Sebastian Herkner

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Text: Jasmin Jouhar


Sein Name darf nicht fehlen auf der Liste der nächsten Generation deutscher Designer: Sebastian Herkner. Binnen kurzer Zeit hat er sich mit einer Reihe von Projekten für Hersteller wie Moroso, Classicon, De Vorm und Carl Mertens einen festen Platz in der Designszene erobert. Studiert hat der 1981 geborene Herkner an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, wo sich auch sein Studio befindet. Nächste Woche zur imm cologne 2013 präsentiert Herkner einen neuen Tisch für Böwer. Wir saßen mit ihm auf seinen Moroso-Sesseln und sprachen über seine Begeisterung fürs Handwerk, über Backförmchen aus Sofia und Antirutschsocken.


Herr Herkner, zur imm cologne 2013 stellen Sie ein neues Produkt für Böwer vor. Dürfen wir vorab schon etwas darüber erahren?

Mint ist ein kleiner Beistelltisch aus Holz. Der Ansatz ist, das Handwerk des Holzdrechselns zur Gestaltung eines Möbels zu verwenden. Unsere Idee war es, dabei den Holzkörper sowohl von außen zu formen wie auch sein Inneres zu definieren. Der Beistelltisch verfügt über eine Tischplatte aus Metall, die beim Aufdrehen das Innere des Tisches preisgibt. Hier befindet sich versteckt die kleine, erlesene Hausbar. Ein herausnehmbares Metalltablett unterteilt den Tisch in seinem Inneren und bietet Platz zum Beispiel für Trinkgläser.

Können Sie etwas über die Entstehungsgeschichte des Tisches erzählen?

Im Spätsommer 2012 kam Stefan Böwer auf mich zu und erzählte mir von seiner Idee, ein Objekt mit dem traditionellen Handwerk Drechseln zur Möbelmesse in Köln zu entwickeln. Mir gefiel das sofort, da ich eine große Begeisterung für traditionelle Handwerkstechniken hege. Wie auch beim Beistelltisch Bell Table war es mir sehr wichtig, die Wertigkeit und den Charakter des Materials sowie des Handwerks herauszustellen und in eine Form zu übersetzen. Gemeinsam mit Böwer haben wir uns mit der Arbeitsweise des Drechselns vertraut gemacht und seine Besonderheit in das Produkt übertragen. Die Spuren des Drechselns sollten sichtbar bleiben und nicht versteckt werden. Diese Echtheit transportiert ja die Qualität und das Typische der Herstellung.

Im vergangenen Jahr hat Moroso einen Sessel und Körbe von Ihnen auf den Markt gebracht. Wie kam die Zusammenarbeit mit Patrizia Moroso zustande?

Ich habe die Korbserie zum Salone Satellite 2011 ausgestellt. Da kam Patrizia am letzten Tag vorbei und hat gleich gefragt, ob sie sie produzieren darf. Und als ich zu Besuch bei Moroso in Udine war, hat sie vorgeschlagen, noch ein anderes Projekt zusammen zu machen. Sie hat mir ganz freie Hand gelassen, hat mir kein Briefing gegeben. Ich sollte etwas machen, was typisch ich ist.

Was haben Sie Patrizia Moroso dann vorgeschlagen?

Meine Idee war, einen relativ leichten Sessel zu machen, der aber nicht wegrutscht, wenn man sich sehr schwungvoll hineinsetzt. Ich habe nach Materialien recherchiert und die Lösung in der Socke meines Patenkindes gefunden [holt einen kleine Strumpf mit Antirutschnoppen hervor]. So bin ich auf den Silikondruck gekommen. Es gibt unterschiedliche Versionen, bei einem Sesselmodell ist der Druck eher flächig, beim anderen ist er dreidimensional.

Das klingt wie der Traum eines jeden jungen Designers: Man lernt Patrizia Moroso kennen und sie sagt: Mach doch einfach mal was für uns. Einfach so, ohne Briefing.

Das ist natürlich ein Traum. Ich kannte die Marke vom Studium. Mit der Hochschule für Gestaltung in Offenbach sind wir einmal im Jahr zur Möbelmesse nach Köln gefahren. Moroso ist für mich eine der spannendsten Möbelfirmen, weil man sehr frei ist und sich ausleben kann. Die Chance hatte ich, das war einmalig für mich. Dass ich das Vertrauen bekommen habe.

