Tom Dixon

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Text: Norman Kietzmann, 25.09.2009


Tom Dixon gilt als kreatives Raubein der internationalen Designszene. Während andere Gestalter nach hochglanzpolierten Formen suchen, setzt der gebürtige Tunesier seit jeher auf schwere Materialien. Bereits mit 20 Jahren veranstaltete er legendäre Performances in Londoner Nachtclubs, später begann er seine ersten Möbel aus Metall zu schweißen. Seine Vorliebe für schwere Materialien ist ihm bis heute geblieben. Jedoch arbeitet der in London lebende Designer längst für international renommierte Kunden wie Cappellini, