Sebastian Wrong & Maurizo Mussati

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Text: Norman Kietzmann


Sie sind ein ungleiches Paar und spielen dennoch brillant im Team: Designer Sebastian Wrong, Mitbegründer und Kreativdirektor von Established & Sons, sowie Maurizo Mussati, der 2010 die unternehmerische Leitung des britischen Möbellabels übernommen hat. Der Nachfolger von Alasdhair Willis hat zuvor nicht nur das internationale Geschäft des Leuchtenherstellers Flos verantwortet. Als Managing Director konnte er ebenso das junge, niederländische Label Moooi zu wirtschaftlicher Stärke führen. Sebastian Wrong studierte Bildhauerei an der Norwich School of Art and Design und machte seinen Abschluss 1993 an der Camberwell School of Art in London. 2001 gelang ihm mit der Leuchte Spun Light der Durchbruch, die ursprünglich für den Nischenhersteller Drove Ltd. entworfen und 2004 von Flos in die Produktion genommen wurde. Seine Arbeiten für Established & Sons (ab 2003) haben unterdessen einen oft augenzwinkernden Charakter mit Anklängen an das postmoderne Design. Wir trafen Sebastian Wrong und Maurizo Mussati in Berlin und sprachen mit ihnen über ihre Eindrücke von der ersten Ausgabe der Möbelmesse Qubique, die Inflation der Designweeks und die Zukunft von Established & Sons.


Herr Wrong und Herr Mussati, Mitte Oktober fand im Flughafen Berlin-Tempelhof die erste Ausgabe der Einrichtungsmesse Qubique statt. Welche Erwartungen haben Sie daran geknüpft?

Sebastian Wrong: Ich denke, Berlin war schon eine großartige Plattform, um neue Ideen zu zeigen. Wir haben die Organisatoren in den letzten Jahren mehrmals getroffen und besprochen, was wir hier machen können. Und wir hatten den Eindruck, dass es ein Projekt ist, das wir unterstützen sollten.

Maurizo Mussati: Deutschland ist ein wichtiger Markt für uns und der einzige, der derzeit in Europa wächst. Doch um ehrlich zu sein: Wir sind vor allem hier wegen der Sichtbarkeit und nicht, um neue Geschäfte abzuschließen. Es gab im Vorfeld eine hohe Resonanz der internationalen Presse, die aus Europa und sogar den USA nach Berlin gekommen ist. Das war für uns ein wichtiger Grund. Auf der anderen Seite bleibt das Fragezeichen bestehen. Niemand weiß, ob es auf Dauer Platz für zwei Designmessen in Deutschland geben wird. Aber das ist nicht unser Problem.

Werden Sie im nächsten Jahr wieder kommen?

Maurizo Mussati: Um dazu  etwas zu sagen, ist es noch zu früh. Wir gehen normalerweise zu keiner Messe außer nach Mailand, wo wir immer ein eigenes Event organisieren, sowie bei uns daheim während des London Design Festivals. Berlin war insofern für uns eine Ausnahme, die uns interessant erschien. Wie sich die Messe entwickeln wird, hängt von vielen Komponenten ab, die wir nicht beeinflussen können. Doch dieselben Macher haben es auch in der Mode geschafft, eine verschwundene Messe in Berlin neu zu beleben. Wenn ihnen dasselbe mit der Qubique gelingt, wäre das sehr gut. Berlin ist schließlich eine Stadt, die viele Designer anzieht. Aber wie gesagt: Es ist zu früh, um eine Aussage für das nächste Jahr zu treffen.

Ihre Präsentation in der einstigen Feuerwache wirkt ausgesprochen sachlich und weit weniger inszeniert als Ihre Auftritte in Mailand während der vergangenen Jahre. Sind Established & Sons erwachsen geworden?


