Kengo Kuma

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Text: Norman Kietzmann


Kengo Kuma lässt die Grenzen seiner Gebäude verschwimmen. Geboren 1954 in der japanischen Präfektur Kanagawa, studiert er an der Universität von Tokio Architektur. Nach seinem Abschluss 1979 nimmt er am Post Graduate Studiengang der Columbia University in New York teil und gründet 1987 das Spatial Design Studio, sowie 1990 sein bis heute bestehendes Architekturbüro Kengo Kuma & Associates in Tokio. Bekanntheit erregt er ab Mitte der neunziger Jahre vor allem mit seinen puristischen Wohnbauten, mit denen er wie beim Water/Glass House (1995) oder beim Lotus House (2005) den Innenraum der Gebäude mit ihrer Umgebung verschmelzen lässt. Mit seinem 2007 eröffneten Teehaus im Garten des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst realisiert Kengo Kuma sein erstes Gebäude in Deutschland und überrascht mit einer weichen Hülle aus transluzentem Kunststoff. Wir trafen Kengo Kuma in Mailand und sprachen mit ihm über schwebend leichte Materialien, die Spuren Bruno Tauts und Inspiration in heißen Quellen.


Herr Kuma, Sie zählen zu den derzeit bekanntesten japanischen Architekten und haben sich vor allem durch Ihren Umgang mit leichten Materialien einen Namen gemacht. Die Grenzen zwischen innen und außen lassen Sie bei Ihren Gebäuden immer wieder verschwimmen. Warum?



Was innen ist und was außen, ist immer eine Frage der Definition. Manchmal kann innen außen sein und außen innen. Beide stehen in einem umkehrbaren wie untrennbaren Verhältnis zueinander. Ein wenig wie bei Yin und Yang. Das Interessante dabei ist, dass sich diese Gegensätze nicht bekämpfen, sondern in einem Ausgleich zueinander stehen. Die Grenze zwischen ihnen verläuft fließend. Diesen Grundsatz versuche ich auch mit meinen Gebäuden umzusetzen, indem ich ihnen stets leicht unscharfe Fassaden gebe.

Was Sie beim Frankfurter Teehaus durch den Einsatz weicher Membranen aus Textil umgesetzt haben. Liegt darin nicht auch eine Befreiung von den bisherigen Zwängen des Bauens?

Die Architektur des 20. Jahrhunderts hat ihre Form durch den Umgang mit Beton gefunden und dabei auch spannende Lösungen hervorgebracht. Aber ich denke im 21. Jahrhundert sollten wir uns stärker in Richtung weicher Materialien bewegen. Schon Frank Lloyd Wright hatte seinerzeit eine organische Architektur vorgeschlagen, doch wurde er durch die Technologien des 20. Jahrhundert begrenzt. Uns steht mittlerweile eine weitaus größere Auswahl an Material zur Verfügung, durch die sich auch die physische Definition von Architektur verändert.

Können Sie das ein wenig genauer erklären?

Durch den Einsatz leichterer Materialien beginnt sich die klare Grenze von Gebäuden aufzulösen. Sie werden veränderlich und beginnen auf äußere Faktoren wie Wind oder das Sonnenlicht stärker zu reagieren. Für eine Installation während der Mailänder Möbelmesse haben wir zum Beispiel einen Vorhang aus einem extrem leichten Textil verwendet. Dieser Super-Organza ist der leichteste Stoff der Welt und wiegt mit fünf Gramm pro Quadratmeter nur ein Zehntel eines normalen Organza-Stoffes. Die Fragilität und Leichtigkeit, die ein Vorhang aus diesem Stoff besitzt, ist unglaublich faszinierend. Es wäre schön, wenn eines Tages jede Wand auf diese Weise funktionieren würde.

Einen fließenden Übergang zwischen der Fassade eines Hauses und der umliegenden Vegetation haben Sie bei Ihrem Lotus House gezeigt. Dessen Wände bestehen aus schachbrettartig versetzten Paneelen, die als halbdurchlässiger Schirm den Blick auf die dahinter liegende Natur freigeben. 


Wenn Räume durch eine statische Wand voneinander getrennt werden, können sie nicht miteinander kommunizieren. Ich mag es daher, offene und geschlossene Flächen nebeneinander zu stellen. Durch diese gleichzeitige Wahrnehmung von Materialität und Immaterialität überlagert sich ein Gebäude mit der Natur, die es umgibt. Dieser Aspekt ist sehr wichtig: Wenn es gelingt, einen kontinuierlichen Übergang zwischen einem Gebäude und seiner Umgebung herzustellen, haben wir etwas richtig gemacht. Die Qualität von Architektur entsteht für mich immer erst durch dieses Zusammenspiel.

Ihr Water/Glass House (1995) im japanischen Atami liest sich dabei wie ein gestalterisches Manifest: Durch den Einsatz künstlicher Wasserbecken haben Sie den Wohnraum und einen von Glasflächen umschlossenen Tisch optisch fast nahtlos in den dahinter liegenden Ozean übergehen lassen. Wie entstand die Idee zu diesem Entwurf, der seitdem weltweit immer wieder kopiert wurde?

