Naoto Fukasawa

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Text: Norman Kietzmann, 07.08.2007


Naoto Fukasawa wurde 1956 in der japanischen Präfektur Yamanashi geboren und zählt heute zu den Vorreitern des Minimal Design. Nach seinem Abschluss in Industrial Design am der Tama Art University 1980 ging er für acht Jahre in die amerikanischen Niederlassungen des weltweit tätigen Designbüros IDEO. Nachdem er anschließend das Tokioer Büro der Firma aufgebaut hat, gründete er 2003 mit „Naoto Fukasawa Design“ schließlich sein eigenes Büro in Tokio. Design ist für ihn nicht Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sondern das behutsame Verbessern bestehender Produkte. Die Entwürfe Fukasawas kommen daher oft im bekannten Gewand daher, überraschen aber bei genauerer Betrachtung mit ungewöhnlichen und unerwarteten Eigenschaften. So ist eine Einkaufstasche mit der Sohle eines Gummistiefels kombiniert worden oder ein Regenschirm besitzt eine Kerbe, um darin die Einkaufstaschen anzuhängen. Und sein CD-Player für den japanischen Hersteller Muji, dem er auch als Kreativchef vorsitzt, wirkt auf den ersten Blick wie eine herkömmliche Wanduhr. Was ihm besonders wichtig ist im Design, ist vor allem der menschliche Maßstab. Was er damit meint, das verriet er uns bei unserem Gespräch in Köln.
Herr Fukasawa, mit der von Ihnen und Jasper Morrison kuratierten Ausstellung „super normal“ entdecken Sie die Schönheit der alltäglichen Dinge. Erklären Sie uns etwas genauer, was es damit auf sich hat.
„Super Normal“ ist ein sehr interessantes Projekt. Denn wenn Sie die Dinge aus einem Designblick heraus betrachten, werden Sie immer nur Designobjekte auswählen und benutzen. Aber wenn Sie ein ganz normaler Mensch sind, dann werden Sie einfach nur den passenden Löffel zum Essen benutzen, der mitunter aber auch ganz hässlich sein kann. Wenn wir uns also nur auf den Designblick konzentrieren, reden wir nur über Designobjekte. Aber wenn wir einen ehrlicheren, natürlicheren und vor allem auch viel humaneren Blickpunkt annehmen, dann wählen wir auch einige Nicht-Designobjekte, weil sie vielleicht sogar viel besser zu unserem Leben passen. Obwohl diese „normalen“ Produkte von der Designperspektive aus nicht immer schön sind, mögen Sie sie trotzdem, weil Sie sie einfach gerne benutzen. Es ist wichtig, diese sehr unterschiedlichen Zugänge für unser Leben zuzulassen.
Bedeutet dies auch, dass der Zugang zum Design eher über den Gebrauch erfolgt und weniger über die Form?
Es geht dabei nicht nur um die Funktion. Es ist etwas, das Ihr Körper fühlt, etwas, das wie eine gute Beziehung funktioniert. All dies bedeutet, dass die Objekte ebenso alt oder auch hässlich sein können. Sie können dies nicht ignorieren. Manchmal lassen die Menschen dies außen vor, wenn sie eine schöne Einrichtung für sich zuhause haben möchten. Sie suchen sich dann wahrscheinlich nur Designobjekte für ihre Wohnung aus. Aber das alleine macht ihr Leben nicht immer glücklich. Ich denke daher, dass man von seinem wahren Verstand aus immer die richtigen Produkte finden wird.
Sie haben sich vor allem mit ihren Entwürfen für den japanischen Hersteller Muji einen Namen gemacht, der für seine schlichten und zurückhaltenden Produkte bekannt ist. Besteht das Ziel des Designs für Sie darin, ausschließlich minimalistische Objekte zu entwerfen?
Nein, nicht nur. Aber anonyme ist vielleicht die richtige Antwort. Wenn ich zum Beispiel eine Tapete für einen Pub in London entwerfe, benutze ich ebenso sehr dekorative Muster. Dies ist dann auch eine Form von Minimalismus, weil es am Besten zu einer derartigen räumlichen Situation passt. Designobjekte drücken sehr oft den Charakter ihres Designers aus. Anonymes Design dagegen gibt kein Detail davon preis. Die Produkte versuchen nur das richtige Werkzeug für den jeweiligen Gebrauch zu sein. Aus diesem Grund möchte Muji anonym sein. Mir ist sehr daran gelegen, interessante Menschen dazu zu bewegen, interessante Designobjekte ohne den Namen ihres Entwerfers zu mögen. Wenn ich höre, dass sich jemand ein Produkt wegen meines Namens ausgesucht hat, dann fühle ich mich dabei etwas unwohl. Es macht mir sogar ein wenig Angst. Wenn die Menschen Produkte wie den Kugelschreiber von Muji mögen, ohne mich zu kennen, ist das sicher besser.
