James Irvine

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Text: Norman Kietzmann und May-Britt Frank

James Irvine wurde 1958 in London geboren und zählt heute zu einem der bekanntesten Designern Großbritanniens. Nachdem er seine Ausbildung zum Möbeldesigner am Royal Collage of Art 1984 abgeschlossen hatte, zog es ihn nach Mailand. Dort lebt und arbeitet er noch heute bis auf eine Unterbrechung im Jahr 1988, als er für ein Jahr nach Tokio in die Designabteilung von Toshiba ging. Bis 1993 war er Mitglied des Olivetti Design Studios und außerdem bis 1997 Partner bei Sottsass Associati. Heute entwickelt das Studio von James Irvine Produkte für Unternehmen wie MDF, Thonet, Magis oder Foscarini. Ebenso hat er 1999 zusammen mit Mercedes Benz die neue City Bus Flotte für Hannover entworfen. Wir trafen James Irvine auf der Kölner Möbelmesse und sprachen mit ihm über flexible Sofas, seine Leidenschaft für schnelle Motorräder und die zunehmende Bedeutung des Public Design.
Herr Irvine, auf der Kölner Möbelmesse haben Sie soeben ein neues Sofaprogramm für Thonet vorgestellt, das S5000. Der Bezug zur Bauhaus Ära lässt sich dabei nicht ganz leugnen...
Nun, wenn Sie für Thonet arbeiten, haben Sie die Möglichkeit mit einer Vielzahl traditioneller Elemente des Unternehmens zu arbeiten wie beispielsweise Bugholz oder Stahlrohr. Das ist eine äußerst seltene Situation, da nur wenige Unternehmen über ein solches Erbe verfügen. Als ich eines Tages all die alten Bücher aus den Bauhausjahren durchschaute, bemerkte ich diesen klassischen Stahlrohrfuß und ein außergewöhnliches Sofa, das aber leider keinerlei Flexibilität besaß. Also entwarf ich ein Möbel, das flexibel ist und mit den unterschiedlichsten Zusatzelementen geordnet werden kann. Man kann eine Chaiselongue daraus machen, eine Bank mit zwei Rücken oder ein Daybed. Und wenn jemand zu Besuch kommt, werden die zwei Kissen einfach weggenommen und schon haben Sie ein zusätzliches Bett. Die Idee war, etwas Populäres anstatt etwas Snobistischem zu gestalten. Das Möbel ist leicht zu verändern, das könnte selbst meine Großmutter (lacht).
Wie wichtig ist Ihnen Flexibilität im Design?
Ich denke, man sollte sie nur nutzen, wenn wirklich eine Notwendigkeit besteht. Es gibt Situationen, in denen ein Produkt stark flexibel sein sollte, in anderen dagegen vollkommen fest. Bei einem Sofa beispielsweise fände ich es gut, wenn es von jungen und alten Menschen gekauft wird. Der Marketingaspekt im Design ist inzwischen so wichtig geworden, dass ich gerne ausbreche, um etwas „Normales“ zu entwickeln.
Sie stehen also eher für Understatement?
Ja, ich persönlich bevorzuge das, allerdings kann ich ebenso Dinge entwerfen, die verrückt sind. Mein Ziel ist es, eher an die Menschen zu denken, die diese Produkte gebrauchen werden als an mein Design. Beim Industrial Design geht es darum, den Menschen die Dinge zu geben, die sie haben möchten und nicht ihnen zu diktieren, was sie wünschen.
In den Siebziger Jahren haben Sie viel mit Ettore Sottsass gearbeitet…
Ja, ich war sein Geschäftspartner für sieben Jahre und habe auch danach noch zwei Jahre für ihn gearbeitet. Er ist ein wirklich verrückter Typ. Stellen Sie sich vor, er ist jetzt 90 Jahre alt geworden! Viele haben vergessen, dass Sottsass einer der größten Industriedesigner war und denken nur an Memphis und all diese Dinge. In Wirklichkeit hat er 30 Jahre lang Produkte für Olivetti entworfen oder beispielsweise für Alessi Objekte entwickelt, die absolute Klassiker geworden sind. Er war mein „Meister“ (sagt das Wort auf Deutsch) für viele Jahre. Ein wundervoller Mann.
Sie selbst sind gebürtiger Engländer, haben Ihr Studio aber in Mailand. Wie lange leben Sie nun schon in dieser Stadt?
22 Jahre, ich bin also schon ein halber Italiener (lacht). Ich war immer davon überzeugt, dass es einem eine Menge geistiger Freiheit gibt, wenn man außerhalb der Kultur lebt, in der man aufgewachsen ist. Man muss sich auch in Erinnerung rufen, dass Europa heute ein großes Land ist. In einer Stunde fliege ich von Mailand nach Frankfurt, in zwei Stunden nach London. Es ist ein großes Dorf geworden, wenngleich natürlich kulturelle Unterschiede bleiben werden. Ich denke wirklich nicht mehr, dass ich Engländer bin sondern vielmehr Europäer. Und ich mag das sehr. Viele meiner Kunden sind Deutsche, Italiener oder Schweden. Es sind relativ wenig britische Kunden darunter, da es dort kaum noch produzierende Industrien gibt. Ich mag es, in Italien zu leben. Mailand ist mitten in Europa und in zwei Stunden sind Sie sogar am Strand. Echter mediterraner Strand! (lacht) Mit meinem Motorrad schaffe ich es sogar in anderthalb Stunden!
Wie funktioniert Ihre Arbeit im Büro, haben Sie ein großes Team?
