Alessandro Mendini

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Text: Norman Kietzmann

Alessandro Mendini wurde 1931 in Mailand geboren. Nach seinem Architekturstudium am Mailänder Politecnico wurde er in den Jahren 1979 bis 1985 als Herausgeber der Zeitschriften „Casabella“, „Modo“ sowie „Domus“ zum entscheidenden Impulsgeber des postmodernen Designs. Bereits 1978 zählte er zu den Gründungsmitgliedern des legendären „Studio alchimia“, das mit seinen ironisch aufgeladenen Entwürfen den Regeln des guten Geschmacks den Kampf erklärte. Vor allem das Re-Design sollte dabei zum entscheidenden Stilmittel Mendinis werden, mit dem er banale Alltagsgegenstände bis hin zu bekannten Klassikern des Designs auf humorvolle Weise neu interpretierte. Der mit tausenden von bunten Farbtupfern überzogene Sessel „Proust“ wurde zu seinem wohl bekanntesten Entwurf, ebenso sein der berühmte Korkenzieher „Anna G“. Dass er den Spagat zwischen Elite und Masse dabei bestens beherrscht, zeigen auch seine Arbeiten für den Schweizer Uhrenhersteller Swatch, für den er mehrere Uhrenkollektionen sowie das Interieur der Geschäfte rund um den Globus entwarf. Zu seinen bekanntesten architektonischen Werken gehören der Paradise Tower in Hiroshima, eine Bushaltestelle in Hannover sowie das Kunstmuseum von Groningen. Wir trafen Alessandro Mendini in Mailand und sprachen mit ihm über die Verbindung von Trivialität und Avantgarde, seine sinnliche Interpretation der Küche und warum die Verkäuflichkeit seiner Produkte für ihn keine Rolle spielt. Er begrüßte uns zu unserer Überraschung in perfektem Deutsch.
Wann und wo haben Sie eigentlich Deutsch gelernt?
Natürlich hier in Mailand. Als ich ein Kind war, habe ich eine deutsche Volksschule besucht. Und dann habe ich alles vergessen (lacht).
Lassen Sie uns über Ihre neue Küche sprechen, die Sie zur Möbelmesse hier in Mailand vorgestellt haben und die in Kooperation zwischen den Herstellern Alessi und Valcucine entstand.
Die Küche ist für mich eine Synthese, bei der zwei Sachen zusammen kommen. Der Aspekt der Technologie und Ökologie von Valcucina auf der einen und den der Emotion und Anthropologie von Alessi auf der anderen Seite. Ich habe probiert, diese beiden zu mischen. Die Küche ist im technischen Sinne ein sehr präzises Element geworden in Bezug auf Modularität, Sicherheit und Funktionalität. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Ort der Sympathie mit dem Bewusstsein für die großen, alten Küchen, wie sie früher auf dem Land zu finden waren. Ich wollte dies in einer modernen Küche zusammenführen, bei der es aber auch einige narrative, beinahe malerische Elemente gibt. Es geht um die Kombination aus Design und Kunst. So haben wir zum Beispiel einige Schranktüren per Hand bemalen lassen. Ebenso haben wir auch mit verschiedenen Materialien wie Glas, Holz, Stahl oder Corian gearbeitet.
Die Küche ist dabei auffallend weich in ihrer Formensprache ...
Ja, die Idee dabei war eine Umarmung zu entwerfen. Deshalb ist diese Gestaltung so entstanden. Es gibt keine Ecken, zur Sicherheit für die Kinder.
Würden Sie sagen, die Küche ein typischer Mendini-Entwurf ist?
Vielleicht nicht ganz, weil meine Arbeiten sonst eher selten solch komplizierte Instrumente wie eine Küche sind, die all die Probleme der Modularität und der Kombination verschiedener Materialien mit sich bringen. Das ist ein bisschen zu schwer für mich (lacht). Ich liebe normalerweise Arbeiten, bei denen es nicht so viele Elemente gibt. Aber zum Glück war ich nicht allein. Andere Leute haben mir dabei geholfen.
Eines jener „einfachen Instrumente“ ist sicher Ihr Korkenzieher „Anna G“, der zu einem ihrer bekanntesten Entwürfe wurde.
Ja, aber die ersten Prototypen, die wir angefertigt haben, waren alle kaputt (lacht). Denn die statischen Kräfte müssen sehr präzise auf die Arme des Korkenziehers wirken. Worum es mir dabei ging, war eine Mischung zwischen einer wirklichen Figur, die wie ein Balletttänzer wirken soll, und einem funktionalen Instrument herzustellen. Anfangs war der Korkenzieher überhaupt nicht für den Markt bestimmt, sondern sollte ein Geschenk für Journalisten sein, das während einer Veranstaltung von Alessi und Philips verteilt wurde. Später hat dann Alberto Alessi zu mir gesagt, dass die Leute ihn vielleicht lieben werden. Und so landete er schließlich im Katalog.