Die Idee eines anonymen und minimalistischen Designs war auch sehr stark im deutschen Design der Sechziger Jahre bei Designern wie Dieter Rams und anderen präsent. Hat Sie diese Zeit ebenfalls beeinflusst?
Sehr sogar. Sie hatten bereits unglaublich gute Lösungen zu jener Zeit, in der sich so viele Dinge verändert haben. Später begannen die Designer nur noch für den Wechsel zu entwerfen, aber das ist eben der Trend des Designs. Doch die Menschen verstehen heute, dass dies eine großartige Zeit gewesen ist. Produkte wie die von Apple sind denen aus jener Zeit sehr ähnlich und die Leute mögen es. Ich selber habe sehr viele Einflüsse vom Design von Braun und der deutschen Designkultur jener Zeit aufgenommen.
Während der letzten Kölner Möbelmesse haben Sie Ihr „ideal house“ präsentiert. Viele Produkte waren darin in die Wände integriert. Denken Sie, dass die Objekte also stärker mit ihrer Umgebung in Kontakt treten sollten?
In Zukunft werden bestimmte Produkte immer mehr mit der sie umgebenden Architektur verschmelzen. Das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Früher zum Beispiel war der Fernseher sehr groß, heute dagegen ist er sehr flach geworden und kann an die Wand gehangen werden. Für sehr lange Zeit haben sich die Designer von Elektroprodukten immer nur auf die Produkte an sich konzentriert ohne auf deren Umgebung zu achten. Ich lehne das ab. Für mich müssen Fernseher oder andere Elektroprodukte im Heimbereich mit dem Raum zusammen gedacht werden. Das ist eine neue Sache, die bis heute kaum gemacht wurde. Ich versuche daher diese Entwicklung stärker voranzutreiben. Es geht weniger um eine futuristische Lösung als darum, ganz natürliche Zusammenhänge zu zeigen.
Wie kann man sich den Designprozess bei Ihnen vorstellen? Arbeiten Sie eher konzeptionell oder eher intuitiv?
Es gibt viele verschiedene Art und Weisen zu Entwerfen. Für eine gewisse Art von Produkten kann der Prozess sehr komplex sein. Mein Design ist dagegen sehr schnell. Ich würde nicht sagen wollen, welches davon besser oder schlechter ist. Ich glaube nur, wenn ich zuviel nachdenke, verliere ich womöglich die Ideen. Ein gutes Timing ist also sehr wichtig. Es braucht häufig nur Sekunden bei mir, bis ich zu einem Projekt bereits eine erste Idee habe. Anschließend gebe ich sie meinem Assistenten, um weitere Details zu entwickeln. Auf diese Weise arbeiten wir an bis zu 50 Produkten gleichzeitig.
Sie müssen also ein recht großes Büro in Tokio haben?
Oh nein, ganz und gar nicht. Wir sind nicht mehr als neun Leute im Büro. Ich möchte es aber auch gar nicht größer machen, da ich immer eine gute Kommunikation zu meinen Designern haben möchte. Ich habe einen großartigen Assistenten und ein großartiges Team, die meine Seele verstehen und Design auf die richtige Art und Weise denken. Wenn ich ihnen eine einfache Zeichnung gebe, dann beginnen sie sofort, sie zu visualisieren. Wir reden nicht viel über Ideen, solange sie sich noch auf dem Papier befinden. Wir fertigen sofort Modelle in Originalgröße an, um zu sehen, wie gut die Idee schließlich war und wo es noch Verbesserungen zu machen gibt. Der Designprozess bei uns ist daher sehr schnell. Ich erkläre manchmal den Leuten, mein Design funktioniert ein wenig wie Sushi. Das wird auch nicht lange zubereitet, da der Koch es so wenig wie möglich berühren soll. Schließlich ist der Fisch ja noch roh. Bei mir ist es ähnlich: Die anderen Designer sollen mein Design ebenso wenig wie möglich berühren. Schnell essen und genießen! (lacht)
Welche Art von Objekten mögen Sie am Liebsten entwerfen?
Ich mag vor allem Dinge, bei denen die Menschen nicht den Eindruck haben, viel mit Design zu tun zu haben. Viele Objekte kümmern sich nicht wirklich um ihren Besitzer. Aber wenn wir dies ändern würden, wäre dies um einiges besser, da es sich schließlich auch besser anfühlt für den Menschen. Zum Beispiel eine ganz einfache Blumenvase auf einem Tisch kann das Leben um einiges glücklicher machen. Ich mag diese Art von Dingen.
Vielen Dank für das Gespräch.

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