Luca Nichetto

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Text: Norman Kietzmann


Luca Nichetto ist einer der gefragtesten Nachwuchsdesigner Italiens. Geboren 1976 in Venedig, steht er für eine neue Generation von Gestaltern, die selbstbewusst aus dem Schatten ihrer prominenten Vorgänger hervortritt. Nach seinem Designstudium am Istituto Universitario di Architettura di Venezia sammelt er seine ersten beruflichen Erfahrungen mit Glasarbeiten für Salviati und Leuchtenentwürfen für Foscarini, für die er drei Jahre als Berater tätig ist. 2006 gründet er sein eigenes Büro in Venedig und bezieht ein altes Industriegebäude im Hafen von Mestre – eingerahmt von Containern, Lastenkränen und vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffen. Selbstbewusst wechselt er seitdem zwischen den Disziplinen und entwirft Gläser, Vasen, Küchenaccessoires, Büromöbel, Stühle bis hin zu Leuchten und Teppichböden. Wir trafen Luca Nichetto in seinem Büro und sprachen mit ihm über inspirierende Abfälle, verborgene Innovation und venezianischen Vorsprung.


Herr Nichetto, Sie leben und arbeiten in Venedig. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Designbüro?

Es stimmt, es gibt nicht viele Designer, die aus Venedig kommen. Dabei ist die Region sehr wichtig geworden für die Produktion und Zulieferer im Designbereich. Die meisten meiner Kunden wie Foscarini, Moroso oder Bonaldo kommen von hier. Das italienische Design wurde zwar vor über 40 Jahren in Mailand geboren, doch im Moment sind es immer mehr Unternehmen aus der Gegend um Venedig, die eine Vorreiterrolle übernehmen.

Gibt es einen Grund für diese Entwicklung?

In der Vergangenheit war Venetien bekannt für seine Kopien. Viele Firmen von hier haben zunächst die Entwürfe der Designer aus Mailand nachgebaut. Das ist vergleichbar mit der Entwicklung, die wir heute in China sehen. Wenn eine Industrie noch am Anfang steht, ist dieses Verhalten normal. Doch mit der Zeit haben die Firmen gelernt, eigenständig innovative Produkte zu entwickeln. Ich denke, dass auch China eines Tages in diese Richtung gehen wird. In Italien standen wir vor 30 Jahren vor einer ähnlichen Situation. Heute gelten viele Firmen aus dem Veneto als Vorreiter.

Venedig war lange Vorreiter mit seiner Glas- und Spiegelproduktion. Sie selbst sind auf der Insel Murano geboren, die das Zentrum der Glasproduktion bildet.


Ja, meine Familie wohnt auf Murano. Ich bin also mit Glas aufgewachsen. Als ich Student war, habe ich an die Türen von Firmen wie Salviati geklopft und sie gefragt, ob ich ihnen meine Zeichnungen zeigen könnte. Sie haben mir für jede Zeichnung 25 Euro gegeben. Das Geld war für meine Sommerferien natürlich fantastisch, auch wenn sie die Entwürfe noch nicht in die Produktion umgesetzt haben. Später haben sie mich gebeten, eine Vase zu entwerfen. Ich hatte Glück, denn die „Millebolle“ wurde im Jahr 2000 zum meist verkauften Produkt von Salviati.

Wie ging es danach weiter?

Ich fing an, Design zu studieren und machte währenddessen ein Praktikum bei Foscarini. Nach meinem Abschluss 2003 stellte ich ihnen den Entwurf für die Leuchte O Space vor und sie nahmen sie in Produktion. Es war das erste Projekt, bei dem ich nicht mit Glas sondern mit Kunststoff gearbeitet habe. Als sie mir daraufhin einen Job in der Produktentwicklung und Materialrecherche angeboten haben, bin ich bei Foscarini geblieben. In dieser Zeit habe ich auch die Entwürfe anderer Designer in die Produktion umgesetzt. Nach drei Jahre entschied ich mich allein zu arbeiten und gründete 2006 mein eigenes Designbüro in Venedig.

Das technische Wissen, das Sie in dieser Zeit gesammelt haben, lassen Sie auch in ihre eigenen Entwürfe einfließen. Für die Salatschale „Mirage“ zum Beispiel haben Sie gleich mehrere Patente angemeldet.

Ja, auch sehr einfache und in erster Linie dekorative Objekte können sehr komplex werden. Wir haben über zwei Jahre gebraucht, um die ersten Prototypen in Kunststoff umzusetzen. Dabei haben wir zwei Schichten – eine aus transluzentem, eine aus opakem Kunststoff – übereinander gelegt. Zusammen erzielen sie einen Effekt, der Glas sehr ähnlich ist. Die Form der Schale haben wir bewusst einfach gehalten, um die Materialität hervorzuheben. Das Schöne an diesem Projekt ist, dass es sehr demokratisch ist. Denn die Schale kostet nur knapp über zehn Euro im Handel. Von allen Produkten, die ich bisher entworfen habe, ist es das Günstigste.

Was bedeutet für Sie Innovation?

