Claudio Silvestrin

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Text: Norman Kietzmann


Claudio Silvestrin gestaltet opulente Einfachheit. Geboren 1954 in Zürich als Sohn italienischer Eltern, studiert er am Mailänder Politecnico unter A. G. Fronzoni Architektur und absolviert seinen Master an der Architectural Association in London. 1986 gründet er zusammen mit John Pawson das Büro Pawson Silvestrin Architects, bevor er sich 1989 mit seinem eigenen Büro Claudio Silvestrin Architects in London selbständig macht. Sein Gespür für zurückhaltende wie anmutige Räume setzt er nicht nur für die Gestaltung zahlreicher Privathäuser und Apartments ein, sondern ebenso für den Bau der Galleria Miro in Florenz 1990, der Donnelly Gallery im irischen Killiney sowie den weltweiten Boutiquen von Giorgio Armani. Parallel entwickelt er mit seinem Büro, das 2006 eine Dependance in Mailand eröffnet, zahlreiche Möbel, Küchen und Bäder für Unternehmen wie Cappellini, Boffi, Dornbracht, Poltrone Frau, Toscoquattro oder Minotti Cucina. Wir trafen Claudio Silvestrin in seinem Mailänder Büro und sprachen mit ihm über babylonische Badewannen, rußige Schönheit und Luxus als Gefängnis.


Herr Silvestrin, Sie gelten als einer der Vorreiter minimalistischer Architektur und haben sich mit den Interieurs der Boutiquen von Giorgio Armani international einen Namen gemacht. Wie würden Sie selbst den Stil Ihrer Arbeit beschreiben?


Ich vermeide den Begriff Minimalismus, weil er oft mit einem negativen Beiklang verbunden wird. Er steht für Kälte und das Fehlen von Komplexität und Vielfalt. Ich spreche daher lieber von Essenz oder Zeitlosigkeit, da meine Arbeit mit Kälte nichts zu tun hat. Es bedarf jedoch einer höheren Aufmerksamkeit, um ihre Ästhetik wahrzunehmen. Die Dinge müssen nicht glänzen, um schön zu sein.

Eine einfache Gestaltungsregel sagt: Je einfacher die Form, desto wichtiger werden die verwendeten Materialien. Auffallend ist hierbei Ihre Vorliebe für Naturstein, den Sie oft mit rauen, unbehandelten Oberflächen verwenden.


Ich bin in der Schweiz geboren und in Norditalien aufgewachsen. Die Alpen haben meine Wahrnehmung sicher geprägt. Steine aus den Dolomiten benutze ich bei meinen Projekten sehr häufig. Ich versuche allerdings auch andere natürliche Materialien wie Ton, Lehm oder Holz einzusetzen. Das Interessante an ihnen ist, dass sie sich mit der Zeit verändern und die Spuren des Gebrauchs annehmen. Wenn zum Beispiel auf einen Holztisch Rotwein-Flecken kommen, macht mir das nichts aus. Es gehört dazu. In Italien nennen wir das Tessuto – Textur. Sie bringt die Dinge zum Leben. Ich denke, wir sollten uns von der Vorstellung befreien, dass alle Gegenstände und Gebäude immer wie neu aussehen sollen.

Also entsteht Schönheit erst durch Patina?

Absolut, denn nur so werden Produkte ein Teil von uns. Ich mag aus diesem Grunde auch keine Glastische. Nicht nur, dass man immer auf die Schuhe des Gegenüber blicken muss anstatt ins Gesicht. Viel schlimmer ist, dass Oberflächen aus Glas nicht altern. Auch nach vielen Jahren sehen die Objekte aus wie an dem Tag, an dem man sie gekauft hat. Sie frieren die Zeit ein. Ich finde das sehr befremdlich. Ich war neulich wieder in der Bäckerei Princi in der Nähe des Mailänder Doms, deren Interieur wir vor vier Jahren entworfen haben. Der Stein oberhalb des Ofens ist mittlerweile fast schwarz geworden. Ich finde das sehr schön. Er sieht aus, als wäre er 600 Jahre alt. Viele Menschen sehen das allerdings anders und empfinden es als Schmutz. Dabei ist Patina das genaue Gegenteil von Schmutz.

Vor allem dem Badezimmer haben Sie besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Für das Haus Bartos – ein umgebautes Farmhaus
aus dem 17. Jahrhundert in der französischen Provence – haben Sie 1992 eine Badewanne aus massivem Kalkstein entworfen und wie eine Skulptur inmitten eines leeren Raumes präsentiert. Ist eine tonnenschwere Wanne, die erst mit schwerem Gerät in das Haus befördert werden musste, nicht ein wenig übertrieben?

Nicht unbedingt, denn Wasser und Stein bilden eine existenzielle Verbindung. Alle großen Flüsse entspringen dem Gebirge und damit auch dem Gestein. Als wir die Wanne anfertigen ließen, war nicht nur ihre Materialität ungewöhnlich. Auch ihre ovale, halbkugelige Form unterschied sich deutlich von dem, was damals auf dem Markt zu finden war. Ein paar Jahre später ist die Firma Boffi auf mich zugekommen, die damals noch auf Küchen spezialisiert war und stärker in den Badbereich expandieren wollte. Wir haben dann aus diesem Einzelstück ein Produkt für die Serie entwickelt, das 1999 unter dem Namen i fiumi tevere erst in Stein und später auch in Keramik auf den Markt kam. So radikal der Originalentwurf vor knapp zwanzig Jahren war, ist er heute beinahe zu einem Standard geworden. Fast jeder Badhersteller hat heute eine Wanne mit einer ähnlichen Form im Sortiment.

