Tord Boontje

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Text: Norman Kietzmann


Tord Boontje hat das Ornament neu belebt. Geboren 1968 im niederländischen Enschede studierte er an der Design Academy Eindhoven Industriedesign und machte 1994 seinen Master am Londoner Royal College of Art. 1996 gründete er zusammen mit seiner Frau, der britischen Glaskünstlerin Emma Woffenden, das Studio Tord Boontje in London. Bereits ein Jahr zuvor verlegte das Paar seinen Lebensmittelpunkt von der britischen Hauptstadt in die französische Gemeinde Bourg-Argental in der Region Rhônes-Alpes, wo seit dem Jahr 2006 auch das Designstudio von Tord Boontje seinen offiziellen Sitz bezogen hat. Waren die frühen Arbeiten noch vorzugsweise aus billigen Materialresten hergestellt, wandte sich Boontje um die Jahrtausendwende eben jenen floral verspielten Formen zu, die heute zu seinem unverkennbaren Markenzeichen geworden sind. Vor allem seine Leuchte „Garland“ wurde ein weltweiter Erfolg und brachte seine Designauffassung, aus einfachen Materialien außergewöhnliche und dekorative Formen zu erzeugen, auf den Punkt. Wir trafen Tord Boontje in Mailand und sprachen mit ihm über die Wiederbelebung des Handwerks, florale Schattenspiele und die ethische Komponente des Designs.

Herr Boontje, Gartenmöbel waren das entscheidende Thema der diesjährigen Mailänder Möbelmesse. Woran mag es Ihrer Meinung nach liegen, dass die Hersteller nun mehr und mehr den Garten entdecken?

Ich denke, es hat viel mit unseren veränderten Lebensgewohnheiten zu tun. Vor 30 Jahren gab es eine deutlich formellere Sichtweise auf das Haus, als Küche, Esszimmer und Wohnzimmer noch streng von einander getrennt waren. Das hat sich geändert, da wir nicht mehr so formell leben möchten. Der Garten ist im Grunde eine Fortsetzung des Open-Space, eine Art Wohnzimmer im Freien. Das macht das Leben viel angenehmer.

Auch Sie haben diesmal zwei sehr unterschiedliche Serien für den Garten entwickelt. Bei Ihrem „Shadowy Chair“ und haben Sie sogar auf ethnologische Motive und alte Handwerkskunst gesetzt. Eine Absage an die anonyme „kalte“ Industrieform?

Ich denke, man kann viel mehr Qualität und Wertigkeit aus alten Handwerkstechnologien gewinnen. Es ist auch eine soziale Frage. Wenn man die Stücke in Afrika produzieren lässt, kann man die dortigen Traditionen und Fähigkeiten mit einfließen lassen. Im gleichen Atemzug helfen wir ihren Gemeinschaften dort vor Ort. Das ist eine sehr schöne Idee.

Wo lassen Sie die Möbel produzieren?

Wir produzieren die Stühle zum Beispiel im Senegal. Ihre Metallrahmen sind sehr einfach herzustellen und können dort auch montiert werden. Die Arbeiter flechten dann Nylonbänder in kräftigen Farben um sie herum, die normalerweise für Fischernetze verwendet werden. Es gibt eine enorme Bandbreite an Dingen, die man mit Mustern und Farben noch machen könnte.

Werden die einzelnen Möbel durch die handwerkliche Produktion nicht auch automatisch zu Unikaten?

Ja, definitiv. Denn anders als bei „normalen“ Industrieprodukten macht es keinen Mehraufwand, ob die einzelnen Möbel jeweils individuell gefertigt sind oder nicht. Aber natürlich ist es viel reizvoller, wenn sie alle verschieden voneinander sind.

Wie wichtig ist das Spiel mit Licht und Schatten bei Ihren Entwürfen? Ihr Gartentisch Rain zum Beispiel ist mit floralen Mustern ausgestanzt.

Für diesen Tisch ist das Licht sogar sehr wichtig. Etwas zu entwerfen, dass das Sonnenlicht auch durch den Tisch hindurch lässt, erzeugt eine Außergewöhnliche Stimmung. Aber natürlich sind die kleinen Löcher auch sehr praktisch, da das Regenwasser durch sie hinab fließen kann. In der Sonne bilden sie dagegen florale Schatten auf dem Boden.

Sie haben ja bereits vor vier Jahren Ihr erste Ausstellung für Moroso als opulente Show aus floralen Mustern inszeniert und damit zugleich auch einen neuen Trend losgetreten. Was macht das Dekorative für Sie so interessant?

Das Design war zu diesem Zeitpunkt sehr minimalistisch. Ich habe gemerkt, dass ich damit nicht viel anfangen konnte, da alles kalt auf mich wirkte. Als ich mir dessen wirklich bewusst wurde, hat das mein Interesse an der gesamten Idee von Dekoration geweckt. Im Design der Bauhaus-Tradition war Dekoration nun einmal verboten. Doch natürlich übt alles Verbotene auch eine gewisse Faszination aus. Ich fand es interessant, mir so wunderbare Dinge wie Stickereien anzuschauen, die immer als Hausfrauenarbeit belächelt wurden, und sie anschließend in Möbel zu übersetzen. Wir sind in dieser glatten, banalen und langweilen Welt verloren, dabei müssten wir wieder etwas Warmes und Menschliches einbringen. Florale Formen finden sich nicht nur in den unterschiedlichsten europäischen Kulturen sondern weltweit. Es ist etwas, zu dem Menschen auf der ganzen Welt Zugang haben.

