Neuland Industriedesign

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Text: Norman Kietzmann


Eva Paster und Michael Geldmacher lassen Trampelpfade links liegen. Mit ihrem Münchner Büro Neuland Industriedesign suchen sie stattdessen nach Themen außerhalb des üblichen Designparcours' und schrecken auch vor hoffnungslosen Fällen nicht zurück. Hatten sie mit ihrem Regalsystem Random die Bücherwand in rhythmische Unruhe versetzt, vermochten sie mit ihrem Kastenmöbel Reef die totgeglaubte Schrankwand wieder zu beleben. Kennengelernt haben sich Eva Paster (*1971) und Michael Geldmacher (*1968) während des gemeinsamen Industriedesign-Studiums an der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften in München. Inzwischen entwerfen sie für renommierte Hersteller wie Interlübke, Kristalia, MDF Italia, Magazin oder Nils Holger Moormann. Lag die Ausrichtung ihres 1999 gegründeten Büros auf klassischem Industriedesign wie Medizintechnik, Spielwaren und Kosmetikprodukten, wandten sie sich 2005 dem Möbeldesign zu. Wir trafen Eva Paster und Michael Geldmacher in Mailand und sprachen mit ihnen über emotionale Kleiderschränke, deutsche Schlafzimmer und das Leben mit Flohmarktmöbeln.



Eva Paster und Michael Geldmacher, seit 1999 arbeiten Sie zusammen unter dem Namen Neuland Industriedesign. Als eines der wenigen deutschen Büros sind Sie nicht nur für heimische Hersteller, sondern ebenso selbstverständlich für Firmen in Italien tätig. Wie kam es zum Sprung über die Alpen?

Michael Geldmacher: Unser Büro ist in München. Da sind wir natürlich räumlich, aber auch von der Mentalität sehr viel näher dran. Zu vielen unserer deutschen Kunden brauchen wir mit dem Auto meist länger als nach Mailand. In Italien sind wir über unser erstes Möbelprojekt bekannt geworden: das Bett Kengo, das wir 2001 für Interlübke entworfen haben. Leider war es mit seiner minimalistischen Formensprache der Zeit ein wenig voraus, um auch ein Markterfolg zu werden. Dennoch hat uns der Entwurf in unserer Wahrnehmung sehr geholfen. Als Interlübke das Bett auf der Mailänder Möbelmesse ausstellte, sind die Italiener mit großen Augen herumgelaufen. Das hat uns viele Türen geöffnet.

Das Regal Random, das Sie 2005 für MDF Italia entworfen haben, markiert zugleich die Neuausrichtung Ihres Büros vom Industrie- zum Möbeldesign. Worin liegt die Besonderheit dieses Entwurfs, für den Sie 2007 eine Nominierung für den italienischen Design-Oscar Compasso d‘oro erhalten haben?

Michael Geldmacher: Wir haben festgestellt, dass die Präsentation von Büchern überhaupt nicht ihren jeweiligen Werten entspricht. Sie werden wie Soldaten in eine Reihe gestellt und von ihrer physikalischen wie emotionalen Dimensionierung gleich behandelt. Dabei gibt es wichtige Bücher, Lieblingsbücher, blöde Bücher, peinliche Bücher, Kochbücher – was auch immer. Unser Ansatz war, jedem Buch seinen eigenen und seiner Bedeutung angemessenen Platz zu geben. Aus dieser Idee entstand dann die erste Skizze. Darin liegt auch bis heute unsere Arbeitsweise: Wir entwickeln ein Projekt von innen heraus und suchen uns dann einen Hersteller. Meistens haben wir aber schon beim Entwerfen eine Firma im Blick.

Sie lassen sich also kein Briefing geben, sondern gehen mit Ihren Ideen eigenständig in Vorarbeit?

Eva Paster: Im Möbelbereich passiert es eher selten, dass wir als Designer ein konkretes Briefing erhalten – ganz anders als im klassischen Industriedesign. Meistens gehen wir mit Renderings oder Zeichnungen auf die Hersteller zu. Aber wenn wir von einem Entwurf sehr überzeugt sind, fertigen wir manchmal gleich einen Prototypen im Maßstab eins zu eins an. Die Chancen, ein Projekt zu gewinnen, stehen natürlich viel besser, wenn man ein Produkt sehen und anfassen kann. Auch müssen wir uns manchmal selbst erst sicher werden, ob etwas so funktioniert, wie wir es uns ausgedacht haben. Vor allem, wenn ein Entwurf ein statisches Problem beinhaltet.