Nein, wir sind ein sehr kleines Büro. Nur fünf Leute. Drei Assistenten, eine Sekretärin und ich. Das war’s. Ich wollte nie ein großes Büro haben, da man schnell den persönlichen Kontakt zu den Kunden verliert. Ich verstehe auch gar nicht, warum andere sich für eine große Struktur entscheiden. Für Architekten mag das vielleicht verständlich sein. Aber das Design Business ist viel persönlicher, es sei denn, man redet über Marketing-Design. Das ist eine andere Sache. In größeren Agenturen sind bisweilen über 200 Inhouse-Designer angestellt. Ich könnte das nicht. Außerdem bevorzuge ich es, in vielen unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten.
Sie bleiben also lieber unanhängig?
Als Freelance Designer hat man die Möglichkeit an die Entwicklung eines Produktes mit einer gewissen Naivität heranzugehen. Designer die sich zu sehr auf ein Gebiet spezialisiert haben, beginnen zwangsläufig sich zu wiederholen oder von anderen abzuschauen. Naivität ist also sehr erfrischend. Zurzeit entwerfe ich beispielsweise gerade ein Mobiltelefon für ein Unternehmen. Dort sind viele Designer angestellt, während ich von außen arbeite. Ich komme dort herein und bin nicht mit all dem Ballast beladen, den sie mit sich herum tragen. Ich kann Dinge auf andere Art und Weise erfragen, was den Angestellten in der Firma sehr viel mehr Schwierigkeiten bereitet.
Wonach suchen Sie sich Ihre Projekte aus?
Glücklicherweise habe ich niemals wirklich nach Arbeit suchen müssen, aber ich könnte das auch niemals tun. In dem Moment, wo man nach Arbeit sucht, beginnen die Auftraggeber zu bestimmen, was gemacht werden soll, anstatt dass ihnen gesagt wird, was sie machen sollen. Es ist ein Desaster. (lacht) Aber wenn mich eines Tages wirklich keiner mehr anrufen sollte, fange ich vielleicht an herumzuziehen und an irgendwelche Türen zu klopfen oder wechsle meinen Beruf und werde Motorradmechaniker. Ja, das würde ich dann gerne machen. (lacht)
Würden Sie gerne einmal ein Motorrad entwerfen?
Ja, sehr gerne. Aber das ist wirklich sehr kompliziert. Als ich in Karlsruhe Professor war, mussten meine Studenten Motorräder entwerfen. Ein hartes Projekt.
Also sollen wir das schreiben und wer weiß, vielleicht meldet sich dann ein Unternehmen bei Ihnen?
Naja, das wurde schon ungefähr 50 Mal gedruckt, aber mich hat noch immer keiner angerufen... Darum sag ich das jedes Mal (lacht).
Für welche Firma würden Sie denn gerne eins entwerfen?
Das kann ich doch nicht in einem Interview sagen! (lacht). Nein, im Ernst, was ich wirklich gerne entwerfen würde, ist ein sparsamer City-Scooter, also eher etwas kleines. Denn der Markt für Motorroller kämpft immer nur um die Kids, um die Sechzehnjährigen, die sich ihre ersten schnellen Maschinen kaufen. Deshalb ist auch deren Design so verrückt, wie Raketen fürs Weltall. In Wirklichkeit wäre es heute viel interessanter, einen Motorroller für Leute wie mich zu entwerfen, und ich bin nun schon 48 Jahre alt. Das wäre doch großartig. Darüber haben sie noch gar nicht nachgedacht. Und es wäre mit Sicherheit ein großer Markt, zumal die Städte schon längst überfüllt sind mit Autos.
Für Hannover beispielsweise haben Sie einen neuen Bus entwickelt. Sie interessieren sich für Public Design?
Sehr. Sehr sogar. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben in der Zukunft. Ich arbeite zurzeit viel mit Ströer, einer Firma die Stadtmöbel und Anzeigentafelnsysteme produziert. Für die Stadt Hamburg haben wir gerade ein Werbe-System präsentiert, mit Haltestelle, Wartehalle, Plakattafeln und dergleichen. Das ist ein sehr interessanter neuer Bereich, der sich da gerade entwickelt. Das Konzept von Firmen wie Ströer, JCDecaux oder Wall ist es, den Städten Serviceleistungen wie neue Haltestellen anzubieten und im Gegenzug das Recht zu bekommen, an diesen Orten Werbung machen zu dürfen. Ein cleveres System, weil die Städte davon auch deutlich profitieren. Doch wer noch viel mehr davon hat, sind schließlich die Menschen auf der Strasse. Es ist also ein sehr populäres Konzept. Sie warten auf den Bus in einer schönen Haltestelle, die hell, regengeschützt und sicher ist. Für mich ist alles, was den öffentlichen Nahverkehr betrifft und das Leben in den Städten verbessert, etwas sehr Positives.
Der Bus in Hannover ist auch ein großer Erfolg geworden...
Ja, die Anzahl der Fahrgäste hat sich seitdem deutlich erhöht. Viele Leute aus dem Public Design denken ja, dass ein solches Design eher auf niedrigerem Level gehalten sein sollte, da es sich sonst mit dem Auto überschneidet. Aber ich denke, das ist falsch. Die öffentlichen Verkehrsmittel sollten nicht als ein Transportmittel für Verlierer oder Arme betrachtet werden. Sie sollten stattdessen so gut sein, dass jemand sagt, ich lasse meinen Mercedes zu Hause und fahre mit dem Bus. Warum nicht? Das ist die Zukunft. Warum haben wir Städte mit überfüllten Parkplätzen, die auch noch total überteuert sind? Die Leute sollten ihren Wagen lieber zu Hause lassen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Zentrum fahren wollen. Das ist viel spannender!
Vielen Dank für das Gespräch.

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