Design in Kunststoff

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: August Kestner Museum


Die Zeiten, in denen Kunststoff als billig und unelegant galt, sind endgültig passé. Denn schlendert man durch Kaufhäuser, Designläden und -showrooms, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: überall Kunststoff in schillernden Farbklaviaturen und allerlei extravaganten Formen. Lampen, Stühle, Tische und vor allem Accessoires für die Küche wie Picknick-Sets, Eierbecher, Tabletts, Thermoskannen oder gar Besteck gibt es da. Das August Kestner Museum in Hannover ist auf Spurensuche gegangen und widmet dem Thema „Design in Kunststoff“ eine kleine Ausstellung, die sich auf die Zeitspanne von 1930 bis 1970 konzentriert. Klangvolle Namen aus der Welt des Designs wie Wilhelm Wagenfeld, Tapio Wirkkala oder Russel Wright sind hier versammelt.



Dass Kunststoff nicht gleich Kunststoff ist, wird einem in dieser Ausstellung schnell klar. Was es da nicht alles gibt: unaussprechliche Wörter wie Aminoplast, Polystyrol, Polyäthylen, Trolitan, Metacrylat oder Melamin. Kunststoff hat traditionelle Werkstoffe wie Holz, Stein, Glas oder Metall vielfach ersetzt und vereint Eigenschaften in sich, die besonders interessant für Gebrauchsgegenstände des Alltäglichen sind: robust, pflegeleicht und günstig. Kunststoff gilt deshalb als demokratischster aller Werkstoffe und ist spätestens seit Ende der 1980er Jahre – als die Kunststoff- die Stahlproduktion überholte – überall präsent.

„Stoff der tausend Möglichkeiten“

So nannte der belgische Chemiker Leo Hendrik Baekeland den ersten vollsynthetischen Kunststoff namens Bakelit, den er im Jahr 1907 entdeckte. Er hatte Phenolharz mit Formaldehyd vermischt, das ganze erhitzt und erhielt eine klebrige, weiche Masse, die sich – und das war das Sensationelle – in eine beliebige Form bringen ließ. Diese Masse erwies sich zudem noch als wärmeresistent, haltbar, billig, belastbar und isolierend. Es kam wie es kommen musste: Kurze Zeit nach Baekelands Jahrhundert-Erfindung waren bereits Telefone, Radios, Lampen oder Bowlingkugeln aus Bakelit gefertigt. Nachdem in den frühen 1950er Jahren Plastikprodukte wie Barbie, Lego, Tupperware und die Frischhaltefolie den „Wirtschaftswunder“-Markt erobert hatten, ermöglichte in den 1960er Jahren der Werkstoff Kunststoff ganz neue Formen und Oberflächen im Möbelbau, an die vorher nicht zu denken gewesen war.

Allerlei in Kunst-Stoff

Eine dieser damals neuen Formen ist mittlerweile zur Designikone avanciert und wurde von Vitra neu aufgelegt: Der 1967 von Verner Panton entworfene, aus einem Stück gegossene „Panton Chair“ aus Polyurethan – in der Ausstellung in Hannover in der 1970er-Jahre-Kultfarbe Orange ausgestellt. Neben elektrischen Geräten wie Fönen, Rasierern und Kofferradios haben sich die Kuratoren der Intermezzo-Ausstellung vor allem auf das Design von Küchenartikeln konzentriert. Und so findet der Besucher bis zum 3. Mai dieses Jahres in den Vitrinen Gegenstände vor, die bei der Einnahme von Mahlzeiten, sowohl im häuslichen Bereich als auch in der Freizeit Verwendung finden. Da gibt es beispielsweise eher kurios anmutende Dinge – die übrigens alle aus der Sammlung Heinrich Averwerser stammen – wie ein Sardinenheber oder Marmeladenlöffel, aber auch so alltägliche Utensilien wie Salatbestecke, Zuckerdosen oder Milchgießer. Auffällig ist die Farbgebung vieler Objekte, die den Weg nach Hannover gefunden haben.

Orange – was sonst?

Besonders die Accessoires der 1970er Jahre kommen knallig daher: in Grün, Gelb oder Orange. Da ist zum einen das Orangeade-„set 9“, das Jean-Pierre Vitrac 1970 entwarf oder das aus Melamin gefertigte Tafelservice „Bomba“, das sich Helen von Boch und Federigo Fabrini für Villeroy & Boch ausdachten. Da kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus vor lauter ausgeprägten Rundungen in – was sonst? – Orange. Und auch die Werbematerialien zu den extravaganten Objekten waren dementsprechend grafisch exaltiert aufbereitet: Ein Beispiel in der Ausstellung ist das Original-Verkaufsprospekt der Firma Buchsteiner aus dem Jahr 1958.

Im Westen doch was Neues

Neben Design von eher unbekannten Gestaltern sind auch einige Klassiker in der Ausstellung vertreten, sowohl aus dem Westen als auch dem Osten des (deutschen) Landes: Der stapelbare Aschenbecher „Sinus“, von Walter Zeischegg 1966/67 für Hansfriedrich Hefendahl (Helit) entworfen, sieht auch noch heute ziemlich cool aus. Und auf Berliner Flohmärkten findet sich allenthalben der beliebte Hahn-Eierbecher aus Polystyrol, der von dem VEB Plaste Wolkenstein hergestellt wurde. Weniger bekannt, aber trotzdem gestalterisch durchdacht sind die konisch geformten, in Puderfarben daherkommenden Henkel-Milchkannen aus Polyäthylen, die 1960 von Günter Höhne entworfen und im VEB Presswerk Tambach produziert wurden.

Vom Picknick ins Museum und zurück

Nun stehen all diese alltäglichen Gegenstände aus dem eigentlich günstigen Material Kunststoff – das für die breite Masse gedacht war – also im Museum. Und wenn man die poppigen Farben und Formen und den grauen Himmel so betrachtet, dann sehnt man sich den Sommer herbei. Auf einer Decke sitzen, die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, köstliche Leckereien mit Plastiklöffeln von buntem Plastikgeschirr essen – das wäre schön. Den Champagner dazu trinke ich dann allerdings doch lieber aus einem richtigen Glas.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

Haeberli