Michael Geldmacher: Wir haben eine Werkstatt in der Nähe unseres Studios im Keller eines befreundeten Schreiners gemietet, wo wir auch größere Modelle anfertigen können. Unser Studio selbst ist wahnsinnig klein. Wenn wir mit einer Firma zusammenarbeiten, werden die weiteren Modelle und Prototypen von dieser übernommen. Aber die ersten Schritte geschehen immer bei uns. Sie sind der spannendste Teil der Arbeit.

Ein weiterer Entwurf, mit dem Sie international für Aufmerksamkeit gesorgt haben, ist das Regal Reef für Interlübke. Anstatt einer planen Fläche haben Sie die Schranktüren als komplexes, dreidimensionales Relief geformt. Was war die Idee für diesen Entwurf?

Eva Paster: Wir kennen das von Schrankwänden unserer Eltern: Man kommt in eine Wohnung und sieht dort diese erschlagende, riesige einheitliche Fläche. Da bekommt man sofort das Gefühl, dass sich für die nächsten vierzig Jahre nichts mehr verändern darf. Das entspricht weder unserem eigenen Lebensstil noch dem unserer Generation. Der zweite Ansatz war, dass nicht alle Kleidungsstücke denselben Platz brauchen. Dennoch sind Kleiderschränke immer einheitlich, sodass man erst alle Türen öffnen muss, um einen Mantel oder eine Hose zu finden. Wenn die Kuben unterschiedlich dimensioniert und gestaltet sind, ist es viel leichter, sich zu merken, was wo hängt. Auch emotional ist die Verbindung viel direkter, weil man weiß: Der lange, dünne Schrank ist für die Sakkos vorgesehen.

Aufbewahrungsmöbel stehen immer ein wenig im Schatten von Sitzmöbeln, Leuchten oder Tischen, die als Akteure frei im Raum agieren. Warum stehen Kastenmöbel trotzdem im Zentrum Ihrer Arbeit?

Eva Paster: Wir sind immer auf der Suche nach Dingen, die ein wenig stecken geblieben sind. Schon in der Schule habe ich mir bei Aufsätzen immer überlegt, welches der angebotenen Themen wohl keiner machen würde. Ich dachte mir: Wenn man keinen Konkurrenten hat, wird man vielleicht besser bewertet (lacht).

Michael Geldmacher: Auf dem Gebiet der Schrankwände hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas getan. Entwicklungen finden oft nur an der Oberfläche statt, die mal mit Tigerfell, mal mit Spiegeln oder was auch immer verkleidet wird. Für uns war klar: Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir auch physisch aktiv werden und die plane Oberfläche durchbrechen. So entstand die Idee zu diesem Wechselspiel aus Licht und Schatten. Auch die Innenraumgestaltung ist anders als das, was man kennt. Die gesamten Krawattenhalter, Kleiderbügel und textilen Schubfächer wurden von uns entwickelt.

Würden Sie sagen, dass die reliefartige Oberfläche eher in großen oder in kleinen Räumen zur Geltung kommt?

Eva Paster: Viele Leute meinten, dass das System nur im großen Raum wirke. Dabei ist es genau umgekehrt. Gerade im kleinen Raum sieht es sehr gut aus. Das war uns auch sehr wichtig beim Entwerfen: In einem großen Raum sieht schließlich jeder Entwurf gut aus.

Michael Geldmacher: Ich denke, darin liegt ein allgemeines Problem: Sowohl die Zeitschriften als auch die Kataloge vieler Hersteller zeigen Interieurs, die es praktisch nicht gibt. Das Wohnen wird schließlich immer noch durch die Architektur dominiert. In Deutschland gibt es das vier mal drei Meter große Schlafzimmer, wo üblicherweise auch noch der Kleiderschrank hinein muss. Entlang der Wand ist eine Tiefe von sechzig Zentimetern vorgesehen, die von der Schrankwand komplett gefüllt wird, während das Bett mit der Kopfseite an der gegenüber liegenden Wand steht. Das ist die Realität, mit der die meisten leben müssen.

Wie wohnen Sie beide? In München ist erschwinglicher Wohnraum ja kaum noch zu finden.

Eva Paster: Wir bekommen immer einen Lachkrampf, wenn wir gefragt werden, ob wir nicht ein Designerportrait bei uns zuhause machen wollen. Meine Wohnung ist 58 Quadratmeter groß, die von Michael etwas kleiner mit ungefähr 50 Quadratmetern. München ist einfach unglaublich teuer. Viele denken immer, dass wir auf Hunderten von Quadratmetern residieren (lacht). Ich selbst habe fast nur Flohmarkt-Möbel, da manche unserer eigenen Produkte bei mir nicht passen würden. Andere Produkte dagegen kann ich mir nicht leisten. Außerdem muss ich die Einrichtung immer mit meinem Freund ausdiskutieren. Dass ein Random-Regal in die Wohnung kommt, hat er nun aber akzeptiert. Alles andere muss noch warten (lacht).

