Rem Koolhaas

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Text: Andreas Tölke


Die Ausstellung war einer der leisen Höhepunkte der zurückliegenden Architekturbiennale in Venedig: die von Rem Koolhaas' Büro OMA kuratierte Schau Public Works – Architecture by Civil Servants über europäische Gebäude aus den sechziger und siebziger Jahren, die von den Baubeamten der Kommunen entworfen worden sind. Eines der Beispiele war die Kirche St. Agnes in Berlin, von Senatsbaudirektor Werner Düttmann entworfen und zurzeit von Arno Brandlhuber umgebaut. Und genau dort wird die Ausstellung ab Donnerstag ein zweites Mal zu sehen sein. Wir trafen Rem Koolhaas bei der Präsentation vom Garage Centre in London und sprachen mit ihm über den Abriss des Palasts der Republik und über die Faszination der Architekten für Neubauten.

Herr Koolhaas, Sie scheinen in der letzten Zeit ein Faible für die Architektur der 60er und 70er Jahre entwickelt zu haben. Ich denke da etwa an den Umbau eines Pavillons im Moskauer Gorki-Park zum Ausstellungshaus für die russische Kunstsammlerin Dasha Zhukova. Was ist an diesen Dekaden so spannend?

Überall in der Welt verschwinden Gebäude aus den 60ern und 70ern. Sie werden zerstört, um Platz zu machen für etwas Neues, das scheinbar besser ist. Eine Ära der Architektur verschwindet langsam. Obwohl alle dauernd über Sustainability reden. Aber jedes Argument scheint recht zu sein, um sich von Gebäuden aus der Zeit zu befreien. Ich wette, in spätestens zehn Jahren werden die ersten Bildbände über diese Zeit erscheinen. Es werden Symposien über die Faszination der 70er gehalten werden.

Als Berliner war ich Augenzeuge des Endes des Palasts der Republik. Er war eine Variante, ein Symbol für die Architektur der siebziger Jahre – in Ihren Augen ein erhaltenswertes?

Der Abriss war auch eine Frage von Ästhetik und Moral. Unter moralischen Aspekten kann ich es verstehen. Unter ästhetischen fällt es mir schwer. Der Palast war aus architekturhistorischer Perspektive erhaltenswert, er stand für eine bestimmte Ära. Architektonisch gesehen war er vielleicht nicht unbedingt ein Highlight, um ehrlich zu sein. Allerdings deutlich besser als das, was jetzt dort geplant ist.

Wenn es um den Erhalt von Architektur geht, halten sich die Architekten mit ihrem Engagement eher zurück. Woran liegt das?

Selbstschutz. Jedes Gebäude, das abgerissen wird, macht Platz für eine neues. Das heißt, es kann geplant, entworfen und gebaut werden. Und wir haben jahrzehntelang gelernt: Neu ist immer gut (lacht).

Warum engagieren Sie sich nicht für den Erhalt von schützenswerter Architektur, wenn Sie Abriss so kritisieren?

Ich bin kein Politiker. Es ist deren Aufgabe, ein stabiles, soziales System zu schaffen. Ich bin Architekt. Meine Aufgabe ist es, Lebensräume zu verstehen. Ein Angebot an alle zu machen und damit einen sozialen Raum zu schaffen. Das kann unter Einbeziehung von vorhandener Architektur geschehen. Ich möchte mich aber nicht abhängig machen von dem Dogma, in jedem Fall erhalten zu müssen. Ich baue nicht, um Klischees zu bedienen.

Trotzdem mischen Sie sich ein und beziehen Stellung, aktuell zu Thema sozialer Wohnungsbau.

In keinem anderen Bereich, nur im sozialen Wohnungsbau, werden architektonische Fortschritte so außen vor gelassen. Die anonymen Wohnbunker in Metropolen weltweit belegen es mehr als anschaulich. Architektur soll den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Unsere vornehmste Aufgabe wird es sein, die Megastädte, in denen jetzt schon über 50 Prozent der Weltbevölkerung lebt, gemeinsam zu gestalten. Repräsentationsbauten von Banken, Museen und der Industrie sind das eine. Das andere ist der Lebensraum für diejenigen, die nicht für viel Geld Villen und Penthäuser bauen lassen können.

Wie funktioniert das System Koolhaas – einerseits Monsterbauten à la CCTV-Tower in China und jetzt die Kritik an Wohnbunkern?

Für uns heißt es: nach den Gegebenheiten agieren. Was ist die Aufgabe des Gebäudes? In welchem Kontext steht es? Das mag einigen zu pragmatisch sein. Aber ich erinnere an mein Buch S, M, L, XL. Der Titel weist doch auf mein Interesse für kleine Lösungen hin. S – für small – ist der erste Buchstabe. Mein Interesse an kleinem ist sehr stark und hat mich nie verlassen.

Sie kümmern sich als Professor in Havard um den Nachwuchs. Wenn man zum Studieren nicht so weit weg möchte: Was empfehlen Sie den Europäern?

Die Architectural Association School of Architecture in London scheint mir bis heute eine der interessantesten Institution in diesem Bereich. Es ist mehr ein Labor als eine Schule. Mich persönlich inspirieren die Fragen der nächsten Generation. Eine Professur bedeutet Lehren und Empfangen. Das kostet mich zwar viel Zeit, aber die nehme ich mir gerne.

Herr Koolhaas, vielen Dank für das Gespräch.


(Portrait: OMA/Dominik Gigler)

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.