Patrick Nadeau

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Text: Norman Kietzmann


Patrick Nadeau macht Pflanzen zum Designobjekt. Geboren 1955 in La Rochelle, eröffnet er nach seinem Architekturstudium an der Ecole d‘Architecture Paris Villemin und sowie einem Post-Graduate-Studium in Industriedesign zusammen mit Christian Ghion 1990 das Designbüro „Ghion-Nadeau“. Als er 1996 zu einer Ausstellung in der Villa Kujoyama nach Kyoto eingeladen wird, beginnt er sich mit zeitgenössischer Gartengestaltung auseinanderzusetzen. Mit seinem eigenen Designbüro, das er 1997 in Paris gründet, entwickelt er seitdem botanische Installationen für Kunden wie Boffi, Hermès, Louis Vuitton bis hin zu Wohnkonzepten für den Immobilienriesen HLM, der den Großteil der Sozialwohnungen in Frankreich verwaltet. Er unterrichtet an der Ecole Camondo in Paris sowie der Ecole des Arts Décoratifs (ESAD) in Reims, wo er einen Lehrstuhl für botanisches Design innehat. Wir trafen Patrick Nadeau bei Boffi Köln und sprachen mit ihm über schwebende Gärten, mobile Gewächshäuser und animalische Pflanzkübel.



Monsieur Nadeau, Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Architektur, Design und Botanik. Wie erklären Sie jemandem, was Sie machen?

Das ist am Anfang immer ein wenig kompliziert. Wenn ich sage, dass ich ein Architekt bin, der mit Pflanzen arbeitet, werde ich sofort für einen Landschaftsplaner oder Gärtner gehalten. Aber wenn ich dann meine Arbeiten zeige, ändert sich das. Ich benutze Pflanzen als ein architektonisches Material, forme aus ihnen Räume oder kombiniere sie mit Objekten. Dabei ist es mir wichtig, keine additiven Lösungen zu schaffen, sondern die Planzen in ihre Umgebung zu integrieren.

Wie sind Sie mit dem Thema in Berührung gekommen? Der Umgang mit Pflanzen steht schließlich nicht auf den Lehrplänen der klassischen Architekturausbildung.

Es hat sicher etwas damit zu tun, dass meine Eltern in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Als ich 1996 für eine Ausstellung in Japan war, hat mich der traditionelle Baustil und dessen Einheit aus Architektur, Interieur und Garten fasziniert. Seitdem suche ich nach Lösungen, dieses Zusammenspiel auf heutige Maßstäbe zu übertragen. Wir verfügen schließlich mittlerweile über ganz andere Möglichkeiten als beispielsweise noch in den 1960er Jahren. Damals gab es nur simple Pflanzenschalen mit kleinen Wasserreservoirs, die später lediglich um automatische Bewässerungsanlagen ergänzt wurden. Heute sind wir in der Lage, Pflanzen auf viel subtilere Weise in die Architektur zu integrieren, ob an den Wänden, der Decke oder durch frei im Raum platzierte Objekte. Die Lösungen sind damit ungleich komplexer geworden.

Mit seinen „murs végétals“ gehört der Botaniker Patrick Blanc zu den Vorreitern der Verflechtung aus Natur und Architektur. Was verbindet ihre Arbeiten und worin unterscheiden sie sich?

Ich gestalte keine Fassaden, sondern arbeite mit Pflanzen im Raum. Sehr oft entwerfe ich auch die Gefäße, in denen die Planzen zum Einsatz kommen. Patrick Blanc setzt verstärkt auf tropische Pflanzen, die sehr viel Wasser und Wärme brauchen. Ich versuche vor allem mit Arten zuarbeiten, die möglichst wenig Aufwand und damit auch keine komplexe Technik benötigen. Pflanzen, die an das europäische Klima angepasst sind. Sie sind vielleicht weniger spektakulär als ihre tropischen Pendants, doch dafür verbinde ich sie mit einem Design, das diese Rolle übernimmt.

Wie kann man sich dieses Zusammenspiel vorstellen? 

Indem sich die Pflanzen und ihre Gefäße ergänzen, eine Einheit bilden. Dies kann durch die Form der Gefäße geschehen oder auch durch Materialien, die in diesem Kontext vielleicht unüblich sind. Für ein Projekt mit Louis Vuitton habe ich beispielsweise eine Pflanzschale aus Leder entworfen. In ihrem Inneren befindet sich eine Kunststoffhülle, die das Wasser auffängt. Doch von außen entsteht ein ungewöhnlicher Effekt, da tierische und pflanzliche Natur miteinander kombiniert werden. Sie funktionieren sehr gut zusammen.

Ihre Installation „Rainforest“, die Sie für Boffi entwickelt haben, zeigt sich als ein „schwebender Garten“ und wurde nach ersten Stationen in Paris, London und Mailand nun auch während der Kölner Möbelmesse 2010 gezeigt. Können Sie beschreiben, worum es dabei ging?


Ich wollte eine Umgebung schaffen, die nicht nur rein visuell wirkt. Die Planzen hängen sehr tief und man muss sie berühren, um sich den Weg unter ihnen hindurch zu bahnen. Sie sind auf diese Weise sehr atmosphärisch und sinnlich. Die Möbel von Boffi besitzen für mich etwas sehr Mineralisches, das sehr klar und massiv erscheint. Beinahe wie Steine. Meine Installation spielt dagegen mit Höhe, Leichtigkeit und Luft. Sie verändert den Raumeindruck enorm.

Bestimmend ist hierbei vor allem das Filigrane der herabhängenden Triebe. Welche Pflanzenart haben Sie hierfür verwendet?


