300 Jahre oder La maladie de porcelaine

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Text: Claudia Simone Hoff


Porzellan. Wer denkt da schon an Mechatronik und Raumfahrt, Chemie und Hochspannungstechnik, Hightech und Medizin? Wohl eher die wenigsten, verbindet man dieses Material doch gemeinhin mit Kaffeekränzchen bei Oma, langweiligen Familienfesten oder Polterabenden, die mit dem Zerschmeißen desselbigen enden. Und dabei erzählt Porzellan wie kein anderes Material die sich wandelnde Gesellschafts- und Sozialgeschichte der Alten Welt, inklusive seiner vielfältigen Nutzung in technischen Bereichen. 300 Jahre ist die Erfindung des „weißen Goldes“ durch den Alchemisten Johann Friedrich Böttger in Dresden alt. Und angesichts der uns überschwemmenden Billigimporte aus Asien tut es dem gequälten Auge gut, sich an die fantastischen Schöpfungen zu erinnern, zu denen das Material zahlreiche Künstler und Entwerfer im Laufe der Jahrhunderte animierte.


Welche Kostbarkeiten bei der kreativen Arbeit mit dem Material Porzellan – das neben Spurenelementen aus den drei Bestandteilen Kaolin, Feldspat und Quarz besteht – entstanden sind, kann man in diesem Jubiläumsjahr an vielen Orten in Deutschland bestaunen. Ganz vorn dabei im Veranstaltungsreigen eine groß angelegte Doppelausstellung über die Geschichte, das Wirken und die Wirkung der Porzellanmanufaktur Meissen, die seit 1722 das Signet der zwei blauen, gekreuzten Schwerter trägt. Während im Japanischen Palais in Dresden – vom sächsischen Kurfürsten August dem Starken zum Porzellanschloss ausgebaut – die Ausstellung „Triumph der blauen Schwerter“ die Hochzeit der Manufaktur zwischen 1710 und 1815 beleuchtet, widmet sich die Schau „Zauber der Zerbrechlichkeit“ im Berliner Ephraimpalais dem Einfluss von Meissen auf andere Manufakturen.
 
„Zauber der Zerbrechlichkeit“ oder Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste
In einer Ausstellungsgestaltung des Berliner Architekturbüros Kuehn Malvezzi kommen die wertvollen Stücke im Ephraimpalais besonders effektvoll zur Geltung: Jeder Raum, der jeweils eine ausgewählte europäische Porzellanmanufaktur und einige Sonderthemen präsentiert, ist mittels umlaufender Vorhänge in einer anderen Farbe gehalten. Zudem fallen einige Räume durch die gezielte Lichtgestaltung auf – so geht man gar das Wagnis ein, einige der insgesamt 500 Stücke mit dem Licht sichtbar angebrachter Leuchtstoff-Röhren in Glasvitrinen hervorzuheben, was ihnen eine Jeff-Koons-artige Anmutung verleiht. Der Fokus der Ausstellung, die von Theresa Witting kuratiert wurde, liegt auf der historischen Dimension der Porzellanmanufaktur Meissen, ihrem künstlerischen Einfluss auf andere Porzellanmanufakturen.

Denn schließlich war es Meissen, wo August der Starke 1710 die erste Porzellanmanufaktur auf europäischen Boden gründete. Bereits im selben Jahr wurde das dort hergestellte Porzellan auf der Leipziger Messe angeboten. Es war der ehemalige Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger, dem – basierend auf den Forschungen von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und beauftragt von August dem Starken – am 28. März 1709 die Erfindung des europäischen Porzellans gelungen war. Bis dahin war in Europa vor allem das aus China importierte Porzellan bekannt, das seinen Höhepunkt während der Ming-Dynastie (1368 – 1644) erlebte. August der Starke besaß mit 35.000 Stücken die weltweit größte Sammlung chinesischer und japanischer Porzellane. Er sprach gar von einer maladie de porcelaine, für die er einiges in Kauf nahm: So tauschte er mit Friedrich Wilhelm I. von Preußen gar 600 sächsische Soldaten gegen 152 blau bemalte chinesische Porzellane aus Oranienburg und Charlottenburg ein.

Die Porzellanmanufaktur Meissen war es auch, die mit der Einführung des Tafelservices aus Porzellan (1736-1741) – das berühmte reliefierte Schwanenservice, bestehend aus 2200 Einzelteilen – die Tischkultur nachhaltig verändert hat. Hier wurde das gesamte Repertoire an Formen und Dekoren festgelegt – einhergehend mit dem Siegeszug von damals neuen Getränken in Europa: Tee aus China, Schokolade aus Mexiko und Kaffee aus dem Osmanischen Reich. Und so wurden Tee-Utensilien auf mehrstufigen Tabletts dargereicht, und manch einer beschäftigte gar ein Schokoladen-Mädchen, das das süße Getränk kontinuierlich umrührte und dann servierte. Und statt der bis ins 18. Jahrhundert üblichen Zuckerkunstwerke als Tafelschmuck dienten jetzt kostbare Porzellanfiguren als Anregung für das Gespräch bei Tisch.

