Michael Sieger

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Text: Katrin Schamun

Sieger design gehört zu den ersten Büros in Deutschland, die sich mit dem Thema Baddesign beschäftigten. Dieter Sieger, der Gründer des Unternehmens, ist von Beruf Architekt und kam über den Schiffsbau zum Bad- und Produktdesign. Seit 2003 führen seine beiden Söhne Christian und Michael Sieger das Familienunternehmen weiter. Der gelernte Betriebswirt und der ausgebildete Produktdesigner bauten das Unternehmen zu einem Full-Service-Dienstleister auf, dessen Aufgaben in den Bereichen: Designmanagement, Public Relations und Marketing, Grafikdesign, Architektur und Industriedesign liegen. Badfirmen zählen zu den größten und auch langjährigsten Kunden von Sieger design, wie der Hersteller Alape. Wir sprachen mit Michael Sieger über die Entwicklung des Badezimmers, über deutsches Design und warum sich Sieger Design zu den italienischsten unter den deutschen Büros zählt.
Siegerdesign ist seit über 20 Jahre im Bereich Baddesign tätig. Wie entwickelte sich das Badezimmer in diesem Zeitraum?
Anfang der 1980er Jahre als mein Vater anfing, glich die Designlandschaft für das Baddesign einer Wüste. Es gab nur Entwürfe von Luigi Colani für Villeroy& Boch die außergewöhnlich waren, der Modeschöpfer André Courrèges entwarf Waschbecken und Arne Jacobsen eine Armatur für Vola, aber ansonsten war die Branche unbefleckt. Anfangs ging es darum, überhaupt Sanitärprodukte zu gestalten und erst im zweiten Schritt die verschiedenen Produkte, wie Armatur, Waschbecken, Fliesen und Möbel aufeinander abzustimmen. Um 1990 wurde das Badezimmer zunehmend von Designern entdeckt, wie beispielsweise von Phillipe Starck oder dem Modedesigner Wolfgang Joop. In den letzten fünf bis acht Jahren ist Design zur Selbstverständlichkeit geworden. Es gibt im Sanitärbereich kaum noch Unternehmen, die nicht mit Designern zusammenarbeiten. Heute geht es mehr um Funktionen, deren Verfeinerung und ihre Anwendung. Ein Beispiel: Vor 10 bis 20 Jahren hatte ich eine Dusche und eine Handbrause, heute habe ich eine Kopfbrause mit integrierter Schwall- und Regendusche. Es geht nicht mehr nur darum, sich zu waschen, sondern um das Wie. Wie wasche ich mich? Wie werde ich nass? Wie trifft das Wasser auf meine Haut? Im Badewannenbereich ist es genauso. Damals kamen die ersten Whirlpools auf, heute ist das Standart.
Wie sieht das Badezimmer in Zukunft aus?
Das Bad wird wohnlicher und öffnet sich dem Schlaf- und Ankleidebereich, so wie sich die Küche zum Ess- und Wohnzimmer geöffnet hat. Küche und Bad sind die zentralen Räume in Häusern und Wohnungen, um die sich die anderen Räume ordnen. Die Küche ist das öffentliche Zentrum und das Badezimmer der private Bereich. In beiden Räumen wird der Zugang zu den Elementen benötigt, in der Küche brauchen wir Frischwasser zum Kochen und zum Trinken, und im Badezimmer Wasser zum Waschen. Der Zugang zu den Medien schreibt den Platz dieser Räume innerhalb einer Wohnung vor. Doch müssen die Medien heute nicht mehr an der gleichen Stelle sein. Es gibt Möglichkeiten die Wasserablauf und -anschlussstellen in die Möbel zu verlegen. Diese Entwicklung ist bereits in der Küche ablesbar. In der Zukunft wird auch das Badezimmer stärker möbliert werden, so dass es sich flexibler gestalten lässt. Dann wird man mit seiner Wanne und Becken genauso umziehen, wie mit anderen Möbeln auch.
Das Baddesign ist bei Ihnen ein wichtiges Aufgabengebiet.
Unsere größten Kunden, mit denen wir auch am längsten zusammenarbeiten, kommen aus dem Badbereich, wie der Sanitärhersteller Alape.
Sie arbeiten auch in anderen Branchen, wie Industriedesign, Architektur, Grafik, PR und Marketing. Wie gewährleisten Sie konsequent die Qualität und den Erfolg ihrer Arbeit?
