Shay Alkalay/ Raw-Edges

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Text: Jasmin Jouhar


Raw-Edges überraschen gerne: ob mit ihrer Sitzbank TWB für Cappellini oder den Schubladenmöbeln Stack für Established & Sons und Pivot für Arco – auf den zweiten Blick offenbaren die Entwürfe von Yael Mer und Shay Alkalay ungewöhnliche Qualitäten. Sie stellen herkömmliche Funktionsweisen auf den Kopf oder bringen bekannte Materialien in neuartige Formen. Dank charakteristischer Gestalt und Farbgebung fallen ihre Objekte aber bereits auf den ersten Blick auf. Die beiden Israelis mit einem Master vom Royal College of Art arbeiten seit 2007 in London unter dem Namen Raw-Edges zusammen und sind zudem Teil des Design-Kollektivs OKAYstudio. Ihr aktuelles Projekt ist die Fliesenserie Folded für das italienische Unternehmen Mutina, für die sie zwei ganz unterschiedliche Materialien zusammengebracht haben: Papier und Keramik. Wir trafen Shay Alkalay in Berlin und sprachen mit ihm über Prinzipien, Balance und warum seine Partnerin lieber faltet, anstatt in die Werkstatt zu gehen.


Wie kam Ihre Zusammenarbeit mit dem italienischen Fliesenhersteller Mutina zustande?

Mutina hatte uns vor mehr als einem Jahr eingeladen, die Firma in ihrem Sitz in der Nähe von Modena zu besuchen. Dahinter stand die Idee, gemeinsam ein Projekt zu entwickeln. Sie waren bei einer Preisverleihung in Mailand auf uns aufmerksam geworden, als sie für ihr Projekt Déchirer von Patricia Urquiola ausgezeichnet wurden und ich für Stack [der Elle Decoration International Design Award 2008/2009, Anm. d. Red.]. Yael und ich fuhren hin und verliebten uns sofort in das Unternehmen. Vier Leute leiten Mutina, alle sind jung, voller Energie, einfach großartig. Auch die Kollektion gefiel uns gut. Wir kannten uns mit Keramik überhaupt nicht aus, aber das war unsere Chance. Und es war das erste Mal, dass wir einen Entwurf eigens für eine Firma gemacht haben. Unsere drei anderen Produkte auf dem Markt waren ursprünglich für eine Ausstellung oder einfach für uns selbst entstanden, und wir hatten Glück, dass sie einem Hersteller auffielen.

Gab es ein ausführliches Briefing von Mutina?

Nein, eigentlich nicht. Sie zeigten uns ihre Produkte und Kollektionen, und das war’s. Es blieb alles uns überlassen.

Könnten Sie bitte beschreiben, wie der Designprozess bei Folded ablief?
 
Wie ich bereits sagte, haben wir das erste Mal direkt für einen Auftraggeber entworfen. Wir hatten also einen Fokus. Allerdings hat das an unserer Arbeitsweise nichts Grundlegendes geändert: Wie sonst auch produzierten wir die Prototypen selbst in unserem Studio. Denn wir arbeiten zwar mit Computern, aber wir senden Kunden nicht so gerne Dateien. Für Mutina falteten wir Formen aus Papier, gossen darin Prototypen der Fliesen und schickten sie ihnen. Mutina wiederum scannte sie mit einem 3-D-Scanner und stellte so die Vorlagen für die Produktion her.

Wie entstand die Idee, Papier als Material für eine Gussform zu nutzen und es in verschiedenen Mustern zu falten?

In unserer Arbeit geht es uns immer um Prinzipien, nicht um Styling oder eine wiedererkennbare Sprache. Wir versuchen, uns nicht auf eine bestimmte Ausdrucksweise zu reduzieren, sondern immer ein neues, frisches Prinzip zu entwickeln – eins, das überraschend, vielleicht auch widersprüchlich ist. Wir haben also nach einem Prinzip für die Fliesen gesucht, und Yael hat ja eine Vorliebe für das Falten, sie faltet die ganze Zeit. Und so kamen wir auf den Widerspruch zwischen Papier und Keramik. Keramik ist so langlebig, so rein. Egal, ob in der Küche oder im Bad, sie bleibt dauerhaft sauber. Papier dagegen ist fragil und überhaupt nicht dauerhaft. Wir stellten uns vor, wie es wäre, in einem Raum aus Papier zu duschen. Würde das funktionieren? So entstand die Idee für Folded.

