Vincent van Duysen

9

Text: Norman Kietzmann


Vincent van Duysen ist Modernist mit postmodernen Wurzeln. Geboren 1962 im flämischen Lokeren, studierte er an der Sint-Lucas-Kunsthochschule in Gent Architektur. Nach seinem Abschluss ging er 1985 nach Mailand und sammelte im Büro von Ettore Sottsass und Aldo Cibic seine ersten beruflichen Erfahrungen. Mit seinem eigenen Studio, das er 1990 in Antwerpen gründete, ließ er den wilden Farb- und Stilmix der Postmoderne hinter sich und wandte sich der Moderne zu. Mit Vorliebe kombiniert er massive, geschlossene Volumina aus Beton mit großformatigen Fenstern, die seinen Gebäuden Rhythmus und Struktur verleihen. Neben dem Bau zahlreicher Wohn- und Geschäftsgebäude renovierte er 2007 das Kaufhaus La Rinascente in Mailand und realisierte eine 2011 eröffnete Jugendherberge in Antwerpen. Darüber hinaus ist Vincent van Duysen seit 1999 als Designer tätig und entwirft mit seinem 15-köpfigen Team Sessel für B&B Italia, Kronleuchter für Swarovski, Waschbecken für Toscoquattro, Regale für Pastoe und Sofas für Arflex. Wir trafen den flämischen Gestalter in Mailand und sprachen mit ihm über dadaistische Sessel, taktile Wände und architektonische Selbstfindung in Palm Springs.



Herr van Duysen, auf der Mailänder Möbelmesse 2012 haben Sie einen schwebend-leichten Sessel für B&B Italia vorgestellt. Warum haben Sie ihn Theo getauft?

Der Name leitet sich von Theo van Doesburg ab, einem niederländischen Dadaisten. Das Interessante am Dadaismus war, dass er Teil der Moderne war und dennoch mit all den Grafiken, Collagen und plastischen Arbeiten einen surrealen Unterton besaß. Dieser Gegensatz hat mich gereizt. Ich wollte keinen gewöhnlichen Armlehnen-Sessel mit vier gleichen Füßen entwerfen, sondern einen Kontrast erzeugen. Während die Sitzfläche sehr geschlossen und klar wirkt, erinnert die Basis an eine geöffnete Schere. Auch die Materialien – Stoff- und Leder für die Sitzpolster und verchromter Stahl für den Unterbau – unterstreichen die grafische Wirkung. Weil die Sitzfläche über dem Boden zu schweben scheint, entsteht ein surrealer Effekt. Das macht den Sessel sehr leicht und ist auch aus ergonomischer Sicht von Vorteil. Denn für die Füße bleibt viel Raum, sodass man sehr flexibel in dem Sessel Platz nehmen kann.

Bei der Ausführung der Basis griffen Sie zu einem konstruktiven Trick: Indem die vorderen und hinteren Stuhlbeine um 90 Grad zueinander verdreht wurden, scheint der Sessel aus jedem Blickwinkel immer ein Stück weit aus dem Lot zu geraten. Die voluminösen Sitzpolster steigern diesen Eindruck und lassen die filigrane Basis beinahe optisch zerbrechen. Was hatten Sie dabei im Sinn?

Die Drehung des Beins gibt dem Sessel die nötige Dynamik, selbst wenn die Sitzfläche für sich allein genommen recht statisch wirkt. Wir haben lange an unterschiedlichen Strukturen gearbeitet und uns schließlich für jene entschieden, bei der sich die Hinterbeine die gesamte Rücklehne hinauf fortsetzen. Auch haben wir versucht, die Sichtbarkeit der Nähte zu reduzieren, damit die Kontinuität der Beine nicht gebrochen wird. Der Sessel wirkt auf diese Weise sehr scharf und ist dennoch recht konservativ im Bezug auf die Sitzqualität und den Komfort. Schließlich liegt darin das Hauptziel eines Sessels: Er muss komfortabel sein, um gebraucht zu werden.

Dabei kann das Möbel sowohl im Wohnraum als auch im Büro zum Einsatz kommen...



Ja, es besitzt verschiedene Identitäten. Ich wollte, dass sich der Sessel in jede Umgebung einpasst, ohne von seinem Design in eine bestimmte Richtung zu weit vorbestimmt zu sein. Darin liegt seine Qualität. Ich denke, das ist auch der Grund, warum ich das Design der frühen Moderne besonders mag. Die meisten Möbelentwürfe besitzen diese Ambivalenz und können sowohl im Privaten als auch in einer Arbeitsumgebung funktionieren. 



Das Zusammenspiel aus den massiven, geschlossenen Volumen der Sitzfläche und der filigranen Basis findet sich auch in Ihren architektonischen Projekten wieder. Mit großformatigen Fenstern durchbrechen Sie die Wirkung massiver Mauern.