Es muss Sie doch maßlos ärgern, dass Ihre Wanne tausendfach kopiert wurde?

Ja und nein. Denn die Form der Wanne ist so einfach, dass sie im Grunde niemandem gehört. Die Halbkugel ist ein Archetyp, der tausende von Jahren alt ist. Viele Designer haben sie seitdem geringfügig verändert und an dieser oder jener Stelle einen Zentimeter hinzugefügt, um noch ein Stück cleverer zu sein. Mein Entwurf dagegen ist so einfach, dass er sich kaum verbessern lässt. Er könnte schon im alten Babylon gestanden haben. Meine Arbeiten sind nicht allzu kompliziert.

Wann haben Sie beschlossen, Architekt zu werden?

Ich glaube, als ich ungefähr achtzehn Jahre alt war. Mein Interesse an Architektur ist seltsamer Weise über die Kunst entstanden. Ich habe mich damals stark für Malerei interessiert und viele Bücher zum Thema gelesen. Eines dieser Bücher war eine Briefsammlung von Paul Klee. Er schrieb in einem Brief, dass die großartigste Form der Kunst für ihn die Architektur sei. Das hat mich neugierig gemacht. Ich glaube, darin liegt für mich bis heute die Herausforderung: Architektur als eine Form der Kunst zu sehen, die die Gesamtheit ihrer Umgebung umfasst – sei es ein einzelnes Waschbecken oder ein ganzes Haus.

Ein ungewöhnliches Projekt haben Sie 2007 mit der Erweiterung des Kunstmuseums im polnischen Poznan vorgestellt. Anstatt wie sonst auf den rechten Winkel zu setzen, haben Sie ein organisch geschwungenes Volumen auf das Dach des bestehenden Museumsgebäudes platziert. Was hat es mit diesem Entwurf auf sich, der in den Medien schon mehrfach als „Wurst“ bezeichnet wurde?

Die besondere Form ergab sich aus dem Briefing. Denn die Erweiterung sollte auf dem Dach eines Gebäudes aus den 1970er Jahren errichtet werden und sich bewusst von diesem abgrenzen. Da dieser Baukörper selbst sehr streng und kubisch ist, war die organische Form eine schlüssige Lösung. Eine weitere eckige Box auf eine andere eckige Box zu positionieren, hätte an dieser Stelle keinen Sinn gemacht. Hinzu kommt, dass der Raum für ein Café und Restaurant genutzt werden sollte. Und anders als in den Ausstellungsräumen brauchte es hier keine geraden Wände, um Bilder aufzuhängen. Aber Sie haben Recht, formal bedeutet der Entwurf eine andere Richtung. Er wirkt wie ein Raumschiff, das auf einem Gebäude gelandet ist. 


An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Es sind vor allem private Bauprojekte wie Apartments und Einfamilienhäuser. Viele Projekte im Büro- und Geschäftsbereich sind aufgrund der Krise noch immer auf Eis gelegt. Auch die Modefirmen haben derzeit große Probleme und wollen nicht zuviel Geld ausgeben, was ich gut verstehen kann. Denn viele meiner Projekte sind sehr kostspielig. In schwierigen Zeiten ist es nicht einfach, die Bauherren zu überzeugen.

Warum können Sie nicht günstiger planen?

Der Preis leitet sich nicht davon ab, dass ich ein Projekt künstlich verteuern möchte, sondern von den Kosten am Markt. Die Materialien, die ich verwende, sind nicht nur teuerer in ihrer Anschaffung, sondern ihre Bearbeitung von Hand ist sehr kostspielig. Hinzu kommt der Aspekt der Qualität. Ich kann diese Art von Arbeit nicht in China machen lassen, sondern muss mit spezialisierten Firmen in Frankreich, Italien oder Portugal zusammen arbeiten. Das treibt den Preis automatisch nach oben.

Würde Sie sagen, dass Ihre Räume Haute Couture sind?

In gewisser Weise ja. Wir haben zum Beispiel gerade ein Apartment in Paris fertiggestellt, dessen gesamte Einrichtung von Handwerksbetrieben in Frankreich und Italien angefertigt wurde. Nicht ein Gegenstand ist Standard. So haben wir eine dreizehn Meter lange Kücheninsel aus echter Bronze angefertigt, für die wir erst lange nach einer Firma suchen mussten, die diese überhaupt herstellen konnte. Die Anzahl der Manufakturen, die sich im Umgang mit traditionellen Materialien und Herstellungstechniken verstehen sinkt kontinuierlich. Da die Arbeit dadurch sehr teuer wird, steigen auch die Kosten für das gesamte Projekt. In diesem Sinne arbeiten wir wirklich wie die Schneider der Haute Couture.

Also ist Minimalismus per Definition Luxus?

Ich würde sagen, er ist eine bewusste Entscheidung. Im Grunde verhält es sich wie mit frischer Pasta oder frisch gebackenem Brot. Wenn man etwas anderes möchte als eine industriell hergestellte Variante, muss man auch bereit sein, für die zusätzliche Handarbeit mehr zu bezahlen. Das Brot in der Bäckerei Princi ist deswegen teuerer, weil das Mehl aus organischem Anbau stammt. Natürliche Zutaten – sei es beim Kochen oder beim Bauen – sind immer arbeits- und damit kostenintensiver als ihre industriellen Pendants. Ändern lässt sich das leider nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.


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