Sebastian Wrong: Ich glaube, dass der deutsche Markt eher langfristig und weniger auf Trends oder schnelllebige Ideen ausgerichtet ist. Das betrifft auch unser eigenes Unternehmen. Established & Sons sind nun im achten Jahr und eine seriöse Marke geworden. Das zeigt sich auch in unserer aktuellen Planung. Wir müssen heute definitiv viel weniger Produkte auf den Markt bringen, als wir es bisher gemacht haben und versuchen ganz bewusst, an dieser Stelle die Geschwindigkeit zu drosseln. Wir haben bereits 70 Produkte in unserem Katalog und brauchen künftig nicht mehr 28 Neuheiten im Jahr auf den Markt zu bringen. 

Maurizo Mussati: Ich glaube, dass unsere Marke oft missverstanden wird von Leuten, die glauben, wir seien extrem teuer. Ja, wir verkaufen und produzieren limitierte Editionen zu einem hohen Preis. Aber wir verkaufen auch Objekte für sechzig Pfund. Das ist wichtig zu kommunizieren. Wir werden uns auch in den kommenden zwölf Monaten bei den limitierten Editionen engagieren. Aber diese haben aus offensichtlichen Gründen nicht mehr dieselbe Priorität wie noch vor fünf Jahren. Wir sind in dieser Beziehung auch vorsichtiger geworden, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden.

Sebastian Wrong: Ich denke, wir werden auch in den kommenden Jahren einen durchdachteren Ansatz gegenüber dem Entwicklungsprozess neuer Produkte zeigen. Das ist ein anhaltender Prozess, bei dem auch der Service, die Kontakte, die Lieferzeiten und all diese Dinge Stück für Stück verbessert werden. Das ist der natürliche Fortschritt einer jeden Firma.

Herr Wrong, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern von Established & Sons und betreuen als Designdirektor die strategische Ausrichtung der Kollektion. Wie wählen Sie neue Designer und Projekte aus?


Sebastian Wrong: Ich bin in einem sehr engen Austausch mit den Designern, mit denen wir bislang gearbeitet haben. Es ist ein anhaltender Dialog, der neue Ideen aus bringt. Andere Designer werden uns durch das Netzwerk von Leuten vorgestellt, die mit uns verwoben sind. Wir haben eine große Auswahl, was eine sehr komfortable Situation ist. Doch auch hierbei ist Vernunft entscheidend. Wir müssen herausfinden, an welcher Stelle es noch einen Nachholbedarf in unserer Kollektion gibt und wo wir bereits gut aufgestellt sind. Und um es klar zu sagen: Sehr viele Produkte, auch von bekannten Namen. schaffen es nicht durch den Entwicklungsprozess. Wir beginnen mit einem großen Beutel und kommen mit einem kleinen Beutel auf den Markt. Aber das ist bei jeder Firma gleich.

Auch eigene Entwürfe von Ihnen finden sich in der Kollektion, darunter die 2011 zusammen mit Richard Woods entwickelte Sofakollektion Bricks. Hat es Sie beeinflusst, dass die Memphis-Bewegung in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert hat?


Sebastian Wrong: Den Druck mit dem Ziegelsteinmotiv hat Richard auch für andere Projekte als unser Sofa gebraucht. Aber es stimmt: Memphis war sehr einflussreich auf die postmoderne Ästhetik, die im Moment sehr klar und edgy ist. Es ist sehr interessant, wie solche Themen im Design immer wieder neu bewertet werden. Vor sieben Jahren haben die Leute Memphis noch als reinen Witz gesehen, während es jetzt sehr relevant ist. Man sieht dies nicht nur im Design, sondern auch in der Kunst und der Mode. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, wir sind der Sprache der Popkultur sehr eng verbunden, die wir gebrauchen.

Am Eröffnungsabend der Qubique haben Sie unter dem Titel The Wrong Shop einige Möbel von Ihnen sowie von Kollegen wie Konstantin Grcic versteigert. Was hat es damit auf sich?