Michael Geldmacher: Ich habe das Random-Regal und einen Elephant Chair zuhause. Und dann ein Ikea-Sofa, das ich mir von Eva geliehen habe. Ansonsten sind alle Möbel entweder Antiquitäten oder ich habe die Prototypen selber entworfen und in der Werkstatt gebaut. Ein paar Jacobsen-Stühle gibt es auch noch. Allerdings habe ich die geschenkt bekommen. Der überwiegende Teil ist aber selbst gemacht.

Sie scheinen sich im Möbelbereich zuhause zu fühlen. Reizt es Sie dennoch nicht, wieder ein klassisches Industrieprodukt zu entwickeln?

Eva Paster: Ich bin eigentlich froh, dass wir das nicht müssen. Die Herangehensweise ist schon sehr viel rationaler. In der Medizintechnik gibt es oft nur einen Spielraum von drei Millimetern, um etwas Neues zu gestalten. Wir haben zum Beispiel medizinische OP-Betten entwickelt. Da ging es darum, dass der Arzt möglichst wenig Abstand zum Patienten hat, um gut operieren zu können. Auch sollte das Bett möglichst wenig wackeln und gut zu reinigen sein. Das ist eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Aber es macht auch weniger Spaß.

Michael Geldmacher: Vor allem mit Elektro- oder Haushaltsgeräten kann man mich jagen. Das Zeug ist für mich seelenlos. Wenn ich mir ein normales Siemens-Telefon anschaue, ist das für mich kein Design. Jedes Jahr kommt etwas anderes auf den Markt, und Siemens bekommt dafür auch noch irgendwelche Designpreise, obwohl sich seit zwanzig Jahren nichts verändert hat. Wenn man dort mit einem radikalen Konzept angreifen möchte, geht das gar nicht.

Wie steht es mit Fahrzeugen?

Eva Paster: Ein Auto würde ich gerne entwerfen. Und zwar, weil ich überhaupt kein Automobildesigner bin. Die meisten Fahrzeuge sehen heute alle gleich aus. Dabei wäre es spannend, ein Auto zu entwickeln, das nicht ganz so „designt“ ist.

Michael Geldmacher: Das ist ein Punkt, über den wir neulich lange diskutiert haben. Es gibt immer zwei verschiedene Arten von Innovation. Die echte Innovation auf der einen und Scheininnovation auf der anderen Seite. Scheininnovation ist eine Innovation nach innen. Sie tut nichts anderes, als den Grad an Komplexität zu erhöhen und noch mehr Spielereien einzubringen. Ein Auto ist ein blendendes Beispiel dafür. Seit der Erfindung des Otto-Motors hat sich im Autobereich an soziokultureller Innovation nichts getan. Echte Innovation besitzt immer eine soziokulturelle, spirtuelle oder emotionale Dimension. Wenn sie diese nicht erfüllt, handelt es sich um Scheininnovation.

Also ist die Industrie ein hoffnungsloser Fall?

Michael Geldmacher: Um ein wirklich neues Konzept umzusetzen, braucht es einen Unternehmer, der Mut und Geld hat. Ein großes Problem in Deutschland ist, dass es keine Kultur des Scheiterns gibt wie in den angelsächsischen Ländern. Wenn ein Produkt floppt, wird es einem negativ angerechnet und nicht als positive Erfahrung, wie man etwas beim nächsten Mal besser machen kann. Das ist auch der Grund, warum in der Gestaltung derzeit wenig passiert. Niemand möchte etwas riskieren.

Eva Paster: Ein Bereich, in den wir jetzt zum ersten Mal die Finger ausgestreckt haben, ist die Tischkultur. Da gibt es viele spannende Dinge auf dem Markt. Im Möbelbereich möchten wir gerne mehr Stühle machen. Wir sind derzeit ein wenig zu sehr in die Ecke der Kastenmöbel gerückt. Auch wenn es uns Spaß macht, ist es schwierig, darauf auf Dauer festgelegt zu werden. Wir wollen uns davon emanzipieren und freischwimmen. Dass unser Elephant Chair ein großer Erfolg geworden ist, war sehr wichtig für uns. Wir konnten zeigen, dass wir auch in diesem Bereich in Zukunft mitreden können.

Vielen Dank für das Gespräch.


Alle Beiträge zum Salone del Mobile 2011 im Designlines-Special.


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