Brigitte Ziemann/ Blanco

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Text: Claudia Simone Hoff


Brigitte Ziemann ist Chefdesignerin von Blanco und sorgt dafür, dass die Spüle im Mittelpunkt der Küche steht. Funktional und formschön zugleich. Wir haben die Industriedesignerin – die für Konzeption und Gestaltung aller Produktbereiche der Küchentechnik im Unternehmen verantwortlich ist – am Messestand von Blanco auf der LivingKitchen getroffen und mit ihr über die Faszination von Stahl, Studentenküchen und minimalistische Armaturen gesprochen.


Frau Ziemann, Sie sind schon als Kind mit dem Werkstoff Metall in Berührung gekommen. Warum?

Mein Vater hatte eine Schlosserei auf der Schwäbischen Alb. Dort hat er Stahl in jeglicher Form bearbeitet – als Zulieferer für die Industrie und im Inneneinrichtungsbereich. Deshalb habe ich schon als Kind gelernt, was für ein eigenwilliger Werkstoff Stahl ist. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, um die Ästhetik und Besonderheit des Materials herauszuarbeiten. Bei meinem Vater konnte ich handwerkliche Erfahrungen mit Edelstahl sammeln, auch wenn ich keine Ausbildung als Metallbauerin habe.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe ein halbes Jahr im Designbüro von Uli Schade in Neu-Ulm ein Praktikum gemacht und dort die Basics gelernt – beispielsweise technische Zeichnungen zu erstellen oder ein Modell anzufertigen. Man skizziert sehr viel, kann eigene Ideen entwickeln oder besucht Kunden – das hat mir so gut gefallen, dass ich direkt im Anschluss daran Industriedesign in Schwäbisch Gmünd studiert habe – damals noch eine der wichtigsten Designhochschulen Deutschlands.

Haben Sie sich schon während des Studiums für das Thema Küche interessiert?

Welcher Student tut das nicht? [lacht]. Küche, Bad und Sitzmöbel – das sind die offensichtlich beliebtesten Klassiker. Als Student ist man ja sehr mobil, und deshalb habe auch ich mich in dieser Zeit mit modularer Einrichtung beschäftigt. Ich habe aus meiner allerersten Küchenausstattung heute noch die Stahlschränke im Gebrauch, die ich günstig aus einer Fabrikauflösung gekauft hatte. Sie sind richtig robust, haben genau die richtigen Auszugshöhen und sehen immer noch gut aus.

Dann gleicht Ihre Küche also eher einer Werkstatt à la Otl Aicher?


Von der Philosophie her ja. Kurze Wege, praktische Abläufe und universelle Nutzungsmöglichkeiten sind sehr wichtig für mich. Ich besitze beispielsweise eine individualisierte Küchenwerkbank. Natürlich probiere ich die eigenen Neuentwicklungen von Blanco auch oft zu Hause aus. Und teste, ob sie den täglichen Anforderungen genügen oder auch tatsächlich belastbar im Gebrauch sind.

Zur LivingKitchen in Köln hat Blanco die neue Armatur Blancosaga vorgestellt. Sie verfügt statt des üblichen Griffs über ein neuartiges Bedienkonzept mit integrierter Steuerung in Form einer schwarz abgesetzten Manschette. Vor- und Rückwärtsbewegungen bestimmen die Wassermenge, während Rechts- und Linksdrehungen für die richtige Temperatur sorgen.  

Ja, das Bedienkonzept ist  innovativ und einmalig. Damit ergibt sich auch die Möglichkeit einer besonderen Gestaltung. Das Design ist neuartig, weil es ganz minimalistisch auf einen Zylinder reduziert ist. Zuhause habe ich allerdings eine absenkbare Armatur in Gebrauch, die mit einer herausziehbaren Brause ausgestattet  ist – damit habe ich einen großen Aktionsradius und kann auch mal eben einen Eimer außerhalb des Beckens befüllen oder das Becken ausspülen.

Auch das Spülbecken Blancoattika aus der SteelArt-Manufaktur ist mit einer absenkbaren Armatur versehen, über die man ein genau eingepasstes Schneidebrett schieben kann. Was ist die Idee dahinter?