In meiner Arbeit spielt Taktilität eine besondere Rolle. Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass Wohnbauten noch immer den Großteil meiner Projekte ausmachen. Es geht nicht nur um das, was man sieht, sondern auch um das, was man berührt. Ich liebe Beton, arbeite aber ebenso gern mit natürlichen Materialien wie Stein. Man kann ihre Oberflächen beinahe mit den Augen ertasten. Das ist etwas, das ich mit meinen Gebäuden erreichen möchte. Und in gewisser Weise lässt sich das auch auf meine Möbel übertragen. Die Herausforderung liegt immer darin, eine Balance zu finden zwischen dem richtigen Komfort für jede Körpergröße und einem Design, das recht rigide und architektonisch daherkommt.

Sie selbst bezeichnen Ihre Arbeit als „sensoriellen Purismus“. Welchen Einfluss hatte hierbei die Zeit, als Sie 1985 bis 1987 unter Aldo Cibic im Büro von Ettore Sottsass in Mailand gearbeitet haben?

Ich bin ein Kind der achtziger Jahre (lacht). Ohne Frage. Als ich studiert habe, drehte sich alles um die Postmoderne und es war klar, dass ich nach meinem Studium nach Italien gehen musste. Doch auch, wenn es dieses wilde Spiel mit allen Formen, Materialien und visuellen Gegensätzen gab, hatte die Postmoderne einen sehr klassischen Unterton. Ettore Sottsass ist viel gereist und wurde von der indischen wie von der arabischen Kultur beeinflusst. Natürlich lag in diesen Entwürfen eine enorme Naivität. Doch auf der anderen Seite gab es immer diese korrekten historischen Bezüge. Das alles kommt immer wieder hoch in meinem Kopf. Das kann ich gar nicht abschütteln (lacht).

Dennoch ist Ihre heutige Arbeit aus formaler Sicht das absolute Gegenteil vom überbordenden Farb- und Stilmix jener Tage. Wann und warum haben Sie entschieden, die Fronten zu wechseln?

Ich glaube, es war die ins Extrem gesteigerte Naivität, die ich nicht mochte. Natürlich war es spannend, dass es keine Grenzen gab und man machen konnte, was man wollte. Das war gut und hat auch eine Menge Spaß gemacht. Aber nach zwei Jahren wollte ich wieder zurück zu reinen Formen und Proportionen, ohne das Sinnliche dabei aufzugeben. In dieser Zeit begann man zum ersten Mal, den Begriff Minimalismus zu verwenden, der von der Minimal Art abgeleitet war. Ich fühlte mich auf dieser Seite plötzlich sehr wohl. Ich liebe die Arbeit von Le Corbusier, Mies van der Rohe oder Luis Barragán. Vor einigen Wochen war ich bei der Modernist Week in Palm Springs und habe mir sämtliche Häuser von Richard Neutra und Rudolph Schindler angesehen. Auch diese Leute haben viele Materialien und Texturen verwendet, mit denen ich mich sofort identifizieren konnte. Ich bin also ein wirklicher Modernist, auch wenn ich postmoderne Wurzeln habe.

Viele Designer, die noch vor einigen Jahren mit wilden Formen zu überzeugen versuchten, setzen heute auf eine puristische Gestaltung. Wie sehen Sie diese Entwicklung: Ist der Minimalimus zum Stil verkümmert?

Es stimmt, dass noch vor drei Jahren die meisten Möbel sehr verspielt und neoromantisch daherkamen. Aber jeder wusste, dass das nie Bestand haben kann. Es ist nichts falsch daran, Dinge zu verändern und einen anderen Ansatz zu finden. Schließlich wollen Designer bestimmte Reaktionen und Emotionen bei ihrem Publikum wecken. Doch zum Schluss war klar, dass dies Phase nicht endlos dauern konnte. Also sind wir wieder zur Essenz von dem zurückgegangen, was das Design eigentlich sein sollte. Man muss sicherstellen, dass es nicht nur Schönheit für die Augen liefert, sondern ebenso seine Funktionen erfüllt und zeitlos ist. Ich denke, dass diese Rückbesinnung richtig war. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir uns wieder stärker auf die Details konzentrieren.

Würden Sie sagen, dass Architekten womöglich die besseren Designer sind?

(lacht) Naja, geschichtlich gesehen ist es schon so. Man sieht den Dingen an, ob sie von einem Architekten oder von einem Industriedesigner entworfen wurden. Natürlich möchte ich meine Vorstellung als Architekt auch mit meinen Möbeln zum Ausdruck bringen. Ich sehe immer die Beziehung im Raum und erzeuge mit meinen Möbeln wiederum selbst Raum. Aus diesem Grunde sind sie unmittelbar mit meinem Bauen verbunden: in ihrem Ausdruck, ihren Proportionen und der Weise, wie sie im Raum stehen. Sie bilden selbst eine Art häuslicher Architektur.

Vielen Dank für das Gespräch.



Weitere Artikel 13 - 24 von 24 Ester Bruzkus: Stehlen ist erlaubt Didier Gomez: Pianoklänge in Ipanema Mirko Borsche: Die Macht der Gestaltung Reinier de Graaf – Architektur ist eine Frage der Ausdauer Alessandro Mendini: in Memoriam  Are we human? Jörg Boner: Die Typologie-Frage Luigi Colani Bjarke Ingels: Architekten müssen der Zukunft eine Form geben Die Kunst der virtuellen Inszenierung Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Design als politisches Werkzeug

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.