Um diesen und die übrigen Bereiche kümmere ich mich persönlich und bilde die Schnittstelle zwischen ihnen. Wichtig bei unserer Arbeit ist vor allem der Marketingmix: Wir wollen nichts dem Zufall überlassen und haben uns deshalb zu einem Full Service Anbieter entwickelt. Für Firmen ist das existenziell, um ihre Produkte erfolgreich zu vermarkten. Dabei ist es wichtig, dass alle Aspekte und Bestandteile des Marketingmixes aufeinander abgestimmt sind. In der Vergangenheit haben wir häufig die Erfahrung gemacht, dass bei großen Unternehmen die Grundidee eines Produkts auf dem Weg bis zum Endverbraucher sehr viel verlieren kann. Das ist ein bisschen wie „Stille Post“. Je mehr Leute in der Reihe stehen, desto weniger kommt von der Nachricht, die man seinem Nachbarn ins Ohr geflüstert hat, am Ende an. Es gibt sehr wenige Unternehmer, die selbst in der Lage sind, das gesamte Orchester zu dirigieren und auf den gleichen Takt einzuschwören. Und wir reisen mit dem kompletten Orchester an und garantieren, dass alle im gleichen Takt spielen.
Und wie setzt sich das gesamte Orchester, also Ihr Team dann zusammen?
Das sind Designer und Kreative aus den verschiedensten Disziplinen: Produkt- und Industriedesigner, Grafiker, Kommunikationsdesigner und im PR-Bereich arbeiten Personen mit journalistischen Background. Es sind Profis und in den entsprechenden Gebieten ausgebildete Leute. Aktuell sind wir etwa 40 Personen.
Ihr Vater ist Architekt, Sie sind Designer und Ihr Bruder ist Betriebswirt.
Design und Architektur sind in Deutschland getrennte Disziplinen im Gegensatz beispielsweise zu Italien. Ist das ein Thema bei sieger design?
Ich denke, dass die Trennung von Architektur und Industriedesign schon richtig ist, denn allein der Bereich Industrie- und Produktdesign ist ein sehr weites Spannungsfeld, angefangen beim Stuhl, über Geschirr und Besteck bis hin zur Fernsehkamera und Transportmittel. Der Architekt ist sicherlich in der Lage einen Stuhl oder Besteck zu entwerfen. Ob er einen Zug gestalten kann, ist eine andere Frage. Von daher glaube ich schon, dass die Trennung berechtigt ist, wobei der Architekt für gewisse Gestaltungsaufgaben der bessere Designer ist.
Für welche Gestaltungsaufgaben?
Grob gesagt, für alle Dinge die sich im Haus befinden also das Design von Möbeln und von Einrichtungsgegenständen. Der Architekt sieht als erstes den Raum, in dem der Stuhl steht und gestaltet dann den Stuhl. Er hat eher die Sicht von außen auf die Dinge und setzt sie im Zusammenhang zu ihrer Umgebung. Der Designer sieht von vornherein nur das Objekt „Stuhl“ und gestaltet daraus den Stuhl.
Sehen Sie Ihre Arbeit in der deutschen Gestaltungstradition „forms follow function“ oder darf es auch mal nur schön sein?
Ich sehe uns nicht als typisch deutsches Designbüro. Deutsches Design ist mir zu verkopft. Gerade die Emotionalität ist uns sehr wichtig und wir haben schon immer gesagt, vielleicht das italienischste deutsche Designbüro zu sein. Wir verbinden italienische Kreativität und Emotionalität mit deutscher Zuverlässigkeit und Präzision. Wichtig ist, dass am Anfang die Designaufgabe für sich und mit dem Auftraggeber zusammen klar definiert wird. Anschließend kann ein Produkt auch einmal nur schön sein und seine Funktion steht hinten an. Deutsches Design ist sehr rational, durch den Funktionsaspekt geprägt und lässt wenig emotionale Ausbrüche zu. Der Holländer Marcel Wanders entwirft beispielsweise eine Vase, indem er ein kleines Niespartikel unter einem Elektronenrastermikroskop riesig vergrößert und daraus per Stereolitografie ein Modell für die „Snotty vases“ fertigt. Das fällt keinem Deutschen ein, dafür sind wir viel zu ernst.
Und Sie sehen sich mit dem italienischen Design und seiner Emotionalität enger verbunden?
