Die inneren Werte

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Text: Tanja Pabelick

Eine Einrichtung im Sinne des Minimalismus fällt vielen besonders in der Küche schwer. Denn in kaum einem anderen Wohnraum werden so viele Utensilien benötigt und Gerätschaften für Spezialanwendungen gelagert: Käsefondue, Panini-Grill, Reiskocher, Dampfgarer oder Brotbackautomat stauben als dazugekauftes Equipment in vielen Küchen auf den Ablagen der Hochschränke ein. Dabei gibt es für die Unterbringung von Lebensmittel und Küchenwerkzeugen eine einfache Lösung: gut organisierten Stauraum, der im besten Fall von Anfang an mit eingeplant wird. Wir haben uns Ergonomie und Möbel in der Küche einmal genauer angeschaut und patente Lösungen für die Organisation vor und hinter der Schrankblende gefunden.

Auf die Frage, was in der Küche wohin gehört, geben Theorien und Normen ganz verschiedene Antworten. Am bekanntesten sind das sogenannte „Arbeitsdreieck“ und die DIN-Norm, die beide seit den 50ern die Einrichtung vieler Küchen beeinflussen. Die Hausfrau nach DIN-Norm kommt mit einer Tüte voller frischer Lebensmittel nach Hause, wäscht sie links in der Spüle, schneidet sie mittig an der Arbeitsfläche und bereitet sie auf dem rechts stehenden Herd zu. Das Kochen ist eine Kette, deren organisatorische Abfolge sich bei den Einrichtungsgegenständen wiederfindet. Was in der Theorie ordentlich und präzise anmutet, offenbart bei genauerem Hinsehen aber gleich die ersten Mängel: Da die DIN-Norm ein Relikt der 50er ist, sind moderne Errungenschaften wie Tiefkühlschrank und Mikrowelle unberücksichtigt - sie sind „Störer“ im klassischen Arbeitsablauf. Denn aus der Kühlkombi gelangen die Lebensmittel vorgeschnitten direkt in den Topf oder als Fertigmahlzeit ohne Umwege in die Mikrowelle, die alles in Minutenschnelle erhitzt.

Kochen im Uhrzeigersinn

Flexibler ist da das „Arbeitsdreieck“, das die Bereiche Vorrat, Vorbereitung und Kochen in dieser Reihenfolge im Uhrzeigersinn anordnet. Der Koch hält sich quasi im Zentrum seiner Küche auf und kann zwischen den Arbeitsbereichen wechseln. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die drei Aktionsorte nicht zu weit voneinander entfernt liegen, so dass die Füße nur kurze Wege zurücklegen müssen. Wem es gelingt sein Brot, morgens im Halbschlaf und ohne Verrenkungen zu schmieren, hat in der Anordnung der Arbeitsflächen und Geräte vermutlich das Wichtigste richtig gemacht. Generell gilt aber: Die normativen Regularien der Küchenplanung sind ein guter Einstieg bei der Suche nach der persönlich passenden Ergonomie – und sollten dann an der richtigen Stelle gebrochen werden. Denn die Rationalisierung der Arbeitsabläufe – wie man sie etwa bei der Frankfurter Küche findet - wird nicht von jedem als Optimum empfunden. Vielmehr sollte man sich Gedanken über die eigenen Vorlieben machen. Und da kann es auch eine Rolle spielen, dass man beim Kochen gern aus dem Fenster schaut, statt vor die Wand.

Gut organisiert ist halb gekocht
Besonders in kleinen Küchen ist es sinnvoll, jede Ecke und jeden Winkel auszunutzen. In den Unterschrank einfach ein zusätzliches Regalbrett einzuschrauben, hilft aber auch nicht weiter: Wenn der oft benutzte Mixer hinten links hinter den Schüsseln versteckt steht und bei jedem Gebrauch erst alle davor stehenden Gerätschaft hervorgekramt werden müssen, kostet das unnötig Zeit – das kann mit einfachen Lösungen vermieden werden. Den besten Überblick bieten Unterschränke mit voll ausfahrbaren Laden, bei denen man von oben sogar Zugriff auf die letzte Reihe hat. Eine andere Lösung ist der als Apothekerschrank bekannte Auszug, der durch sein schmales und hohes Format und die offenen Seiten leicht zugänglich ist. Auch bei den Hochschränken kann man sich das Leben unter Berücksichtigung ergonomischer Aspekte erleichtern. Türen, die sich zu den Seiten öffnen lassen, sind nicht per se unpraktisch, bergen aber die Gefahr, dass sich an Ihnen jemand den Kopf stößt. Besser sind Jalousiefronten oder Türen, die sich nach oben öffnen lassen. Bei der Organisation des Schrankinneren gilt: Schweres nach unten, die Dinge, die man häufig benötigt, werden in Griffhöhe oben aufbewahrt.