Sebastian Wrong: Den Wrong Shop habe ich neben meiner Arbeit für Established & Sons als eine Plattform gegründet, auf der befreundete Designer neue Entwürfe verkaufen können, ohne dass ein weiterer Händler darin involviert ist. Dieser Direktverkauf ist sinnvoll, um zu sehen, welche Reaktionen es auf dem Markt gibt, ohne dass automatisch Verpflichtungen entstehen. Es gibt kein Lager, keinen Katalog, während die Arbeiten neben unseren Auktionen über einen Online-Shop vertrieben werden. Die Besonderheit liegt darin, dass ein Produkt erst dann produziert wird, wenn es verkauft wurde.

Was denken Sie über die Inflation der Desigweeks?

Sebastian Wrong: Die Lage ist derzeit außer Kontrolle. Es gibt einfach zu viele Messen, die verwässert und eher mittelmäßig sind. Die ganze Entwicklung muss sich abkühlen und es muss eine Rückkehr zu mehr Vernunft stattfinden. Die Frage bleibt, worin der Mehrwert einer neuen Messe liegt. Ich unterrichte auch und stelle dieselbe Frage immer wieder meinen Studenten: Braucht die Welt diesen Stuhl oder braucht die Welt diesen Tisch? Produkte und Messen sind in diesem Punkt sehr ähnlich: Es lohnt sich erst sie umzusetzen, wenn sie wirklich eine Beitrag leisten.

Maurizo Mussati: Anfang Oktober gab es in Mailand ein Design-Wochenende. In diesem Jahr bin ich gar nicht mehr hingefahren, doch 2010 sah die Lage so aus: Eine Gruppe junger Leute aus der Designszene zog abends für Drinks um die Häuser, obwohl es überhaupt nichts Konkretes in den Showrooms zu sehen gab. In New York war es während des ICFF dasselbe, als das Viertel der italienischen Hersteller abends mit italienischem Essen und Trinken geöffnet hatte. Zum Schluss sind die Angestellten und Vertriebler von der einen Firma zur Party der anderen geschlendert. Doch es gab nicht einen Architekten, der eigens nach New York gekommen ist, um nach etwas Neuem Ausschau zu halten. Warum auch? Die Leute können nicht ständig neue Produkte zeigen und verkaufen. Das macht keinen Sinn.

Was muss passieren?

Maurizo Mussati: Es sind vor allem die Organisatoren der Messen, die diesen Ärger forcieren. Sie vergessen oft, dass die Firmen nicht überall Geld in einen Stand, Personal und Hotels investieren können. Denn viele Messen sind anders als Mailand überhaupt nicht in der Position, die nötige Zahl an Architekten anzuziehen. Selbst die 100% Design in London ist zu schwach dafür. Vor ein paar Minuten habe ich mit dem General Manager der Maison & Objet gesprochen. Mit Ausnahme einer Halle für Outdoor-Design ist ihre September-Ausgabe vollkommen erledigt. Darum haben sie die Paris Design Week erfunden und uns nun gefragt, ob wir im nächsten Jahr im September ausstellen oder ein Event organisieren wollen. Aber unser Geld ist leider nicht endlos vorhanden.

Sebastian Wrong (mit fester, lauter Stimme) : Es gibt ein Limit! (lacht)

Maurizo Mussati: Ich bin sehr neugierig, ob Kortijk im kommenden Jahr wieder zehn lange Tage am Stück öffnen kann. Ich glaube, niemandem dort ist wirklich klar, was es für eine Firma bedeutet, mit ihren Leuten so lange vor Ort zu sein und für Hotels und alles andere aufzukommen. 2010 waren wir auch in Kortijk, aber nur, weil wir eingeladen wurden. Das Festival war gut gemacht. Aber wir wissen, dass wir dort nie wieder ausstellen werden, es sei denn, es findet sich ein belgischer oder niederländischer Partner, der bereit ist in ein solches Engagement zu investieren.

Vielen Dank für das Gespräch.


Mehr zur Qubique 2011 erfahren Sie in unserem Special.


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