Blancoattika folgt dem Trend, dass die Küche aufgeräumt und sauber erscheinen soll. Das abdeckbare Becken wirkt gerade in der offenen Küche mit wohnlichem Ambiente sehr elegant. Alle technischen Komponenten in der Spüle können mit einem Handgriff versteckt werden, genauso wie beispielsweise ein paar gebrauchte Gläser. Vom funktionalen Aspekt her gesehen ist diese Spüle ideal für eine Installation unter dem Fenster geeignet. Der Clou dabei ist die integrierte absenkbare Armatur.

Auf der LivingKitchen waren Küchen zu sehen, bei denen die Arbeitsfläche komplett verdeckt werden kann. Was sagen Sie dazu?

Das finde ich besonders für kleinere Räume sehr schick, allerdings nicht unbedingt praktisch. Studien belegen, dass 60 Prozent der Arbeiten in der Küche an der Spüle erledigt werden und zwar über den gesamten Tag verteilt. Für meinen Bedarf muss der Arbeitsplatz jederzeit und direkt zugänglich sein. Aber es ist gut, dass es für jeden Geschmack die individuell passende Lösung gibt.

Wie sieht die Designabteilung bei Blanco aus?


Wir sind ein starkes Inhouse-Team von vier Designern. Neben der Konzeption und Gestaltung des gesamten Produktspektrums kümmern wir uns auch um die Gestaltung des Farb-Portfolios. In Zusammenarbeit mit einigen externen Designagenturen ergänzen wir uns optimal auch in Bezug auf strategisch orientiertes Design.

Ist der Designbereich nicht immer noch sehr von Männern dominiert?

Puh [lacht]. Ich habe vor vielen Jahren als Designerin in der Blanco-Entwicklungsabteilung angefangen, ohne dass es eine Designabteilung oder ein geschärftes Bewusstsein für Produktgestaltung gab. In dieser Männerdomäne der industriellen Stahlverarbeitung hatte ich es ausschließlich mit gestandenen Ingenieuren zu tun. Als junge Frau und Designerin bin ich da zuerst schon auf Widerstände gestoßen. Zwischenzeitlich ist das überhaupt kein Thema mehr. Mein heutiges Designteam besteht interessanterweise aus Männern!

Gibt es bei Blanco ein Design-Manual?

Ja, es gibt eine Design-DNA. Sinngemäß kann ich sagen, dass wir ein verlässliches, solides und gut verständliches Design machen – quer durch alle Preissegmente. Wir sind nicht stylish, wir sind modern. Wir legen großen Wert auf eine qualitativ hochwertige Ausführung der Produkte, um damit auch die Qualität des Designs zu unterstreichen. Blanco sieht sich nicht so sehr als Spülen-Hersteller, sondern vielmehr als Gestalter des Arbeitsplatzes als System, das verschiedene Komponenten bis hin zur Spülenschrank-Ausstattung wie dem Abfallsystem Blancoselect miteinander verbindet. Die Blanco-Handschrift heißt: innovativ, funktional, durchdacht und langlebig.

Der Bereich, für den Sie Produkte entwerfen, erfordert umfangreiches Hintergrundwissen. Wie eignet man sich das an?


Für einen Industriedesigner ist es immens wichtig, die technischen Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb bin ich gleich nach dem Studium in die Industrie gegangen, um mir fundiertes Wissen über die Zusammenhänge der industriellen Serienproduktion anzueignen. Zuerst habe ich sieben Jahre bei einer Ladenbau-Firma gearbeitet, wo wir von der Boutique bis zum Baumarkt alles ausgerüstet haben – zumeist in den Werkstoffen Stahl und Holz. Dann wollte ich etwas Neues ausprobieren und bin eher zufällig zu Blanco gekommen. Das war 1995. Seitdem konnte ich mir ein sehr umfangreiches Know-how aufbauen, auch über Zusammenhänge in den Märkten oder die Veränderung von Lebensgewohnheiten. Trendbeobachtung, auch außerhalb der Küche, ist übrigens ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Was ist aus Ihrer Sicht gerade en vogue in der Küche?

