Andreas Murkudis

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Text: Jasmin Jouhar


Es dürfte schwer fallen, Andreas Murkudis nicht sympathisch zu finden. Der Berliner Einzelhändler mit griechischen Wurzeln ist unaufgeregt, zugewandt und zugleich um ein offenes Wort nicht verlegen – vielleicht genau die richtige Kombination für einen erfolgreichen Verkäufer. Murkudis jedenfalls hat sich in knapp zehn Jahren in Berlin ein kleines, feines Reich von Geschäften jenseits des Mainstreams aufgebaut. Zuvor war er Geschäftsführer des Museum der Dinge, einer Sammlung von Alltagsdesign in Berlin. Im vergangen Jahr zog er aus dem Trubel von Mitte nach Schöneberg, von der Münzstraße in die Potsdamer: In einer ehemaligen Zeitungsdruckerei bietet er nun auf rund 1000 Quadratmetern sein ausgesuchtes Sortiment von hochwertiger Kleidung, Lederwaren, Accessoires und Einrichtungsgegenständen an. Und Murkudis blickt noch tiefer in den Westen der Stadt: Nächstes Jahr ist er mit einem eigenen Laden dabei, wenn das Bikini-Haus am Zoo als Shopping-Center wieder aufersteht. Wir saßen mit Andreas Murkudis auf dem Sofa in seinem Geschäft und sprachen mit ihm über den Preis der Dinge, die Qualitäten des White Cube und warum er den Begriff Concept Store überhaupt nicht mag.



Herr Murkudis, Ihr Geschäft ist bekannt für eine ausgefallene Mischung von Mode, Kosmetik, Büchern und Möbeln. Ist allein Ihr persönlicher Geschmack entscheidend für das, was wir hier sehen?

Ja, auf jeden Fall. Es kommt nichts ins Haus, was mir nicht gefällt. Es geht nicht darum, ob man es verkaufen kann. Es geht darum, ob ich es mag. Alles Andere hat erst einmal keine Relevanz.

Und wie finden Sie die Dinge, die Sie verkaufen?

Ich reise sehr viel. Außerdem habe ich ein Netzwerk von Freunden, die mir von Messen etwas zutragen. Ich kann ja nicht auf jede Modemesse, Möbelmesse, Büchermesse, Accessoiremesse fahren. Und wir verändern nicht jede Saison das Angebot. Alle Firmen, mit denen wir arbeiten, bleiben uns erhalten. Deswegen ist die Suche nach immer neuen Dingen für mich gar nicht so entscheidend.

Sie sprechen gerne über die Geschichte der Produkte, die Sie verkaufen, und wie wichtig sie ist. Braucht man denn unbedingt eine, um ein Produkt zu verkaufen?

Die Dinge sprechen schon für sich. Aber es ist ein Mehrwert, wenn man weiß, wo ein Produkt hergestellt wurde, vielleicht sogar, wer daran gearbeitet hat. Und unter welchen Bedingungen. Ich finde es wichtig, wenn man mehr Geld ausgibt, dass man weiß, dass die Ware politisch korrekt ist. Dass man vielleicht mit dem Kauf ein altes Handwerk unterstützt. Es sind zum Beispiel gerade einige alte Porzellanfirmen dabei, aufzugeben. Mit ihnen würden die Porzellanmalerei, die Traditionen und Techniken einfach verschwinden. Wir wollen den Leuten zeigen, wie der Preis für die Dinge zustande kommt. Es versteht ja sonst keiner, dass eine Porzellanfigur von Nymphenburg 12 000 Euro kostet. Ich kann jeden verstehen, der erst einmal sagt: Die spinnen!

Sie haben vom Mehrwert gesprochen, den die Geschichte eines Produktes mit sich bringt. Ist dieser Mehrwert der Impuls, der die Leute dazu bringt, in Ihrem Geschäft etwas zu kaufen, was sie woanders auch billiger bekämen?

Genau. Aber es ist eben nicht nur die Rechtfertigung für den Preis. Im Übrigen finde ich die Situation in Deutschland absurd. Viele Leute sind hier recht gut situiert und erwarten ein deutsches Gehalt, aber wollen nicht den Preis für in Deutschland gefertigte Produkte bezahlen – sie sägen sich den Ast ab, auf dem sie sitzen.

