Philippe Nigro

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Text: Norman Kietzmann


Philippe Nigro macht aus Möbeln dreidimensionale Puzzles. Geboren 1975 in Nizza, absolvierte er sein Designstudium an der Ecole Boulle in Paris, bevor es ihn nach Mailand zog. 1999 begann er, im Büro von Michele De Lucchi zu arbeiten und avancierte zu seiner rechten Hand für sämtliche Möbel-, Leuchten- und andere Designprojekte. Parallel startete er 2003 seine Solo-Karriere mit Entwürfen für Ligne Roset, Sintesi, De Castelli, Foscarini, De Padova und andere. Blieb er trotz seiner zunehmenden Bekanntheit seinem Job beim einstigen Memphis-Mitbegründer bislang treu, hat er sich nun entschieden, ganz auf eigenen Beinen zu stehen. Im Garten der Mailänder Triennale sprachen wir mit Philippe Nigro über ein Leben zwischen zwei Ländern, Akkumulation als Rezept und die ständige Gefahr, als Designer in einen Käfig gesteckt zu werden.


Herr Nigro, Sie haben dreizehn Jahre an der Seite von Michele De Lucchi gearbeitet. In diesem Sommer fiel die Entscheidung, sich vom Altmeister zu lösen. Wie es heißt, sind Sie gerade auf Suche nach einem neuen Studio?


Ja, ich suche einen Raum, in dem ich meine Projekte in Ruhe entwickeln kann. Bis jetzt habe ich entweder bei mir zuhause oder in der Agentur von De Lucchi gearbeitet. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob ich in Mailand bleiben will oder vielleicht doch wieder zurück nach Frankreich gehe und ein Studio in Paris eröffne. Vielleicht auch beides. Es ist gut, einen Fuß in Italien und einen in Frankreich zu haben. Ich mag diese doppelte Perspektive ganz gern.

Wo fühlen Sie sich mehr zuhause: in Italien oder in Frankreich?


Als Ausländer ist man in einem anderen Land nie zuhause. Jedenfalls empfinde ich das so, selbst wenn ich seit über zehn Jahren in Italien wohne. Ich bin immer wieder in Frankreich. Und wenn ich dort bin, fühle ich mich mehr zuhause als in Italien. Das liegt an vielen Dingen. Die Politik, der Alltag, die Verkehrsmittel, das Ausgehen, im Grunde alles. In Italien gibt es sehr viele Dinge, die nicht funktionieren. Aber gleichzeitig gibt es andere Sachen, die viel besser funktionieren. In Frankreich sind die Leute vielleicht zu genau, während in Italien mehr Risiken eingegangen werden. Das ist auch der Grund, warum das italienische Design noch immer erfolgreich ist. Wenn man zwischen zwei Ländern wohnt, kann man das Beste von jedem Ort mitnehmen und von den unterschiedlichen Mentalitäten profitieren.

Mit Michele De Lucchi haben Sie einen erfolgreichen Lehrmeister gefunden. Was hat er Ihnen mit auf den Weg gegeben?

Die Arbeit mit ihm war viel besser als eine Schule. Doch es hing sehr stark davon ab, was man aus der Situation für sich ziehen konnte. Auch wenn De Lucchi am Mailänder Politecnico unterrichtet, hat er keine Lust, den Leuten, mit denen er arbeitet, etwas beizubringen. Das setzt er voraus. Aber gleichzeitig ist er sehr sensibel gegenüber den Erfahrungen und Qualitäten, die andere mit einbringen können. Die Arbeit ist für ihn eine wechselseitige Anreicherung, eine Art Dialog oder, wenn man so will, auch ein ständiges Sich-in-Frage-stellen. Er hatte nie Angst davor, ein Projekt komplett von vorne anzufangen, wenn die Lösung nicht ideal war. Das hat mich wohl am meisten beeindruckt.

Sah er darin ein Problem, dass Sie unter Ihrem Namen parallel für anderen Hersteller gearbeitet haben?

Nein, im Gegenteil. Er ermunterte uns sogar dazu, auch wenn die wenigsten im Büro es schließlich  getan haben. Er war der Meinung, dass es auch dem Büro helfen würde, wenn man Erfahrungen aus anderen Projekten einbringt. Doch ich hatte das Glück, dass die VIA (Die Organisation Valorisation de l‘Innovation dans l‘Ameublement wurde 1979 zur Designförderung gegründet und untersteht dem französischen Industrieministerium, Anm.d.Red.) die meisten meiner Entwürfe vorfinanziert hat. Und über sie bin ich auch in Kontakt mit Unternehmen wie Ligne Roset gekommen, die einige dieser Arbeiten in die Produktion genommen haben.

Und Ihnen somit zum Durchbruch geholfen haben. Das Sofa Confluences gilt als Ihr bekanntester Entwurf, der die Sitzlandschaften der siebziger Jahre aufgreift.


