die systematische Anwendung der geometrischen Grundformen ins Auge. Die geradlinigen Griffe kontrastieren zu den in den 1950er Jahren sonst üblichen Kurvenformen.
Die meisten Menschen essen mit den Händen, wobei meist nur die rechte Hand in Aktion ist, während die linke als „unrein“ gilt. Stäbchen werden in ganz Ostasien (China, Japan, Korea, Vietnam) benutzt und sind in China bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen. Sie bestanden aus Bambus, während das stumpfe Ende meist aus Jade oder Elfenbein gefertigt war. Heute werden Stäbchen vorrangig aus Plastik oder einfachem Holz hergestellt und sind oft für den Einmal-Gebrauch bestimmt. Daneben gibt es aber auch lackierte und dekorierte Stäbchen. Die Benutzung von Esswerkzeugen hängt eng mit den jeweiligen (Tisch-)Sitten eines Landes zusammen, was man beim Reisen jedes Mal wieder erstaunt feststellt.

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