Außer bei den Autos …

Richtig, außer bei den Autos. Wenn man fragt, warum sich jemand ein teures Auto kauft, lautet die Antwort: Das ist Qualität. Bei anderen Dingen ist Qualität völlig irrelevant. Dabei betrifft das Thema Nachhaltigkeit viele Bereiche. Ein Kunde, der sich für einen Holztisch von e15 interessiert, sagt vielleicht: Solche Tische gibt es aber von anderen Firmen viel billiger. Dann erkläre ich, dass bei anderen Herstellern die Holzplatten zum Teil vorgefertigt aus China kommen. Bei e15 ist das anders: Da sind die Hölzer dicker, sie werden geschnitten, zusammengelegt, so dass das Bild stimmt, und erst dann werden sie zusammengefügt. Es ist ein längerer Prozess, es braucht mehr und teurere Arbeitskraft. Daraus setzt sich am Ende der Preis zusammen.

Drei Stichworte zum Thema Laden und was Ihnen dazu einfällt: Das erste ist Warenhaus.

Ich sehe mein Geschäft als Mini-Warenhaus. Es gibt den Begriff Concept Store, den ich wirklich hasse.

Was stört Sie denn an diesem Begriff? Wird er nicht im Zusammenhang mit Ihrem Geschäft häufig genannt?

Und ich versuche immer, mich dagegen zu wehren … Der Begriff vermittelt, man sei etwas Besseres. Nach dem Motto: Ich habe ein Konzept, und die anderen haben kein Konzept. Das stimmt einfach nicht. Jeder hat ein Konzept, vielleicht ein schlechteres oder besseres. Es gibt viele Läden, da werden Coffee Table Books verkauft und ein Parfüm, und dann ist man gleich ein Concept Store.

Flagship Store?

Mag ich überhaupt gar nicht. Sie sehen in jeder Stadt gleich aus. Die gleiche Einrichtung, die gleichen Teppiche, die gleichen Farben. Meine Intention ist es, die Leute zu überraschen. Dass die Kunden Dinge entdecken, die sie nicht erwartet haben, ein Lobmeyr-Glas oder Porzellan von Nymphenburg, etwas, was nicht ungeheuer hip ist. Flagship Stores überraschen niemanden.

Der dritte Begriff ist Museumsshop.

Die sind meistens auch ziemlich öde. Das liegt daran, dass die Shops Umsatz machen müssen. Und dafür wird auch Schrott verkauft.

Im vergangen Jahr sind Sie mit Ihrem Hauptgeschäft  umgezogen. Als ich das erste Mal hier war, fand ich die neuen Räume ehrfurchtgebietend. So groß, so weiß, so viel Luftraum. Ist das die Atmosphäre, in der man gerne einkauft?

Als ich das erste Mal hier war, wusste ich, ohne lange darüber nachzudenken: Das ist es. Es ist ein perfekter Raum. Und dank des Holzfußbodens ist es auch relativ gemütlich. Wenn man reinkommt in den Laden, dann sieht man erst einmal: Weiß. Gerade in Berlin ist das Helle, Ruhige schön, gerade im Winter, wenn es draußen dunkel ist. Zum ersten Mal haben die Dinge den Platz, der ihnen gebührt – wir haben die doppelte Fläche im Vergleich zur Münzstraße in Mitte.

Die Strategie, ein industrielles Gebäude umzunutzen und den Charakter dabei nicht zu übertünchen, ist auch aus der Kunstwelt bekannt. Sehen Sie da eine ästhetische Nähe?

Dass die Dinge so schön präsentiert sind, zeigt natürlich meine Hochachtung vor ihnen. Die Dinge brauchen ihren Platz, um zur Wirkung zu kommen. Sie sind sichtbar, man setzt sich mit ihnen auseinander. Das sieht museal aus, aber anders würde es nicht funktionieren.

In Ihrer Nachbarschaft gibt es einige Galerien, die einen anderen Weg gehen, weg vom White Cube. Sie haben sich ein bürgerlicheres, intimeres Ambiente geschaffen.