Etwas, das nicht immer offensichtlich sein muss. Denn das Problem bei den meisten neuen Produkten ist die Qualität. Die Firmen versuchen ständig, den Preis so weit wie möglich zu senken. Das Ergebnis sind Stühle, die man nach einem Jahr wieder wegschmeißen muss. Das hat mit demokratischem Design nichts zu tun. Innovative Produkte müssen lange halten und einen ganz konkreten Mehrwert bieten. Für den Drehstuhl „Vad“ zum Beispiel habe ich eine Sitzschale aus Polypropylen entwickelt, das mit einem speziellen Zusatzstoff gemischt wurde. Dieses Polygen sorgt dafür, dass die Oberfläche sehr gut zu reinigen und damit hygienisch ist. Der Stuhl eignet sich auf diese Weise besonders für den Einsatz im öffentlichen Raum. Von seiner Form her unterscheidet er sich allerdings nicht wesentlich von anderen Produkten auf dem Markt. Die Innovation ist hier unsichtbar.

Welche Rolle spielen hierbei ökologische Aspekte?

Eine sehr große. Doch auch sie sind nicht immer sofort erkennbar. Ich denke, dass sich vor allem die Rolle der Zulieferindustrie verändert hat. Es ist sehr wichtig, sie in den Produktionsprozess mit einzubinden. Wenn einer der Beteiligten außerhalb dieses Kreises bleibt, ist es ungleich schwieriger, innovative Produkte zu entwickeln. Für die Designer bedeutet das, sich intensiver mit den Fertigungsprozessen auseinander zu setzen. So können zum Beispiel Abfälle als Ausgangspunkt für neue Entwürfe genommen werden.

Sie spielen auf Ihren Entwurf für den Sessel Nuance an...

Ja, ich habe ihn so entworfen, dass die Stoffreste genutzt werden können, die die Polsterer normalerweise in den Müll werfen. Wenn sie die Bezüge für Sessel oder Sofas aus den großen Stoffbahnen herausschneiden, bleiben immer längliche Reste übrig, für die es keine Verwendung gibt. Daraus entstand die Idee, den Stuhl aus vielen Streifen zusammenzusetzen, die jeweils einer festgelegten Farbpalette folgen. Die Stoffe können von Sessel zu Sessel variieren. In der Blau-Palette kann das dunkle Blau aus Leder bestehen, ein mittleres Blau aus Stoff und ein heller Ton wieder in Leder. Andere Sessel wiederum können komplett aus Stoff gefertigt sein. Ich wollte zeigen, dass nachhaltige Produkte auch Spaß machen können. 

Abfälle nahmen Sie sich auch bei der Hockerserie „Fool on the Hill“ zum Vorbild, die mit ihren goldenen und silbern glänzenden Oberflächen erstaunlich luxuriös daherkommen.


Das Briefing für dieses Projekt lautete, ein Möbel für den Outdoor-Bereich zu entwickeln. Ich erinnerte mich an meine Großmutter auf Murano. Normalerweise schmeißen die Glasfabriken die Formen, worin die Glasobjekte gegossen werden, in den Müll. Diese Gussformen aus Keramik haben die Form eines Zylinders und sind im Inneren mit einer speziellen Beschichtung versehen. Die Menschen auf Murano leben mit diesen Zylindern und bauen sich daraus Stühle für den Garten oder nutzen sie als Vasen. Daran wollte ich anknüpfen. Die Hocker, die ich entworfen habe, sind auch aus Keramik gefertigt und wurden mit derselben Lasur behandelt wie die traditionellen Gussformen.

Trotz des industriellen Ursprungs werden die Hocker aufwändig von Hand produziert und sind extrem teuer. Liegt darin nicht ein Widerspruch?

Anfangs wollte ich die Keramik sogar industriell produzieren – ähnlich dem Verfahren, nach dem die Keramikobjekte für Badezimmer hergestellt werden. Denn wenn die Gussform erst einmal vorhanden ist, ist die Produktion recht günstig. Doch die Kosten für die Gussformen sind sehr hoch. Moroso wollte aber nicht in diese Richtung gehen und so viel Geld daran binden, ohne das Ergebnis abschätzen zu können. So wanderte der Entwurf mehr und mehr in eine handwerkliche Richtung. Auch wenn der Preis von meinen ersten Vorstellungen weit entfernt ist, kommt die Wirkung der Hocker ihnen dennoch sehr nahe. Ich fand es spannend, ein traditionelles Material wie Keramik in einen anderen Kontext zu stellen und für den Möbelbereich zu verwenden. Das ist eine Methode, nach der ich sehr oft vorgehe: ich nehme etwas aus der Welt der handwerklichen Produktion und übertrage es ins Industrielle. Viele meiner Entwürfe haben diese Eigenschaft.

Nach handwerklichen Methoden wird auch die Vasenserie „Essence“ hergestellt, die Sie in Kooperation mit dem Glashersteller Venini und dem Keramikhersteller Bosa entwickelt haben. Worum ging es bei diesem Projekt?


Meine Idee war es, ein gemeinsames Projekt mit einer Glas- und Keramikfirma umzusetzen. Denn Glas und Keramik sind als Materialien in ihrer Herstellung sehr ähnlich. Für beide braucht man eine Gussform, für die oft der selbe kreative Prozess beansprucht wird, wie für das eigentliche Produkt. Aber die meisten Menschen wissen das nicht. Ich wollte diesen Zusammenhang erkennbar machen. Darum habe ich eine Vase aus Glas entworfen, die von einer Gussform aus Keramik gehalten wird. Beide Elemente passen perfekt ineinander und bilden zugleich einen spannenden Kontrast. Für mich hat sich mit diesem Projekt auch ein langer Traum erfüllt. Schließlich ist Venini der bekannteste Glashersteller auf Murano. Ich glaube, ich habe damit auch zu meinen Wurzeln zurück gefunden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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