Michael Englisch / Wiege

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Text: Norman Kietzmann


Michael Englisch hat einen Sinn für konstruktive Details. Geboren 1961 in Ailingen am Bodensee, studiert er von 1983 bis 1987 Industriedesign an der Fachhochschule für Gestaltung im Schwäbisch-Gmünd. Schon im Studium liegt sein Schwerpunkt im Bereich Maschinenbau sowie der Entwicklung komplexer Investitionsgüter. Nach seinem Diplom arbeitet er an der Hochschule als Dozent für computerbasiertes Entwerfen – zu einem Zeitpunkt, als diese Entwicklung noch längst in ihren Kinderschuhen steckt. 1989 steigt er beim Büromöbelhersteller VOKO ein und übernimmt 1992 die Verantwortung für das Design des Unternehmens. 1997 zieht er sich auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen zurück und geht als selbstständiger Designer nach Hamburg. 1999 übernimmt er als Geschäftsführer und Chefdesigner die Leitung der „Wiege Entwicklungsgesellschaft“ – einem vom Bürohersteller Wilkhahn initiierten Designbüro am Stammsitz des Unternehmens im niedersächsischen Bad Mündern – dem er bis heute vorsteht. Mit der Entwicklung des Stuhls „ON" ist ihm jüngst ein entscheidender Impuls im Bereich der Bürobestuhlung gelungen. Wir trafen Michael Englisch an seinem Arbeitsplatz bei „Wiege“ und sprachen mit ihm über ein Umdenken in der Ergonomie, die Neuerfindung des Drehstuhls und was Erwachsene von Kindern lernen können.



Herr Englisch, das Designbüro „Wiege“ wurde 1985 von Wilkhahn initiiert und entwickelt seitdem auch Produkte für Hersteller jenseits des Bürobereichs. Welche Erfahrungen haben Sie aus diesen Kooperationen gewonnen?

Es bringt uns zusätzliche Fitness. Denn auf diese Weise verhindern wir, dass wir immer nur die eigene Welt sehen und sich ganz automatisch systemimmanente Defekte einschleichen. Wenn man sich intensiv mit nur einer Sache auseinandersetzt, beginnt man Dinge als selbstverständlich anzusehen, die gar nicht selbstverständlich sind. Der Blick nach außen macht einen dagegen kritischer gegenüber der eigenen Branche. Die Arbeit für andere Kunden wirkt sich daher auch positiv auf unsere Projekte für Wilkhahn aus, die derzeit rund 60 Prozent unserer Zeit beanspruchen.

Wie würden Sie das Designverständnis von „Wiege“ beschreiben?

Unser Schwerpunkt liegt im klassischen Industriedesign. Es sind Themen, die auf den ersten Blick zunächst ein wenig unspektakulär wirken und deshalb vielleicht auch nicht immer so große Aufmerksamkeit erfahren. Wir entwickeln sehr häufig Produkte und Systeme mit hoher technischer Komplexität, für die wir intelligente Lösungen entwickeln müssen. An dieser Stelle liegt auch unsere Stärke: Wenn das Maß an technischen oder sicherheitstechnischen Anforderungen steigt, sind wir in unserem Element. Der Teamgedanke ist dabei sehr wichtig. So gilt die Regel, dass kein Projekt die „Wiege“ verlassen darf, mit dem nicht alle zu einhundert Prozent einverstanden sind. Die von Dieter Rams entwickelten Designthesen haben für uns Gültigkeit.

Welche Art von Produkten entwerfen Sie neben den Büromöbeln für Wilkhahn?

Wir entwerfen unter anderem die Showrooms sowie die Messestände, auf denen sich Wilkhahn weltweit präsentiert. Für die Firma Stroer haben wir eine komplette Public-Design-Linie entwickelt, von Toiletten über Bushaltestellen, Kiosken bis hin zu Plakatträgern. Manchmal gehen wir auch in die Architektur wie für den Bau des Service-Points von Üstra, den Verkehrsbetrieben von Hannover. Ebenso haben wir den Empfangs- sowie Abholbereich der Autostadt in Wolfsburg gestaltet. Ein anderes Projekt ist das „Visipad“ von Visiomatic, eine zentrale Steuerung für Funktionen in Gebäuden, für die wir neben der Hardware auch die Benutzeroberfläche entwickelt haben. Die Bedienbarkeit haben wir dabei derart vereinfacht, dass das komplexe Produkt bis heute ohne eine Bedienungsanleitung auskommt. Für die Firma Stiegelmeyer haben wir zudem ein komplettes Programm zum Thema Krankenhaus, Reha und Pflege entworfen, bei dem wir auf den Plattformgedanken aus der Automobilindustrie zurückgegriffen haben. Darüber hinaus haben wir beispielsweise Leuchten für Wofi und Kamine für Max Blank gestaltet.