Die Idee, eine große Etage zu nutzen, ist interessant, das hatten wir in der Münzstraße auch. Aber es erzeugt eine größere Hemmschwelle, wenn man in den zweiten Stock gehen muss, wie bei den Galerien. Meine Priorität ist, mehr Raum zu haben und den Dingen die größte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Da ist der White Cube die beste Möglichkeit. Bei Kunst finde ich es naheliegend, eine Wohnung zu nutzen. Die Galerien leben von Leuten, die explizit dorthin kommen und wissen, was sie wollen. Es gibt kaum Laufpublikum, das zufällig Kunst kauft. Deswegen funktionieren in Berlin auch Galerien im Hansaviertel, wo sonst nichts ist. Sie wissen, die Leute kommen ihretwegen. Das gilt für uns auch: Wir sitzen hier in einer Ecke, wo es keinen vergleichbaren Einzelhandel gibt. Weil ich möchte, dass Menschen kommen, die sich für die Dinge interessieren. In Mitte sind so viele Leute in die Läden gekommen, die sich überhaupt nicht dafür interessiert haben. Das war kontraproduktiv.

Was versprechen Sie sich langfristig von dem Standort Potsdamer Straße?

Ich glaube nicht, dass es sich hier großartig verändern wird. Was hier passiert, ist eher für ein Nischenpublikum. Das interessiert die Leute da draußen nicht. Wenn ich nicht meine Stammkunden hätte, wäre es Harakiri gewesen, hierher zu ziehen. Ein Restrisiko gab es, aber der neue Laden ist vom ersten Tag an viel besser gelaufen als in der Münzstraße. Es war meine beste Entscheidung.

Ihr nächstes Projekt führt Sie in den Westen der Stadt, ins Bikini-Haus am Zoo. Dort sind die Filialen der großen Marken, die Flagship Stores. Was für einen Spielraum sehen Sie in der City-West?

Mir ging es nicht unbedingt darum, in den Westen zu gehen. Was mich gereizt hat, war die Idee hinter dem Bikini-Haus. Die Idee, eine Shopping Mall zu machen, die ein nachhaltiges Niveau hat. Es soll keine Luxus-Mall, aber auch keine Billig-Mall werden. Die Marken haben mir gefallen, und es ist weiter gedacht: Es gibt nicht nur Einkauf und Gastronomie, sondern auch ein Bürohochhaus, den Zoopalast mit den Kinos, die Nähe zum Zoo mit dem Blick auf die Tiergehege, ein Hotel. Mich hat es gereizt, mit meinem Angebot in diese eigentlich schreckliche Gegend zu gehen und dort etwas zu bewirken.

Sie waren im vergangenen Jahr bei der Initiative des Rat für Formgebung dabei, die ein Deutsches Design Museum initiieren möchte. Aber es gibt doch bereits Institutionen, die sich mit Design beschäftigen. Brauchen wir dennoch ein neues Haus, oder sollten wir nicht besser die vorhandenen stärken?

Im Ausland gibt es viele Ausstellungen zum Thema Design, zu Modedesign, zu Möbeln, die sehr erfolgreich sind. Das Interesse ist da, aber die Institutionen in Deutschland arbeiten eher halbherzig. Außerdem wird oft der Fehler gemacht, Designobjekte wie Reliquien zu behandeln. Der Besucher erfährt nicht, warum ein Objekt in der Ausstellung herausgehoben präsentiert ist. Es gelingt in Deutschland nicht, auch dem „normalen“ Besucher klarzumachen, warum es sich um ein wichtiges Objekt handelt.

Da sind wir wieder am Anfang des Gesprächs: Sie denken, man muss auch die Geschichte der Objekte erzählen?

Auf jeden Fall. Wenn Sie einen Mies-van-der-Rohe-Sessel zeigen, wird der Besucher vielleicht sagen: Was für ein langweiliger Stuhl …

Aber warum braucht es dafür unbedingt eine neue Institution?

Man kann die vorhandenen Sammlungen nicht zusammenwerfen, die gehören nun mal verschiedenen Institutionen. Interessanter wäre es, ein Areal zu finden, wo alle diese Institutionen ihr eigenes Leben führen, aber trotzdem gemeinsame Ausstellungen machen. Eine andere Alternative wäre, eine Designinstitution ohne Sammlung zu gründen. Mittlerweile wäre es sowieso sehr teuer, eine Designsammlung neu aufzubauen. Lieber verwendet man das Geld, um Ausstellungen zu machen.

Herr Murkudis, vielen Dank für das Gespräch.

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