Wie fühlt sich denn die Oberfläche der Fliesen an? Spürt man die Knicke, wenn man darüber streicht?

Ja, die kann man wirklich spüren. Als wir die Formen falteten, haben wir viele Zeichnungen gemacht. Die Knicke sollten zufällig wirken, damit die Fliesen nicht zu gestaltet aussehen. Manche der gefalteten Linien waren zu scharf – die haben wir ein bisschen zerknittert. Man sieht es den Fliesen tatsächlich an, dass sie mit einer Papierform gemacht sind.

Ihre Arbeit basiert auf einem experimentellen, spielerischen Ansatz. Arbeiten Sie immer so, oder gibt es auch Ausnahmen?

Im Moment ist das unser ausschließlicher Ansatz. Wir sind von so vielen Dingen umgeben; es gibt so viele Stühle, so viele Schreibtische, so viele Kommoden, so viele Fliesen. Eigentlich braucht niemand neue Fliesen und neue Stühle. Wenn wir noch etwas beitragen wollen zur Masse an Produkten, dann, um die Leute damit aufzuheitern. Unsere Entwürfe sollen berühren, sollen Charakter haben, spielerisch sein, nicht zu ernsthaft wirken. Ich denke, der Moment der Überraschung ist für uns vielleicht der wichtigste Aspekt, denn Design kann einen so schnell langweilen. Das hat auch damit zu tun, dass wir zu zweit arbeiten. Wenn ich beispielsweise eine Idee habe, dann sagt Yael oft: Das ist vielleicht noch ein bisschen langweilig, wollen wir es nicht lieber so versuchen? Und ich greife das dann auf. Dieser Austausch zwischen uns ist sehr hilfreich.

Kommen die Hersteller mit dem experimentellen Ansatz klar? Oder was erwarten sie von Raw-Edges?
 

Ich denke schon. Raw-Edges gibt es jetzt seit drei Jahren, und wir haben vier Entwürfe in Produktion. Ein gutes Beispiel ist auch der Fußboden, den wir für eine Installation in Basel entworfen haben [Mount Domesticus für Design Miami/Basel 2009, Anm. d. Red.]. Anschließend war er in der Galerie von Established & Sons in London zu sehen. Eine weitere Version gibt es in Stella McCartneys Geschäft in Mailand. Bald wird der Boden auch in ihrem Geschäft in Las Vegas und einigen anderen neuen Stella-McCartney-Läden verlegt werden.
 
Der Boden in den Geschäften ist also keine temporäre Installation, sondern dauerhaft.

Ja, der ist dauerhaft. Hersteller sind auf jeden Fall offen für experimentelle Ideen – sie lieben das. Das Wichtigste für uns ist dabei, die Balance zu halten zwischen experimentell und kommerziell. Wenn ein Entwurf zu experimentell ist, kann niemand ihn benutzen. Und wenn ein Entwurf zu kommerziell, zu industriell ist, dann hat er keinen Charakter und überrascht nicht. Hier die richtige Balance zu finden, ist wirklich schwierig. Es gibt kein Patentrezept dafür – wir müssen es immer wieder ausprobieren.

Dank Yaels Faszination für das Falten gibt es in Ihrer Arbeit jede Menge Objekte, die aus zweidimensionalen Materialien wie Tyvek oder Furnier gefaltet sind. Gibt es eine Verbindung zur Mode?
 
Nein, das nicht. Das Falten hat Yael im dritten Studienjahr begonnen. Sie hatte die Idee, etwas aus Polypropylen zu falten, und seitdem hat sie das Thema nicht mehr losgelassen.

Aber es gibt keinen anderen Kontext, aus dem sie Anregungen bezieht?