Das bisher umfangreichste Projekt von „Wiege“ ist die Entwicklung des Drehstuhls ON für Wilkhahn, an dem Sie insgesamt fast vier Jahre lang gearbeitet haben. Was hat dieses Projekt so aufwändig gemacht?


Unser Ziel war es, einen möglichst großen Innovationssprung zu schaffen. Dafür war eine intensive Vorentwicklung entscheidend. Es ging dabei nicht nur darum, einen neuen Drehstuhl zu entwickeln, sondern eine gesamte Produktfamilie. Bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt haben wir ein Projektteam gebildet, dem auch Jochen Hahne, der Geschäftsführer von Wilkhahn, angehörte. Wir haben uns in das Thema vertieft und intensiv mit Arbeitsmedizinern, Sportmedizinern und anderen Experten unterhalten. Am Ende stand ein grundlegend neuer Blick auf die Ergonomie von Bürostühlen, der zugleich auch einen Richtungswechsel in der Gestaltung bedeutete. Wir wollten wieder näher an den Menschen heran.

Worin lag Ihre Kritik an der bisherigen Ergonomie?

Der Kernpunkt war die Feststellung, dass die Bewegung in einem Drehstuhl immer zweidimensional stattfindet. Die Rückenlehne bewegt sich entweder nach vorne oder nach hinten, aber nie zur Seite. Die Anatomie des Menschen ist in ihrer Beweglichkeit jedoch nicht zwei-, sondern dreidimensional ausgerichtet. Wir wollten daher ein Bewegungskonzept umsetzen, das näher an unseren körperlichen Möglichkeiten liegt. Hinzu kommt ein anderer Aspekt: Denn trotz aller Fortschritte auf dem Gebiet der Ergonomie sitzen höchstens 20 Prozent aller Menschen in ihren Stühlen richtig. Für die Mehrheit der Benutzer greifen die bisherigen Lösungen überhaupt nicht. Wir haben daher gesagt, dass es keine ergonomisch richtige oder falsche Haltung geben kann. Stattdessen ist es viel wichtiger, dass sich die Menschen wieder mehr bewegen. Denn wesentliche Defekte im Bereich der Wirbelsäule rühren daher, dass wir uns zu wenig bewegen und die Muskulatur irgendwann ihre Stabilisierungsfunktion nicht mehr erfüllen kann. Das Ergebnis sind Bandscheibenvorfälle und andere typische Bürokrankheiten. Die klassische Ergonomie sieht vor, Belastungen zu vermeiden. Dabei ist dieser Ansatz im Grunde falsch. Wir müssen eine Aktivierung des Körpers und der Muskulatur der Bewegung erzielen.

Also ist Herumzappeln beim Sitzen sogar erwünscht?

Ja, die Menschen dürfen alles, solange sie sich bewegen. Kinder können zum Beispiel auch nicht still sitzen. Sie sind unentwegt in Bewegung und sitzen dabei immer auch ein wenig falsch. Aber ihnen tut dennoch nichts weh. Die Menschen sollen nicht mehr darüber nachdenken, ob sie ergonomisch richtig sitzen oder falsch. Denn der Körper gibt uns ganz von selbst zu erkennen, ob eine Haltung bequem ist oder nicht. Wir nähern uns mit diesem Ansatz den Menschen nicht nur von ihrer Physiologie her, sondern ebenso von ihrer Psychologie her wieder an.

Wie haben Sie die dreidimensionale Bewegung schließlich umgesetzt?