Die diesjährige Mailänder Möbelmesse war reichlich gefüllt mit Rückblenden in die Vergangenheit. Wie würden Sie aus heutiger Sicht Ihren „Proust Chair“ von 1978 betrachten, mit dem Sie die Technik des Re-Designs erstmals eingeführt haben?
Ich erinnere in meinem Leben eigentlich immer nur an die letzten sechs Monate. Was davor war, versuche ich zu vergessen (lacht). Nein aber im Ernst, die „Poltrona di Proust“ beschäftigt mich im Grunde bis heute. Ich habe dort nichts gezeichnet. Ich habe nur gedacht. Ich habe einen alten Fauteuil gekauft, ein Stück von einem Bild des Pointilismus gesehen und beides miteinander kombiniert. Es war eine rein intellektuelle Idee. Dasselbe habe ich auch mit dem Design von Mackintosh oder Rietveld gemacht. Ich liebe es, an Dingen zu arbeiten, die es schon gibt. In alten italienischen Städten arbeitet man auch heute fast ausschließlich an historischen Gebäuden. Das ist für uns etwas ganz Natürliches.
Ihre Handschrift findet sich auch in den Entwürfen vieler jüngerer italienischer Designer wie Fabio Novembre oder Stefano Giovannoni wieder. Gibt es einen Austausch untereinander?
Fabio Novembre und ich haben schon häufig miteinander gesprochen und sind Freunde geworden. Ich sage, dass er mein Meister ist. Und er sagt, dass ich sein Meister bin. Wir lachen immer sehr viel. Aber ich finde, dass er einige gute Arbeiten gemacht hat, besonders was das Design von Interieurs anbelangt wie dem Bisazza-Showroom in New York zum Beispiel. Als ich im Jahr 2000 meine Arbeit als Kreativdirektor von Bisazza beendet habe und Fabio Novembre den Posten übernahm, gab es daher so etwas wie eine Kontinuität.
Worin sehen Sie den Unterschied zu Ihrer Generation?
Der Unterschied ist vielleicht der, dass es beim Entwerfen neuer Produkte nie meine Absicht ist, sie zu verkaufen. Sowohl Stefano Giovannoni als auch Fabio Novembre möchten dagegen Produkte entwerfen, die sich SEHR gut verkaufen. Ich bin deshalb auch kein guter Berater für die Industrie, da mich der Verkauf meiner Produkte nicht interessiert.
Warum ist ihnen dieser Aspekt egal?
Das ist natürlich nicht ganz wahr, was ich gesagt habe. Aber wenn ich an einem Objekt arbeite, denke ich an eine Idee, an eine Theorie, an eine Kommunikation. Vielleicht auch an ein Ritual oder eine – wie soll ich sagen – religiöse oder romantische Philosophie. Wenn ich das mache, findet eine Kommunikation zwischen zwei Personen statt, zum Beispiel wie jetzt zwischen mir und Ihnen. Das ist für mich genug. Aber es muss nicht alle anderen im Raum mit einschließen. Das ist eine andere Herangehensweise, vielleicht auch eine etwas künstliche.
Aber ist es nicht auch sehr typisch für das postmoderne Design, in den Formen sehr populär und in der Theorie zugleich sehr elitär zu sein?
Ja, ich glaube, dass meine Arbeit so ist. Eine Energie zu haben zwischen populär und elitär, zwischen Avantgarde und Trivialität. Ich glaube, dass alle meine Objekte so gemacht sind. Dennoch ist meine Arbeit immer sehr gemischt und kann verschiedene Straßen nehmen. Sie ist wie ein Patchwork unterschiedlicher Figuren, wie in einem Theater.
Gibt es ein Produkt, das Ihnen am meisten Spaß beim Entwerfen bereitet hat?
Die Produkte machen mir eigentlich gar nicht so viel Spaß. Für mich ist es sehr schwer zu arbeiten. Ich arbeite jeden Tag von früh morgens bis abends. Es ist sehr anstrengend, denn man muss studieren und eine sehr präzise Methode entwickeln. Aber ich kann nicht sagen, wie ich zu den Dingen gekommen bin. Ich bin kein guter Vater meiner Projekte. Ich vergesse sehr schnell.
Gibt es ein Projekt, das Sie gerne noch machen würden?
Nein, ich glaube, dass ich schon zuviel gemacht habe. Ich habe auch viele Fehler gemacht.
Was bereuen Sie denn?
Eine Menge. Ich glaube, ich bereite Ihnen bis morgen eine lange Liste vor und schicke sie Ihnen dann ins Hotel. (lacht)
Herr Mendini, vielen Dank für das Gespräch.

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