Die Geschichte ist sehr eng verbunden mit dem deutschen Architekten Bruno Taut. Das Water/Glass House befindet sich direkt neben einem kleinen Haus, das dieser 1936 an demselben Ort errichtet hat. Taut kam 1933 zum ersten Mal nach Japan und war beeindruckt von den Gärten und ihrer Verbindung zur traditionellen Architektur. Für ihn war die japanische Architektur vor allem eine Architektur der Beziehung. Das Haus, das er daraufhin in Atami entwarf, platzierte er so an einem Hang, dass das Meer von allen Räumen aus zu sehen war. Er holte das Meer also in das Gebäude hinein. Ich wollte eine ähnliche Wirkung erreichen durch den Einsatz von Wasser. Es dient als eine reflektierende Fläche, die in das Meer übergeht und gleichzeitig auch mein Gebäude spiegelt. Ich habe das von Bruno Taut gelernt. (lacht)

Sie haben einmal gesagt, dass sich der Großteil Ihrer Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Wasser befindet und Sie ihre Aufträge wohl unbewusst nur aus diesem Grund ausgesucht haben. Warum spielt Wasser eine so wichtige Rolle für Sie?

Das Faszinierende an Wasser ist, dass es wie ein Sensor auf seine Umgebung reagiert. Es reflektiert die Wolken und das Sonnenlicht. Es zeigt an, ob der Wind weht und aus welcher Richtung er kommt. Ob es trocken ist oder gerade regnet. Es verändert sich ständig – je nachdem, wie sich seine Umgebung verändert. Wasser ist aus diesem Grund das ideale Material für mich. Denn eine Wand aus Beton bleibt immer so, wie sie ist. Aber Wasser ist flexibel und weich. Es hat etwas Lebendiges. Vor allem in der Architektur können wir davon noch sehr viel lernen.

Woher kommt eigentlich Ihr ausgeprägtes Interesse an Materialien?

Weil ich mich nicht auf ein einziges Material festlegen möchte. Für manche Architekten ist es durchaus in Ordnung, lediglich mit einem einzigen Material zu arbeiten. Ich bin jedoch offen für alle Arten von Materialien. Vor allem lokale Rohstoffe wie Stein oder Holz verwende ich sehr gerne, weil sich die Kontinuität zwischen einem Gebäude und seiner Umgebung auf diese Weise noch besser umsetzen lässt. Materialien sind dabei weit mehr als reine Materie. Sie verfügen über eine eigene Geschichte und ganz bestimmte Traditionen, die von Region zu Region stark abweichen können. Ich möchte dieses Wissen der lokalen Handwerkskunst ebenfalls in meine Gebäude integrieren, weil sie dadurch umso stärker mit dem Ort verbunden sind. Architektur entsteht niemals isoliert, sondern immer durch eine Vielzahl an Verbindungen.

Bedeutet dies nicht aber auch, das sich Gebäude gegenüber ihrer Umgebung zugleich zurücknehmen sollten, anstatt sie zu dominieren?


Ja, meine ideale Vorstellung von Architektur ist die von einem lebendigen Wesen. So wie eine Pflanze, die einen bestimmten Lebensraum für sich erobert hat. Die Natur beeinflusst, wie sich diese Pflanze entwickelt, wie hoch sie wächst und wie viel Raum sie für sich beanspruchen kann. Darum besitzt jede von ihnen eine andere Form, Farbe und einen anderen Charakter. Ich möchte in meiner Arbeit genau dasselbe erreichen. Meine Gebäude sollen den menschlichen Maßstab und den gegenüber ihrer Umgebung nicht verlieren.

Was bedeutet für Sie Schönheit?

Sie ist die Harmonie, die einen Ort bestimmt. Sie kann nicht erst im Nachhinein geschaffen werden, sondern ist an einem Ort vorhanden oder nicht. Sie ist das Zusammenspiel von vielen unterschiedlichen Faktoren und niemals künstlich. Schönheit ist immer eine Frage der Natur.

Mit Ihrem Tokioter Büro, mit dem Sie ebenfalls einen Standort in Paris unterhalten, nehmen Sie sich immer wieder Zeit für auffallend kleine Projekte und Installationen. Warum?

Weil beide Dimensionen notwendig sind. Vor allem bei unseren kleineren Projekten versuche ich immer mit möglichst neuen Materialien zu arbeiten, um daraus für andere Projekte zu lernen. Das Teehaus in Frankfurt bestand aus einem einzelnen großen Ballon aus besonders leichtem und widerstandsfähigem ETFE-Gewebe. In einer Shanghaier Galerie zeigen wir im August eine Arbeit aus mehreren, kleinen Volumen, die miteinander verbunden sind – wie eine Art begehbarer Spielplatz. Ohne einen solchen Input können manch größere Projekte schnell langweilig werden. (lacht)

Stimmt es eigentlich, dass Sie auf viele Ihrer Ideen kommen, indem Sie ein Bad in einer heißen Quelle nehmen?

Ja, ich mag heiße Quellen wirklich sehr. Denn das Wasser kommt direkt aus dem Boden und ist auf ganz natürliche Weise warm. Ich kann auf diese Weise eine direkte Verbindung zwischen der Erde und meinem Körper fühlen. Das bringt mich ganz automatisch auf neue Gedanken. Heiße Quellen sind für meine Arbeit tatsächlich essentiell.

Vielen Dank für das Gespräch.

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