Hinter geschlossenen Türen
Eine vorbildliche Organisation hinter reduziert gestalteten Fronten findet sich bei den drei Kollektion b1, b2 und b3 des Herstellers bulthaup, der Ergonomie und Effizienz der Arbeitsbereiche zur Grundlage der bis auf den letzen Millimeter durchdachten Systeme macht. Für die Unterschränke der b3-Serie gibt es verschiedene Einsätze, die den vorhandenen Raum organisieren. Besteck, Gewürze, Messer oder Folienrollen werden im passenden Rahmen platziert, das Volumen wird effizient genutzt und beim Öffnen kann nichts durcheinander geraten. Ein bisher weniger beachteter Bereich in der Küche wird mit den Funktionsboxen der gleichen Serie erschlossen, die direkt über der Arbeitsplatte an der Wand befestigt werden und als multifunktionale Kuben Stauraum für die verschiedenen Kochutensilien und -werkzeuge bieten. Die nach unten zu öffnende Klappe ist gleichzeitig ein Schneidebrett, dahinter verbergen sich funktionale Lösungen wie ein Messerblock, ein Rollenhalter, eine Blende mit Gewürzdosen oder ein Utensilienhalter für Kochlöffel und Schneebesen.

Der Koch als Handwerker
Dass gute ergonomische und organisatorische Lösungen durchaus auch aus ungewöhnlichen Betrachtungs- und Herangehensweisen entstehen können, beweist die Serie b2, die in Zusammenarbeit mit der Wiener Gestaltergruppe EOOS entstanden ist. Die Designer haben sich auf der Suche nach einer neuen Küchenlösung beim Handwerk umgeschaut und in den Werkstätten Ordnung, Übersichtlichkeit und kurze Arbeitswege vorgefunden. Der von ihnen gestaltete Küchenwerkschrank orientiert sich am Werkzeugschrank der Schreiner, in dem jeder Hobel und jeder Hammer einen auf ihn zugeschnittenen Haken oder Halteschlitz hat. Ganz wie der aus diesen Beobachtungen entstandene Schrank, der die Reminiszenz durch seine konsequente Gliederung noch deutlich erkennen lässt. Die Becher hängen in der einen Tür, Messer und anderes Werkzeug finden einen Platz in der anderen, dazwischen ein schmales Element, das sich zusätzlich in den Raum öffnen lässt und die dadurch von beiden Seiten zugänglichen Vorratsdosen beherbergt.

Monolithische Küchenblöcke

Wenn die Gerätschaften hinter klaren Fronten verschwinden, kann die Küche ohne all die visuellen Störfaktoren in ihrer Gestaltung die Reduktion feiern: Einfache Kuben und auf die Grundform reduzierte Geometrien, die nur von einigen Fugen durchbrochen werden – dahinter verbirgt sich großzügiger und übersichtlicher Stauraum. Ein Spezialist für gut organisierten Minimalismus ist der Hersteller Boffi, dessen Küchensysteme oftmals nur im Gebrauch ihre Funktion erkennen lassen, und die sich unbenutzt in glatte Monolithen verwandeln. Das von Piero Lissoni entworfene Hochschranksystem Duemilaotto etwa verfügt über Schiebetüren, die sich komplett öffnen lassen. Die Drehflügeltüren an beiden Enden können zusätzlich in die Seitenteile versenkt werden, so dass der Inhalt der klaren Kuben dann offen liegt und während des Kochens gut erreichbar ist. Das von Norbert Wangen gestaltete System K2 geht sogar noch einen Schritt weiter und tarnt nicht nur den Stauraum, sondern auch die ganze Küche: Als Block raummittig installiert, kann der weiße Kubus als Tisch oder Bar genutzt werden, ohne dass sein Aussehen Rückschlüsse auf die innenliegende Funktionseinheit zulässt. Erst beim Verschieben der Arbeitsfläche zur Seite hin werden Herd und Spüle zugänglich und die nutzbare Fläche der Küche um die Hälfte vergrößert.

In seiner Funktion ähnlich angelegt ist auch der Block von Marco Gorini, der mit seinem Unternehmen Strato exklusive Küchen anbietet, die für seine Kunden auf Wunsch und zu Teilen in aufwändiger Handarbeit hergestellt werden. Die kürzlich erst vorgestellte Kücheninsel „Layer 031“ besteht aus einem feststehenden Block und beweglichen Arbeitsflächen: Die Teile aus soliden Eichenblöcken lassen sich in den Raum schieben. Dabei kommen die Arbeitsareale wie Herd und Spüle zum Vorschein. Hinter ebenso massiven Schiebetüren verbirgt sich dann der maßgeschneiderte Stauraum.

Bewusst arbeiten

Wer in einer für ihn persönlich eingerichteten Küche werkelt, wird den neuen Luxus bald nicht mehr missen wollen. Aber: Nicht jedem ist bewusst, wie es in seiner Küche wirklich um die effiziente Arbeitsorganisation steht. Denn gerade bei alltäglich wiederholten Handlungsabläufen setzt schnell Gewohnheit ein – auch wenn der Arbeitsplatz unter ergonomischen Gesichtspunkten vielleicht nur mittelprächtig ist. Viele wissen gar nicht was sie stört, was die eigenen Ansprüche an den Arbeitsraum Küche sind, oder wie es besser ginge. Und an vielen gehen die Überlegungen zur Ergonomie und Organisation schlichtweg vorbei. Dabei ist gerade die Küche ein sinnlicher Raum, in dem man sich neben aller Effizienz und Strukturierung vor allem wohl fühlen sollte.

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