Bei den Spülen und Armaturen sind es die Farbwelten, die gerade sehr spannend sind: wohltuende, warme Töne, die mit mildem Weiß kombiniert werden. Das hat damit zu tun, dass sich die Küche in den Wohnraum öffnet.

Mir ist aufgefallen, dass es immer mehr Hersteller gibt, die Armaturen farblich passend zum Spülbecken anbieten.

Ja, Blanco ist der Initiator dieses Trends. Die passgenaue Oberflächen-Abstimmung oder auch das color matching aller Komponenten zueinander – ist eine weitere Facette unseres Systemdesigns und seit jeher ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Retro-Design ist in der Küche auf dem Vormarsch.

Ja, das hat mit der Emotionalisierung zu tun. Wir gehen darauf zwar ein, sind dabei aber sehr vorsichtig. Denn eine zu deutliche Betonung der für den Retro-Trend charakteristischen Merkmale wirkt polarisierend und überlebt sich möglicherweise schon nach kurzer Zeit. Wir zitieren lediglich einige Attribute in der Formensprache. Vintage beispielsweise hat sehr viel zu tun mit alten Werten, natürlichen Materialien und dem Aufgreifen des natürlichen Alterns, der Patina von edlen Werkstoffen. Das passt schon eher in unsere Produktwelt

Werden Accessoires rund um die Spüle wie Schneidbretter oder Edelstahlkörbe wichtiger?

Durchaus, denn in einer Spüle kann man nicht nur gut abspülen. Unser Achsenkonzept zeigt dies wirklich beispielhaft – und ist marktprägend. Bei einer Achsenspüle sind die Arbeitsabläufe der Zubereitung optimiert. Eine Schale, die man in verschiedene Positionen einlegen kann, das verschiebbare Schneidbrett – das sind funktionale Accessoires, die das System abrunden. Wir haben verschiedene Modelle in allen Materialien für unterschiedliche Zielgruppen im Programm.

Wie gehen Sie auf den gesellschaftlichen Wandel und unterschiedliche Zielgruppen ein?

Wir betrachten die Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse von Singles, jungen Familien bis hin zu den Best Agern – da gibt es die unterschiedlichsten Anforderungen. In einem Single-Haushalt beispielsweise wird eher wenig gekocht, weil man oft unterwegs ist. Es ist nicht so sehr die Küchenarbeit, die das Leben bestimmt, wohingegen es bei jungen Familien schon ganz anders aussieht. Gerade hier zeichnet sich beispielsweise der Trend zu großen Becken – Stichwort universelle Nutzbarkeit – ab.

Sie haben für das Spülbecken Blancoattika gerade den Interior Innovation Award in der Kategie Best of best erhalten. Wie wichtig sind Designpreise für Blanco?

Natürlich freut uns die Auszeichnung mit einem solch hochkarätigen Award ganz besonders. Da wir Design und Designführerschaft in unserem Markenkern verankert haben, ist es hilfreich, diesen Kompetenzanspruch gegenüber dem Kunden bestätigt zu bekommen.

Ist der Wert der Küche als Prestigeobjekt gewachsen?

Unbedingt. Die Küche hat etwas Repräsentatives. Hier trifft man sich mit Freunden auf ein Glas Wein und da zeigt man gern, was man hat. In dieser Anspruchslage ist SteelArt ein wichtiges Thema. Ursprünglich war SteelArt eine Manufaktur für individuelle Lösungen bis hin zur Arbeitsplatte. SteelArt hat uns in die Lage versetzt, neue Geometrien zu realisieren.

Was kommt zuerst: die Technik oder das Design?

[lacht] Die Idee.

Muss ein guter Küchendesigner auch gut kochen können?

Es ist zumindest hilfreich, Freude am Kochen zu haben. Mir persönlich fallen beim Kochen immer wieder neue Ideen ein oder Problemfelder auf. Diese selbst gemachten Erfahrungen in der Praxis zählen zu den einfachsten Kreativmethoden überhaupt.

Ihr Lieblingsküchen-Accessoire?


Die Küchenmaschine von Kitchen Aid – die ist wirklich brauchbar [lacht].

Frau Ziemann, vielen Dank für das Gespräch.

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