Dorothea Scheidl-Nennemann

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Text: Tim Berge


Der Büromöbelhersteller Sedus Stoll AG ist nicht nur einer der größten seiner Art in Europa, er ist vor allem der erste der Branche, der sich auf seine Nachhaltigkeit und sein Energiemanagement hat prüfen lassen und all diese Ergebnisse auf seiner Webseite veröffentlicht. Die ökologische Unternehmensphilosophie hat Tradition in der Firma, wie wir in dem Gespräch mit Dorothea Scheidl-Nennemann von Sedus erfahren haben. Außerdem sprachen wir mit ihr über die Recyclingfähigkeit von Möbeln und das Büro als identitätsstiftenden Raum.


Im Sedus-Kundenmagazin Place 2.5 fordern Sie ein umweltgerechteres Handeln im Alltag und geben Tipps dazu – beispielsweise beim Essen, Fortbewegen und Verreisen. Woher kommt dieser Anspruch?


Fordern ist vielleicht übertrieben. Das Thema steht im Kontext der von Ihnen zitierten Ausgabe, die dem Schwerpunkt „Zukunft Nachhaltigkeit" gewidmet ist. Der Hintergrund: Sedus sieht sich als Pionier der ökologischen Unternehmensphilosophie. Die Gründerfamilie Stoll war anthroposophisch geprägt, und Christof Stoll, Firmenchef der dritten Generation, hat schon in den 1960er Jahren das Credo geäußert: „Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze sondern unverzichtbare Teile eines Ganzen“. Der ethische Anspruch der Stolls wurde auch nach der Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft, deren Hauptaktionär die Stoll Vita Stiftung ist, in den erwähnten zwölf Unternehmensgrundsätzen verankert. Wir reden also nicht nur über Ökologie, sondern handeln auch konsequent danach. Insofern ist es für uns klar, dass wir in unserem Magazin neben einem Bericht über unsere eigene gelebte Unternehmensphilosophie den Lesern noch weitere Denkanstöße liefern wollen.

Welche Art von Kunde legt eigentlich Wert auf ein „grünes Produkt“? Sind das nur gut verdienende Bildungsbürger, die sich diese Art von Lebensstil leisten können?

Da muss man zwischen dem Markt der Konsum- und Investitionsgüter unterscheiden. Wir als Büromöbelhersteller bedienen natürlich letzteren: In unserem Kontext geht es immer auch um größere Kapitalanlagen und Imageförderung. Untersuchungen haben ergeben, dass Unternehmen, die nachhaltig denken und handeln, zu den begehrteren Arbeitgebern gehören. Auch Gebäude, die nach Nachhaltigkeitskriterien geplant wurden, sind für Investoren und Bauherren besser zu vermarkten. Und da gehört dann selbstverständlich ein entsprechend „nachhaltiges“ Mobiliar dazu, das übrigens nicht zwingend teurer sein muss.

Besteht nicht die Gefahr, dass aus dem Thema Nachhaltigkeit eine Öko-Blase wird: eine ökologische Bewegung zur Beruhigung des schlechten Gewissens?

Teilweise schon. Als Kunde muss man über das Thema sehr komplex nachdenken und auch vieles hinterfragen. Nicht überall, wo „Grün“ draufsteht, ist auch „Grün“ drin! Insbesondere im Consumer-Bereich verhält man sich manchmal am nachhaltigsten, wenn man auf manche Dinge komplett verzichtet.

Was für Rahmenbedingungen gibt es für die Designprozesse in Bezug auf Nachhaltigkeitsaspekte? Gibt es bei Ihnen Vorgaben für ihre Designer?

Ja, die wesentlichen, umweltrelevanten Kriterien sind in den so genannten Lastenheften festgeschrieben. Wenn also neue Produkte entwickelt werden, wurde im Vorfeld bereits ein genaues Anforderungsprofil festgelegt. Darin enthalten ist auch eine Verfahrensanweisung zu ökologischem Produktdesign, die beispielsweise die Zerlegungsfähigkeit, Materialkennzeichnungen, CO2-Bilanzen und den Grad der Recycelfähigkeit definiert. Auch der Aufwand an Ressourcen wird vorher bestimmt.

Der Sedus-Stuhl black dot besteht zu 94 Prozent aus wiederverwertbaren Materialien – erklären Sie uns den Recyclingprozess.

Das ist relativ einfach, weshalb wir auch für unseren eigenen Youtube-Kanal Sedus TV einen kurzen Film dazu produziert haben. Dort ist zu sehen, wie schnell der black dot in seine Einzelteile zerlegt werden kann, und zwar nur mittels eines Schraubenziehers. Die Materialien lassen sich alle leicht identifizieren, weil sie alle mit einer Nummer gekennzeichnet sind. So kann alles sortenrein in den Materialkreislauf zurückgeführt werden. Was nicht recycelt werden kann, sind bestimmte Glasfaserarten, die in einigen der Kunststoffe enthalten sind, die aber aus Stabilitätsgründen oft erforderlich sind.

Sind andere Sedus-Produkte nicht recycelbar?

Doch, grundsätzlich sind alle unserer Produkte recycelbar, wir haben dies nur anhand des black dot exemplarisch darzustellen versucht. Zur Orgatec 2012 weisen wir bei allen Neuvorstellungen den Grad der Recyclingfähigkeit aus –, und der reicht bei manchen Produkten an die 99-Prozent-Marke heran.

Was sind die Pläne von Sedus für die nähere Zukunft? Wird es Produktneuheitenzur diesjährigen Orgatec geben?

Ja, es wird jede Menge Neuheiten geben, aber auch Produkte, die im Laufe des Jahres bereits vorgestellt wurden. Insgesamt zeigen wir sieben Neuentwicklungen, die es vorher noch nicht zu sehen gab, darunter auch eine ergonomische Weltneuheit: den Bürodrehstuhl swing up.

Mit dem Konzept Place 2.5 haben Sie schon vor Jahren ein Leitbild und eine Kommunikationsplattform geschaffen, die sich mit neuen Trends und Bewegungen in der Bürowelt auseinandersetzt. Welche Themen zeichnen sich für die Zukunft ab?

Durch Laptops und Smartphones wird der Büroangestellte weiterhin weniger an seinen Arbeitsplatz gebunden sein – dadurch wird die Verortung der Unternehmenskultur und die Förderung der Identitätsbildung eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Das Büro hat eine große Bedeutung als identitätsstiftender Raum und wird so neue Funktionen übernehmen und neue Qualitäten erlangen müssen: die Bürowelt als Ort der Kommunikation, der Begegnung und der Inspiration. Offene Bürolandschaften liegen daher momentan ganz im Trend, weil sie einen ganz anderen Austausch unter den Mitarbeitern ermöglichen und im besten Fall sogar eine Art von Lebensqualität vermitteln. Sedus bezeichnet dies als das „produktive Wohlfühlen" – ein Zustand, der aber auch in ganzheitlich gestalteten Einzelbüros und kleineren Büroeinheiten erreicht werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Scheidl-Nennemann.

Seiner ökologischen Unternehmensphilosophie folgend begann Sedus 1995 mit dem Umweltmanagement. Im Jahr 2001 ließ sich das Unternehmen nach der Umweltnorm DIN EN ISO 14001 auditieren, 2012 folgte die Zertifizierung des Energiemanagements nach DIN EN ISO 50001. Als erstes Unternehmen der Branche ließ sich Sedus nach GRI-Standards (Global Reporting Initiative) prüfen und veröffentlichten den Nachhaltigkeitsbericht auf der Webseite.

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