Das hat mit der Mentalität der Menschen zu tun und da sind wir Italienern näher als Franzosen. Ich finde, die Italiener verbinden sehr vieles miteinander. Sie haben Stil und leben diesen Stil. Sie haben Kultur, ob es das Essen ist oder die Kleidung, alles ist sehr stilvoll und ihr Umgang damit ist so selbstverständlich und unprätentiös. Man hat das Gefühl der Italiener saugt das mit der Muttermilch ein. Aber sie haben auch eine ganz andere kulturelle Entwicklung durchlaufen, wenn man bedenkt, dass sie bereits auf Marmorbänken in ihren Thermalbädern saßen, als wir noch mit der Keule durch den Wald gelaufen sind.
Aber das moderne Design ist in Italien nicht verbreiteter als bei uns. Deutschland ist wirtschaftlich gesehen sogar ein größerer Designmarkt als Italien. Die normale Durchschnittswohnung in Italien ist auch nicht modern eingerichtet, aber trotzdem stilvoller und gekonnter als bei uns.
Woran liegt das?
Ich glaube, dass liegt daran, dass in Deutschland in vielen Bereichen die Gestaltung keine Rolle spielt. Wir betrachten uns als das Volk der Dichter und Denker und meinen, dies sei viel wichtiger als Äußerliches. Nur wenn wir das Volk der Dichter und Denker immer noch wären, könnte man sich vielleicht solch eine Haltung erlauben. Doch wir sind es nicht mehr. Für mich gehört zu Kultur, auch die Frage wie ich mich kleide. Und das hat nicht zwangsläufig mit Geld zu tun, denn dank Zara und H&M kann ich mich auch mit weniger Geld gut kleiden. Es ist eine Frage der Auseinandersetzung und das muss man lernen, so wie man sich mit Kunst, Musik oder gutem Essen beschäftigen muss. Dabei geht es um die Dinge des alltäglichen Lebens und die bewusste Auseinandersetzung mit diesen.
Gibt es das „typische“ Sieger-Design?
Ob sich das in jedem unserer Produkt widerspiegelt, kann ich nicht sagen. Aber für uns ist die Geschichte eines Produktes wichtig und eine häufige Entwurfsmethodik ist, nach dem Archetyp des Produkts zu suchen. Viele Produkte mit denen wir uns beschäftigen, werden bereits seit 5.000 Jahren hergestellt, wie beispielsweise Geschirr. Seit dem hat sich nicht viel geändert. Nach wie vor essen wir Kuh- und Schweinefleisch und Gemüse.
In früheren Zeiten haben sich die Menschen bewusster mit Alltagsgegenständen beschäftigt. Ein Handwerker der Geschirr designed hat, war einst der Töpfer, der sich viel intensiver mit der Gestaltung des Geschirrs auseinandersetzte, als wir das heute tun. Wenn ich mich heute auf Schloß Harkotten umsehe, denke ich, dass wir überhaupt nicht mehr in der Lage sind, diesen Reichtum an Ornamenten herzustellen. Deshalb laufen auch viele Gestalter von oben bis unten in Schwarz herum, weil sie nicht in der Lage sind, die passende Krawatte zum passenden Hemd herauszusuchen und zu Schwarz passt so ziemlich alles. Heute haben Menschen ein gewisses Unvermögen, was die Gestaltung der Dinge angeht. Unsere Zeit ist schnelllebig geworden, alles ist kommerziell geprägt und gesteuert.
An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Wir arbeiten an neuen Sanitärprodukten für unsere großen Kunden. Wir arbeiten an einem Kommunikationsprojekt, an einem Projekt mit dem Teppichhersteller maltzahn carpets und seit neuestem an einem Gestaltungskonzept der Nanjing Road in Shanghai, der wichtigsten und größten Einkaufsstraße der Stadt. Aber wir entwickeln auch die Marke „Sieger“ weiter. Ich habe Mode und Kleidung für mich als Kulturgut entdeckt und festgestellt, dass es eine Lücke auf dem Kleidungsmarkt gibt. Ich begreife den Einstieg in das Bekleidungsgeschäft als große Herausforderung. Unsere zweite Testkollektion hat sich gut verkauft und das macht mich sehr stolz.
Gibt es noch andere Projekte, die Sie gerne realisieren möchten?
Ein Traum von mir ist es, an einem Film beteiligt zu sein und von der Filmarchitektur und Kulisse bis hin zur Ausstattung der Schauspieler alles zu entwerfen. Oder an einem Bühnenstück mitzuwirken, so das man an der Gestaltung eines umfassenden Erlebnis aller Sinne mit Musik und Beleuchtung und Dramaturgie teilnehmen kann, das würde mich reizen.
Vielen Dank für das Gespräch.

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