Oki Sato / Nendo

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Text: Norman Kietzmann


Nendo steht im Japanischen für Knete.
Dass der Begriff mittlerweile auch im Design einen Klang besitzt, ist dem jungen Japaner Oki Sato zu verdanken. Geboren 1977 in Toronto, studiert er an der Waseda Universität in Tokio Architektur, bevor er 2002 sein eigenes Büro auf den Namen „Nendo“ tauft. Die Produkte, die er seitdem für Firmen wie Boffi, Cappellini, Moroso, Swedese oder Quodes entwickelt, haben schon jetzt das Potenzial zu neuen Designikonen, die einen experimentellen Umgang mit Materialien mit einer frappierend leichten Erscheinung kombinieren. Mit seinem „Cabbage Chair“, der 2008 in die ständige Sammlung des MoMA aufgenommen wird, folgt schließlich der offizielle Ritterschlag. Dennoch scheint Oki Sato der Erfolg eher zu überraschen als ihn für sich einzunehmen. Wenn er über seine Arbeit spricht, verwendet er stets das kollektive Wir. Wir trafen Oki Sato in Mailand und sprachen mit ihm über Spielzeug als Namen, Freiheit beim Entwerfen und eine Büroeinrichtung der etwas anderen Art.


Herr Sato, Knete ist eine weiche, formbare Masse, die normalerweise in den Zimmern von Kindern zu finden ist. Warum haben Sie Ihrem Büro diesen Namen gegeben?


Weil wir flexibel und fließend sein möchten. Wir möchten uns nicht auf einen bestimmten Stil festlegen. Die Flexibilität ist unser Stil. Im Design geht es uns darum auch nicht um Formen, Farben oder Materialien. Wir möchten unsere Entwürfe mit kleinen Geschichten verbinden. Kleine Überraschungen, die die Emotionen der Menschen ansprechen. Wir arbeiten in mehreren Disziplinen gleichzeitig und entwickeln neben Möbeln und Produkten auch Grafikdesign, Verpackungsdesign, Inneneinrichtungen und Architektur.

Wie sind Sie zum Design gekommen? Sie selbst haben ja in Tokio Architektur zunächst studiert.

Ich hatte nach meinem Master zunächst nicht viel zu tun und bin herumgereist. 2002 bin ich dann zum ersten Mal auf die Mailänder Möbelmesse gefahren und war anfangs auch ein wenig geschockt von den vielen Eindrücken. Alles war so frei und aufgeregt. Als Architekt, dachte ich mir damals, würde ich das ganz anders machen. Es mag damit zu tun haben, wie ich ausgebildet wurde, aber ich war diese Freiheit nicht gewohnt. Auf der anderen Seite hat es mir unglaublich gefallen. Das war schließlich auch der Grund, warum ich Nendo gegründet habe. Ein Jahr später haben wir dann zum ersten Mal auf dem „Salone Satellite" ausgestellt, dem Forum für Nachwuchsdesigner auf der Mailänder Möbelmesse. 2004 waren wir ebenfalls dort vertreten.

Das klingt nach einer rasanten Erfolgsgeschichte: Denn nur ein Jahr später haben Sie bereits in den Hallen der „Großen“ ausgestellt.


Ja, unsere ersten Produkte, die wir für einen Hersteller entwickelt haben, waren ein Stuhl sowie ein kleiner Tisch für Swedese. Dann haben wir Giulio Cappellini getroffen und angefangen, mit ihm zu arbeiten. Seitdem haben wir in jedem Jahr für Cappellini neue Produkte entwickelt. Später kamen andere Firmen wie De Padova, Moroso, Quodes oder Boffi hinzu. 2009 haben wir auf der Mailänder Möbelmesse insgesamt 15 neue Produkte vorgestellt – für acht verschiedene Hersteller. Das ist schon fast ein wenig zu viel (lacht). Wir sind zusammen ja nur fünf Personen, davon zwei Designer und ein Architekt. Ich diskutiere mit ihnen meine Ideen und dann entwickeln wir sie im Team gemeinsam weiter. Das passiert immer auf dieselbe Weise, egal ob es sich um ein Regal oder ein ganzes Haus handelt. Der Prozess ist für uns immer derselbe.

Ein Projekt, mit dem Sie für viel Aufsehen gesorgt haben, war eine ungewöhnliche Büroeinrichtung in Tokio , bei der Sie den Arbeitsraum mit wellenartigen Holzwänden unterteilt haben. Was war die Idee dahinter?

Die Idee war, anstatt klassischer Trennwände durchscheinende Paneele zu verwenden, die wie Tropfen anmuten oder  Ausschnitte von übergroßen T-Shirts. Wenn sich die Leute an ihren Schreibtisch setzen, haben sie eine bestimmte Privatsphäre. Wenn sie aufstehen, können sie die anderen im Raum sehen und mit ihnen sprechen. Zwischen den Wellen sieht man immer wieder Köpfe, Monitore oder Pflanzen hervorscheinen. Es ging darum, die Menschen, die in dem Büro arbeiten, auf diese Weise zu verbinden.