Man nennt sie Louisianamoos. Die wissenschaftliche Bezeichnung lautet „Tillandsia Usneoides“. Das Moos wächst normalerweise in Südamerika auf Ästen und besitzt keine Wurzeln. Es nimmt das Wasser direkt über seine Oberfläche auf, die von winzigen Saugschuppen übersät ist. In der Natur kommen die Triebe stets in dichten Bündeln vor, da sie die Feuchtigkeit auf diese Weise noch besser aufnehmen können. Wir haben die einzelnen Stränge vorsichtig auseinander genommen und auf halbkugelförmige Gestelle aus weißem Corian gesetzt. Von Zeit zu Zeit brauchen sie lediglich mit einem Wasserzerstäuber besprüht werden. Das ist alles. In Paris haben die Planzen nach einiger Zeit sogar kleine Blüten ausgetrieben. Dieser Aspekt des Veränderlichen ist sehr reizvoll im Kontext der Architektur.

Wie haben Sie sich Ihr Wissen über Pflanzen angeeignet?

Als Autodidakt. Am Anfang habe ich von Pflanzen nicht sehr viel gewusst. Inzwischen kenne ich sie schon besser, aber ich bin noch lange kein Botaniker. Das Wissen, das ich mir in den letzten zehn Jahren erarbeitet habe, ist eine sehr langfristige Investition. Man kann es nicht auf einmal erlernen. Es braucht sehr viel Geduld.

Ihre Erfahrungen geben Sie derweil auch an die jüngere Generation weiter. An der Ecole des Arts Décoratifs in Reims unterhalten Sie sogar einen eigens für Sie eingerichteten Lehrstuhl für botanisches Design.


Ja, wir entwickeln dort einerseits Installationen, bei denen Pflanzen in Räumen zum Einsatz kommen. Auf der anderen Seite nutzen wir Pflanzen, um aus ihnen allgemeine Grundlagen für die Gestaltung zu gewinnen. Wir schauen uns ihre Formen an, ihre plastische Wirkung und wie sie in der Natur überleben. Für mich liegt darin auch eine Weiterentwicklung meiner eigenen Arbeit: Am Anfang habe ich Pflanzen stets als Material für die Architektur benutzt. Im Moment nutzen wir sie zunehmend als Modell, um über neue Materialien und Konstruktionen im Design und in der Architektur nachzudenken. Die Untersuchungen von Pflanzen dienen als eine Methode der Konzeption.

Wie eine Symbiose aus technisch-konstruktivem Designobjekt und einer gezielt eingesetzten Vegetation aussehen kann, haben Sie mit Ihrem „meuble-jardin“ für Hermès gezeigt. Konzipiert als eine Architektur im Kleinen, lässt sich der Garten je nach Jahreszeit öffnen und wieder verschließen.

Die Idee war es, einen modularen Garten zu erzeugen. Im Winter bleibt er verschlossen wie ein kompaktes Möbel. Im Frühling öffnen sich die Außenseiten und der Garten wird installiert. Dabei stehen kleine Gewächshäuser, Folien, Spaliere, Vordächer und Sonnensegel zur Auswahl, mit denen der Garten konfiguriert werden kann. Er ist eine Symbiose aus Gebäude und Vegetation. Oder eine Art mobile Orangerie, die sich leicht von einem Ort zum nächsten transportieren lässt. Wir haben den Prototypen auf weiteren Ausstellungen gezeigt, darunter auch auf dem Dach der Hermès-Zentrale in Tokio. Vor allem im urbanen Kontext war diese Arbeit sehr spannend.

Präsentiert wurde der mobile Garten 1999 auf dem Festival des Jardins in Chaumont-sur-Loire. Inwieweit hat sich die Wahrnehmung von Gärten durch dieses Festival verändert?
 
Sehr sogar. Ich denke, dass das Festival enorm geholfen hat, den Garten gegenüber anderen Disziplinen zu öffnen. Der frühere Direktor und Gründer des Festivals, Jean-Paul Piaget, hat von Anfang an Architekten, Designer, Künstler und Schriftsteller eingeladen und das Thema Gartengestaltung auf diese Weise neu belebt. In Frankreich haben die Entwürfe von Chaumont inzwischen auch das Bild vieler Städte und Gemeinden verändert, da sich die Zuständigen für die öffentlichen Grünanlagen dort neue Ideen geholt haben. Die Bereitschaft ist spürbar gewachsen, andere Wege auszuprobieren. Das merke ich auch bei der Resonanz auf meine Arbeit.

Als Experte in punkto Gartengestaltung werden Sie mittlerweile auch von vielen Städten in beratender Funktion hinzugezogen. Welcher Garten hat Sie bisher am meisten beeindruckt?

Ich glaube, es ist der Garten der Fondation Cartier in Paris. Er liegt zwischen dem Museum und seinen vorgelagerten Glasfassaden. Er ist zunächst sehr unscheinbar und wirkt beinahe, als wäre er wild gewachsen. Das Zusammenspiel mit der Architektur ist ideal, da die Höhe des Bodens im Inneren des Gebäudes genau mit der Höhe der Pflanzen abschließt. Der Garten und das Gebäude werden dadurch eins. Das hat mich unglaublich fasziniert. Mit meiner Arbeit möchte ich die Architektur auf ähnliche Weise mit der Natur verbinden. Wenn Fassaden zu leben beginnen, gewinnen auch die Gebäude an Dynamik. Sie sind in der Lage, sich mit den Jahreszeiten zu verändern und lassen sich auf diese Weise immer wieder neu betrachten. Sie werden ein Stück menschlicher.

Vielen Dank für das Gespräch.

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