Und warum glauben Sie, wurde Ihnen so viel Vertrauen geschenkt?

Der Auslöser waren sicherlich die Körbe und auch der Tisch, der heute von Classicon produziert wird. Sie mochte mich auch persönlich, meinen Stil, meine Philosophie. Am Anfang eines Projektes spricht man ja über ganz verschiedene Dinge, um sich anzunähern, um zu gucken, wie die andere Person denkt. Man braucht auch eine menschliche Basis, denn die Entwicklung eines Produktes macht der Designer ja nicht allein.

Und wie geht es weiter mit Moroso?

Zu Coat fehlt ja noch ein Sofa, das werden wir in diesem Jahr in Mailand vorstellen.

Furore gemacht hat im vergangenen Jahr Ihr Tisch für Classicon.


Den Tisch gab es ja bereits als Prototyp seit 2009. Ich habe ihn in Mailand vorgestellt und in einer Kleinserie produziert. Oliver Holy von Classicon hat den Tisch in einem Magazin entdeckt. Wir haben von Null angefangen und den Tisch ganz neu entwickelt. Wir haben eine weitere Größe gemacht, neue Farben. Es kommt sicherlich auch noch eine neue Farbe dazu, eventuell ein neues Metall. Es stellte sich schnell die Frage, wer so etwas heute überhaupt noch produzieren kann.

Wie haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Handmade in Germany – das war, was Classicon wollte. Wir haben die Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger im Bayrischen Wald in der Nähe von Zwiesel gefunden. Sie ist die einzige, die solche Teile in diesen Farben und in der Größe in Deutschland machen kann.

Was macht die Manufaktur sonst?

Sie produzieren Kleinserien oder arbeiten für Restaurierungsprojekte. Wenn bei der Restaurierung eines alten Hauses ein Leuchtenschirm fehlt, dann können sie den nachfertigen. Spezialisiert sind sie auf Rosenkugeln: die verspiegelten Kugeln in Bauerngärten. Poschinger ist die älteste Glasmanufaktur der Welt, die noch in Familienbesitz ist – seit 14 Generationen. Es ist toll, mit den Glasbläsern zusammenzuarbeiten. Sie verfügen über so viel Wissen. Ein guter Glasbläser braucht zehn bis zwölf Jahre Erfahrung für ein derartiges Projekt. Oft waren schon der Großvater und der Vater Glasbläser – übrigens typisch für die Gegend.

Bell Table ist sehr erfolgreich.

Ja, die Resonanz ist sehr positiv. Wir präsentieren ihn zur imm cologne nun das erste Mal. Der Tisch hat sicherlich einen Zeitgeschmack getroffen, denn aktuell sieht man sehr viel Messing oder Kupfer.

Wie steht es denn mit dem Thema Ausschuss? Wie viele Exemplare des Glasfußes müssen in der Produktion aussortiert werden?

Die Produktion des Tisches braucht zwar viel Zeit, aber der Ausschuss ist überschaubar. Zumal sich die Frage stellt, wann etwas als Ausschuss gilt. Eine gewisse Imperfektion gehört dazu, etwa Lufteinschlüsse oder Schlieren, so wird der handwerkliche Charakter erkennbar und das Handmade authentisch.

Welche Rolle spielt Handwerk denn ansonsten für Ihre Arbeit?

Mein Material-Regal ist wichtig: Ich sammle ja sehr viel, Alltagsgegenstände, die ich interessant finde, die Farbkombination, die Herstellungstechnik, die Verbindung. Ich habe zum Beispiel chinesische Bürsten und Besen, bei denen die Fasern mit Draht oder Schnur befestigt sind. Kürzlich habe ich Backförmchen in Sofia gekauft. Oder aktuell Keramik in Shanghai. Materialcollagen, Details, darauf achte ich. Damit mache ich auch nicht sofort etwas. Die Objekte liegen erst einmal in meinem Regal, und durch Zufall komme ich wieder darauf.

Vielen Dank für das Gespräch.



Weitere Informationen zur imm cologne 2013 finden Sie in unserem Special.
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