Die Konkurrenz schläft nicht oder Scherben bringen Glück
Im 18. Jahrhundert brach an den europäischen Fürstenhöfen ein regelrechtes Porzellanfieber aus – geschuldet war dies der Opulenz höfischer Tischsitten und pompöser Feste. Nachdem Meissen den Anfang gemacht und vergeblich versucht hatte, das Geheimnis der Porzellanherstellung geheim zu halten, wurde 1718 in Wien die Porzellanmanufaktur Augarten gegründet. Dies war der Startschuss für eine Welle von Neugründungen. Porzellan galt als höchstes Luxusgut. Und wenn man sich die Preziosen der Berliner Ausstellung so anschaut – vom güldenen Frühstücksservice bis zum Blumenstrauß mit fein und naturnah herausgearbeiteten Blättern und Blüten aus Porzellan –, dann muss man dem Direktor der Dresdner Porzellansammlungen Ulrich Pietsch recht geben, Porzellan nicht einfach nur als Kunsthandwerk zu betrachten, sondern schlichtweg als Kunst.

Waren es doch gerade die Porzellanmanufakturen, die über die Jahrhunderte Bildhauer und Maler für die Gestaltung ihrer Porzellane beschäftigt haben. Im 18. Jahrhundert schufen Künstler wie Franz Anton Bustelli oder Johann Gregorius Höroldt die begehrten Porzellanobjekte, im 20. Jahrhundert tauchen illustre Künstlernamen wie Auguste Rodin, Josef Hoffmann, Walter Gropius oder Kasimir Malewitsch auf. Sie alle sorgten mit ihren Entwürfen für visuelle Furore. Überhaupt gilt das 20. Jahrhundert auch in der Porzellanherstellung als Jahrhundert des Designs. Als Wegbereiter der Moderne machte hier insbesondere das Bauhaus von sich reden: Denn hier wurde Porzellan in Form und Dekor auf das Wesentliche reduziert, wie man am Beispiel der Porzellanservices Urbino von Trude Petri für KPM oder „Form 1382“ von Hermann Gretsch für Arzberg, beide aus den dreißiger Jahren, sehen kann.

Spagat zwischen Tradition und Moderne oder Wie ein Elefant im Porzellanladen
Zu dieser Zeit war Porzellan bereits zu einer Massenware geworden. Bereits im Biedermeier, am Ende des 18. Jahrhundert, war es zur Verbürgerlichung des Porzellans gekommen; es avancierte nun auch in nicht-adeligen Häusern zum Statussymbol und diente zu Repräsentationszwecken. Während es Mitte des 19. Jahrhunderts rund um Selb in Oberbayern aufgrund von Kaolin-Vorkommen zu zahlreichen Neugründungen von Porzellanmanufakturen kam, kann von einer Massenherstellung des „weißen Goldes“ aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Rede sein. Die Industrialisierung machte auch hier nicht halt, und mit der Einführung von Tunnelbrandöfen und Maschinen zur Fertigung einzelner Teile wurde die Rationalisierung des gesamten Produktionsprozesses ermöglicht.

Heute stehen die noch bestehenden, altehrwürdigen Porzellanmanufakturen vor der Schwierigkeit, gestalterisch den Spagat zwischen Tradition und Moderne in der Gestaltung zu bewältigen und gleichzeitig eine solide finanzielle Basis zu schaffen. Während KPM kunstambitionierte, in limitierter Auflage käuflich erwerbbare Projekte initiiert – wie etwa die recht fragwürdige „Porzellanpistole“ von Yvonne Lee-Schultz oder ein Spielzeug namens „Cross Eye“ des Berliner Büros Zeitgeist Toys –, hat Royal Copenhagen mit Louise Campbell eine Designerin gefunden, die mit Elements ein Porzellanservice entworfen hat, das Tradition mit Modernität verbindet: Denn einerseits enthält die feinsinnige Porzellansserie Fragmente von Royal-Copenhagen-Dekoren des 18. Jahrhunderts, andererseits unterscheidet sich der Farbreigen radikal vom traditionellen blau-weißen Farbthema des dänischen Porzellanherstellers. Und so kann man seinen geliebten grünen Tee nun auch aus einer Tasse mit orangefarbenem Blumendekor genießen.

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Haeberli