Der Raum bekommt durch das Holz zugleich eine warme Anmutung ...

Ja, aber Holz war auch das billigste Material (lacht). Wir hatten also kaum eine Wahl. Aber es stimmt, es hat dem Büro einen sehr angenehmen Charakter gegeben.

Auf warme Töne haben Sie auch bei ihren „Collar Cabinets“ für Quodes gesetzt, einer Schrank- und Sideboard-Serie, die ebenfalls für den Einsatz im Büro gedacht ist.


Wir wollten sie nicht zu kühl machen, da sie ohnehin schon aus Stahl gefertigt sind. Auch wollten wir sie nicht wie Büromöbel aussehen lassen und haben deswegen ein warmes Grau oder auch einen leicht rosafarbenen Ton ausgewählt. Das System besteht aus einer Reihe von unterschiedlichen Kuben, die sich über- und nebeneinander frei stapeln lassen. Die einzelnen Schubladen, Bücherregale und Schränke verfügen alle über vorstehende, leicht angewinkelte Kanten, sodass sie zusammen eine Einheit bilden. Einige von ihnen dienen auch als Schubladen oder Griffe, ohne dass sie jedoch als solche erkennbar sind. Schubfächer neigen normalerweise immer dazu, sehr schwer zu wirken. Wir wollten ihnen den Eindruck von Leichtigkeit verleihen. Und auch eine kleine Überraschung einbauen, da die Leute am Anfang nicht wissen, wo sich der Türgriff befindet. Das ist vielleicht auch ein typisches Nendo-Detail daran.

Während der Mailänder Möbelmesse haben Sie eine ungewöhnliche Leuchtenserie aus einer neuen Kunststoffart gezeigt. Welche Rolle spielen bei Ihren Entwürfen die Materialien?

Wir möchten immer die passendsten Materialien für die jeweilige Idee verwenden. Wir beginnen daher normalerweise nicht über die Materialien an ein Projekt heranzugehen. Das Projekt, das wir auf der „Tokyo Fiber“-Ausstellung in der Mailänder Triennale gezeigt haben, war eine Ausnahme. Die Aufgabe war hierbei, ein Projekt aus einem neuen Fiber-Kunststoff zu entwickeln. Dieser heißt „Smash“ und ist ein Thermoplast, der seine Form verändert, wenn er auf über 80 Grad erwärmt wird. Er ist sehr leicht und sowohl wasser- als auch luftdurchlässig. Als ich eine Lichtquelle dahinter hielt, habe ich bemerkt, wie schön er leuchten kann. Dies hat mich sofort an die traditionellen japanischen Papierlampen erinnert. Ich wollte das Material allerdings auch nicht auf typisch industrielle Weise verwenden und eine Form aus Spritzguss erzeugen. So bin ich auf das Glasbläserverfahren gekommen. Dabei wird einfach Luft in einen Ballon gefüllt, und das Material erhält seine Form. Jeder Schirm ist von seiner Größe und Form her ein wenig anders, ein Stück weit auch zufällig. Als Lichtquelle haben wir LEDs verwendet, da sie kaum Hitze erzeugen. Denn ab einer Temperatur von über 80 Grad würden sich die Leuchtenschirme wieder verformen.

Was an Ihrer Arbeit ist typisch japanisch?


Vielleicht dass wir nicht so sehr an Farben und Formen interessiert sind. Bei unserem „Diamond Chair“ zum Beispiel haben wir uns zwar von der sehr strengen, geometrischen Struktur von Diamanten inspirieren lassen. Aber im Grunde spielt es nicht wirklich eine Rolle. Bei einem anderen Material könnten es auch sehr weiche, fließende Formen sein. Für uns ist vor allem das Konzept und die Geschichte, die hinter einem Produkt stehen, sehr wichtig. Welche Gefühle erweckt ein Produkt bei seinem Benutzer? Ich denke, das ist sicher eine sehr japanische Herangehensweise. Ansonsten kommen viele Ideen aus dem täglichen Leben. Wenn wir durch die Straßen laufen, finden wir viele kleine Details, die wir für unsere Entwürfe verwenden. Ich denke, das ist der Punkt, von dem wir ausgehen. Handwerklichkeit und neue Technologien sind dabei für uns kein Widerspruch, sondern gehen fließend ineinander über. Wie auf einer flachen Ebene. Und ein Stück weit auch wie Tokio. Die Stadt ist auch sehr flach und weit.

Was haben Sie als nächstes vor?


Wir arbeiten derzeit an mehreren architektonischen Projekten. Aber es braucht alles ein wenig mehr Zeit als Design. Wir entwickeln gerade mehrere Geschäfte in Shanghai, Boutiquen für Issey Miyake in Japan. Für den japanischen Markt entwerfen wir auch Verpackungen für Kaugummis und andere Süßigkeiten. Es macht aber für uns keinen Unterschied, ob es sich um eine Verpackung oder eine Boutique handelt. Wir beginnen jedes Projekt mit demselben Umfang an Recherche und doch kommt jedes Mal etwas anderes dabei heraus. Wie beim Spielen mit Knete.

Vielen Dank für das Gespräch.

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