Indem wir die klassische Mechanik, die eine synchrone Bewegung von Sitzfläche und Rückenfläche ermöglicht, in der Mitte zerschnitten und somit entkoppelt haben. Die linke und rechte Armlehne lassen sich nun unabhängig voneinander steuern, sodass die zweidimensionale in eine dreidimensionale Bewegung ausgeweitet wird. Die Rückenlehne lässt sich dadurch nicht nur nach vorne und hinten, sondern ebenso zur Seite verdrehen.

Wie würden Sie den gestalterischen Charakter des Stuhles beschreiben?

Wir haben versucht, die Erscheinung des Stuhles bei aller Komplexität des Themas so ruhig und klar wie möglich zu machen. Es geht darum, die Funktion intelligent in das Produkt einzulegen und es nicht wie eine Maschine aussehen zu lassen. Der Stuhl soll Geborgenheit und Wohnlichkeit vermitteln. Er soll dem Nutzer zeigen, dass er sich aufgenommen fühlen kann. Die Bedienung ist daher schlüssig integriert und wirkt nicht aufgesetzt. Der Aspekt der Zeitlosigkeit spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Schließlich muss der Stuhl auch in 25 Jahren noch Bestand haben.

Die beiden metallenen Winkel, die die flexible Bewegung der Lehne ermöglichen, geben dem Entwurf zugleich ein markantes Gesicht. Welche Rolle spielte deren Gestaltung für das gesamte Produkt?

Wir wollten ein Element zu schaffen, das dem Produkt Wertigkeit und zugleich auch ein Anzeichen der Funktion gibt. Ein subtiler Hinweis darauf, dass dieser Stuhl etwas mehr kann als jeder normale Drehstuhl. Um die Form der Schwenkarme zu definieren, haben wir auf eine für unsere Branche sehr ungewöhnliche Methode zurückgegriffen. Nachdem wir am Computer nicht zu befriedigenden Ergebnissen gekommen sind, haben wir wie in der Automobilindustrie Modelle per Hand aus Ton modelliert. Das war der beste Weg, um die passende Form zu finden. Die Modelle wurden anschließend dreidimensional gescannt und in digitale Daten übertragen, mit denen wir am Rechner weiter gearbeitet haben. Am Computer allein wäre uns dies nicht auf dieselbe Weise gelungen.

Welche Reaktionen erwarten Sie, wenn der Stuhl Mitte September 2009 auf den Markt kommen wird?

Ich denke, er wird einen neuen Standard für Bürodrehstühle setzen, den in abgewandelter Form auch unsere Mitbewerber übernehmen werden. Wahrscheinlich werden sie knapp drei Jahre dafür brauchen, um unsere Patente an diesem Entwurf zu umgehen. Für uns liegt darin zugleich der Unterschied: Wir wollen nicht kopieren, sondern kapieren. An unseren Produkten gibt es daher auch nichts Zufälliges. Wenn wir einen Stuhl entwickeln, kommt kein Bauteil von der Stange. Wir haben das gesamte Produkt in allen Details neu entwickelt. Ich glaube, dass die Art und Weise, mit der wir bei Wilkhahn neue Produkte entwickeln, schon recht einmalig in der gesamten Branche ist. Ich kenne keinen Bürohersteller, der sich so viel Zeit nimmt, um zu forschen, zu denken und neue Lösungen zu erarbeiten.

Warum heißt der Stuhl eigentlich „ON“?

Uns hat der Name gefallen, weil man gut mit ihm spielen kann. Er hat zugleich auch einen inhaltlichen Bezug. Denn der Stuhl schafft es, den Benutzer zu mehr Bewegung zu aktivieren. Er schaltet ihn wirklich ein. Das haben wir auch bei unseren Feldstudien immer wieder erlebt, bei denen wir den Stuhl testen ließen – natürlich so verpackt, dass die Testpersonen das endgültige Design noch nicht erkennen konnten. Wenn sie eine Stunde auf diesem Stuhl saßen, wollten sie danach nicht mehr in einem herkömmlichen Drehstuhl Platz nehmen. Einem Kunden von Wilkhahn, der einen Großauftrag an Drehstühlen plante, haben wir ebenfalls eines unserer Testexemplare geschickt. Er hat ohne zu zögern eine hohe Stückzahl geordert, obwohl er den Stuhl noch gar nicht gesehen hatte. Das hat uns schon sehr stolz gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.

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