Dekoration also als universelle Sprache?

Ja, denn wenn man die unterschiedlichen dekorativen Elemente sieht, fängt man automatisch an sich über Geschichten oder alte Märchenfilme Gedanken zu machen. Es ruft bei allen Erinnerungen hervor. Einer meiner Lampenschirme zum Beispiel erinnert an eine Szene aus dem Film „Rebecca“ von Alfred Hitchcock, in der ein wunderschöner Schatten durch das Fenster an die Schlafzimmerwand fällt. Das hat etwas kühl Romantisches aber ebenso auch leicht Beunruhigendes.

Ihre Garland -Lampe für Habitat vereint das Dekorative zugleich mit einer technischen Komponente.

Mit dieser Leuchte wollte ich zeigen, wie man die florale Tradition der Dekoration mit einer sehr hochentwickelten Produktionstechnik umsetzen kann. Es bricht komplett mit der Gegenwart und hat dabei auch nichts Nostalgisches an sich. Ich bin an der Vergangenheit interessiert, aber nicht daran, eine traditionelle Umgebung zu schaffen. Ich möchte vorwärts in Richtung Zukunft gehen. So hat die Dekoration bei mir auch immer eine ganz praktische Funktion. Bei „Garland“ zum Beispiel lassen sich die einzelnen Blumenmotive nicht einfach wegnehmen, da die Blumen selbst der Lampenschirm und somit funktional bedingt sind. Sie sind ein und dasselbe und keine aufgesetzte Dekoration.

Interessant ist sicher auch der Aspekt, aus einem einfachen Material etwas Besonderes zu schaffen.

Ja, man muss nicht immer mit teuren Materialien arbeiten, um etwas Schönes zu kreieren. Man kann auch sehr einfache und billige Materialien verwenden. Bei Garland ist es nichts weiter als reiner Stahl. Indem er geschnitten, gefaltet und in die richtige Form gebracht wird, bekommt er plötzlich ein emotionales Moment. Natürlich ist auch das interaktive Moment interessant, da man den Lampenschirm mit anderen Dingen kombinieren und um sie herum wickeln kann.

Der Erfolg von „Garland“ mag sicher auch mit seinem günstigen Preis zusammenhängen. Wie wichtig ist dieser demokratische Zugang für das Design?

Ich glaube, dass Industriedesign prinzipiell eine sehr demokratische Aktivität sein sollte – wie bei den frühen Modernisten um Le Corbusier. Sie dachten wirklich an eine demokratische Herangehensweise. Doch die Dinge zu erschwinglichen Preisen herzustellen, bedeutet unglücklicherweise auch, dass die Menschen alles immer billiger und billiger haben wollen. Wir erwarten, nicht mehr als drei Euro für ein T-Shirt bezahlen zu müssen. Oder 15 Euro für einen Ikea-Tisch. Gerade in der Mode verlagern die Unternehmen ihre Fabriken nun sogar von China oder Afrika aus, wo es überhaupt keine Kontrolle mehr über die Arbeitsbedingungen gibt. Die Produkte werden unter sklavenähnlichen Bedingungen hergestellt, die absolut unethisch sind. Wenn man also ein T-Shirt für drei Euro kauft, muss man sich im Klaren darüber sein, dass man dieses System unterstützt.

Die Kunden sollten also mit mehr Verantwortung wählen?

Ja, ich halte viel von einer humanistischen Haltung im Design. Es ist eine politische Idee und das ist etwas sehr Wichtiges. Doch die überhöhten Preiserwartungen sind wirklich ein großes Problem. Bei unseren Stühlen aus Senegal haben wir gemerkt wie schön es sein kann, eine Gemeinschaft in Afrika zu unterstützen und nicht sie auszubeuten. Es ist wie mit dem Essen. Wenn man sehr gut essen möchte, kauft man frisches Gemüse und Fleisch vom Biobauern und genießt es umso mehr, weil man weiß, woher es kommt. Ich denke auf dieselbe Weise, wenn ich auf Möbel und Produkte schaue.

Also Schluss mit der Preisspirale nach unten?

Ja, zumal das, was auf den ersten Blick günstig erscheint, auf Dauer sogar teurer sein kann. Bei unseren Gartenmöbeln „Rain“ haben wir zum Beispiel einen besonderen Lack verwendet, der es ermöglicht, die Stühle direkt neben den Pool zu stellen oder mit an den Strand zu nehmen, wo die Luft deutlich korrosiver ist. Wir könnten den Stuhl mit einem billigen Lack auch deutlich günstiger machen, doch dafür würde er nach zwei Jahren auseinanderbrechen. Es geht darum, den Dingen eine bestimmte Qualität zu geben und sie wirklich gut zu machen. Das ist es, was mich interessiert.

Vielen Dank für das Gespräch.
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