Ich finde, sie denkt sehr mathematisch – damit hat es viel zu tun. Ein anderer Grund liegt in der Arbeitsweise, die sich aus dem Falten ergibt: Sie arbeitet mit flachen Mustern, druckt sie auf einem A-4-Drucker aus und faltet sie zu einem Modell. Und wenn etwas in einem kleinen Maßstab funktioniert, wird es wahrscheinlich auch in einem großen funktionieren. Das bedeutet, sie muss nicht in die Werkstatt gehen. Ziemlich zu Beginn des Studiums wurde Yael klar, was die Werkstatt für ein wichtiger Ort für Designer ist. Das hat sie frustriert, weil es da so maskulin zugeht. Man muss Holz herumtragen, muss schwere Maschinen bedienen, und es ist ziemlich laut. Wer da experimentell arbeiten will, muss regelrecht ins Material „reinsteigen“. Sie fand das ungerecht, denn sie ist eher klein und nicht so kräftig. Also musste sie ihren eigenen Weg finden. Das Falten von Papier und Stoffen war eine gute Lösung.

Lassen Sie uns über das Kollektiv OKAYstudio sprechen, denn das ist ja ein wichtiger Hintergrund von Raw-Edges. Sie teilen den Arbeitsplatz, aber alle Mitglieder treten als eigenständige Designer auf. Was bedeutet OKAYstudio für Sie?

OKAYstudio war für uns alle ein großes Glück. Mal abgesehen von Peter Marigold, der Engländer ist, kommen wir alle aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Wir trafen uns beim Studium am Royal College in London. Wenn man irgendwo fremd ist, dann vermisst man sein Land und seine Heimat sehr. Ohne diese großartigen Freunde wären Yael und ich jetzt vielleicht wieder in Israel, wer weiß? Die anderen sehen das genauso. Wenn man Freunde um sich herum hat, Menschen, mit denen man sich wohlfühlt, dann ist das wie eine Familie. Und nach dem Abschluss waren wir uns alle einig, dass wir selbständig arbeiten wollen. Als Designer findet man ja nur schwer eine Arbeit, die vernünftig bezahlt ist und Spaß macht. Also haben wir uns zu acht zusammengetan und einen winzigen Arbeitsraum gemietet. Aber wir wachsen, mittlerweile belegen wir das halbe Gebäude. OKAYstudio ist unabhängig, was das Design angeht: Jeder hat seine eigene Herangehensweise, und wir reden uns nicht rein. Es gibt kein gemeinsames Manifest. Wir versuchen nicht einmal, Projekte zusammen zu machen.
 
Aber ich nehme an, sie diskutieren viel über Ihre Arbeit?

Ja, wir diskutieren viel. Jeder weiß, was die anderen machen. Und wir unterstützen uns gegenseitig: Wenn ich bei einem von OKAYstudio ein Projekt sehe, das interessant sein könnte für jemanden, mit dem ich zusammenarbeite, dann versuche ich, die beiden miteinander bekannt zu machen.

Yael und Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte im Entwurfsprozess, im Material, in der Arbeitsweise. Wie schaffen Sie es, diese Unterschiede in einem Projekt zusammenzubringen?

Nehmen wir zum Beispiel Stack oder Pivot: Sie basieren zwar auf einer Idee von mir, aber es war Yael, die den Anstoß dazu gab. Sie wusste, dass ich mich für bewegliche Elemente interessiere. Und nach dem Abschluss, als mir nicht so recht klar war, in welche Richtung ich gehen sollte, hat sie mich ermuntert, mich mit dem Thema Schublade zu beschäftigen. Denn das sind eben die beweglichsten Elemente an Möbeln. Als Außenstehender sieht man manchmal mehr als die Person selbst. Und weil ich weiß, wie gerne sie faltet, kann ich dazu Vorschläge machen, und sie entwickelt sie weiter. Obwohl wir uns mit unterschiedlichen Dingen beschäftigen, sind wir doch meistens einer Meinung. Das ist manchmal seltsam: Wir gehen beispielsweise getrennt voneinander in dieselbe Ausstellung, und nachher gefallen uns trotzdem dieselben Arbeiten. Wir haben verschiedene Fähigkeiten, aber dieselben Interessen und dieselbe Herangehensweise.

Vielen Dank für das Gespräch.

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