Auch dieses Projekt ist mithilfe der VIA entstanden. Es ist schwierig, ein neues Sofa zu gestalten, wo doch schon so viele existieren. Meine Idee war, mit unterschiedlichen Sitzhöhen eine Referenz auf menschliche Maße zu erzeugen. Schließlich gibt es größere und kleinere Menschen, dickere und schlankere. Das Sofa erzeugt mit unterschiedlichen Sitztiefen und Höhen der Rückenlehnen ein Spiel mit dem Benutzer. Der Einsatz von Farbe unterstreicht diese Wirkung. Was ich häufig in meiner Arbeit verwende, ist die Kombination von einfachen Modulen. In der Zusammenstellung erzeugen sie sofort etwas ganz anderes. Sie erhalten eine skulpturale Qualität.

Ein anderes Beispiel für eine spielerische Überlagerung ist das Regal Cross Unit (2008) für den italienischen Möbelhersteller Sintesi, dessen Module aus Draht nach Belieben ineinander gesteckt werden können.

Dieses Projekt ging dem Sofa Confluences rund ein Jahr voraus. Aus konzeptioneller Sicht war es der Ausgangspunkt für alle anderen Projekte in diesem Sinne. Auch hier sind es sehr einfache Module mit leicht abgerundeten Ecken. Die Überraschung ist, dass sie ineinander gesteckt sehr leicht wirken. Fast ein wenig unscharf, da das Möbel eine klare Kontur vermeidet. Auch die Leuchte Nuage für Foscarini geht ein wenig in diese Richtung. Ich mag diese skulpturale Optik der siebziger Jahre, die aus jeder Blickrichtung anders aussieht. Sie erzeugt den Eindruck, als würde sich das Möbel bewegen.

Wie gehen Sie an Ihre Projekte heran?

Mit haufenweise Zeichnungen und Skizzen. Es hängt aber immer davon ab, ob es ein eigener, spontaner Vorschlag ist, dem eine persönliche Recherche vorausgeht. Die meisten meiner Entwürfe entstehen auf diese Weise. Doch manchmal gibt es auch ein Briefing. Zum Beispiel Foscarini: Sie mochten Arbeiten wie Cross Unit oder Confluences und haben mich gefragt, ob ich ein Projekt im Kopf habe, das dieses Konzept aufnimmt. Das war zunächst nicht einfach, auch wenn die Leuchte Nuage einem recht freien, ästhetischen Spiel folgt. Denn ich möchte nicht auf Dauer mit einem bestimmten Formenrepertoire identifiziert zu werden. Das ist dasselbe, als würde man in einen Käfig eingesperrt werden. Darum habe ich immer wieder sehr unterschiedliche Entwürfe angefertigt. Der Tisch T.U. für Ligne Roset zum Beispiel hat stilistisch nichts mit dem Sofa Confluences gemeinsam. Er ist eher eine Referenz an Jean Prouvé oder den industriellen Stil. Ich versuche, sehr unterschiedliche Dinge zu machen.

Bisher liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit vor allem auf Möbeln. Gibt es noch andere Felder, die Sie interessieren?


Bei Michele De Lucchi haben wir sehr viele Büros eingerichtet, Banken oder Messestände entwickelt. Innenarchitektur ist ein Feld, das mich sehr interessiert, auch wenn ich unter meinem eigenen Namen noch kein Projekt realisiert habe. In Räumen zu arbeiten, erlaubt einem, die Recherche zum Möbeldesign im größeren Maßstab fortzusetzen. Was mir im Moment noch fehlt, ist richtiges Produktdesign zu machen, wie beispielsweise für Elektroprodukte. Das ist eine andere Weise, ein Projekt zu denken. Denn damit berührt man das Leben von hunderttausenden Menschen. Das Möbeldesign ist immer für eine Elite reserviert. Mit Ausnahme von Ikea erreicht es kaum die große Öffentlichkeit. Ich denke, es ist wichtig, sich als Designer auch für Dinge zu interessieren, die für alle erreichbar sind.

Wenn Ikea Sie fragen würde: Wie würden Sie reagieren?


Das könnte interessant sein. Es gibt viele Projekte von Ikea, die sehr intelligent sind. Ich habe auch einige Ikea-Produkte zu Hause. Doch das Problem ist die mangelnde Qualität. Auch muss man die Ethik der Produktion sehen, die bei den meisten Produkten nicht gerade vorbildlich ist. Aber um die Preise zu halten, müssen sie Kompromisse eingehen, die mitunter wirklich am Limit sind. Dennoch ist es spannend, auf diese Weise eine breite Masse zu erreichen.

Wie sieht Ihre Wohnung aus: Wohnen Sie mit Ihren eigenen Möbeln?

Nicht viele. Meine Wohnung ist recht klein. Es ist eine Mischung aus vielen. Ich habe auch viele Dinge vom Flohmarkt, gemischt mit meinen Prototypen oder Arbeiten aus der ersten Serie. Aber es sind nur  wenige. Für die meisten Möbel habe ich überhaupt nicht den Platz dazu. Aber wer weiß, vielleicht wird im neuen Büro etwas mehr Platz sein (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

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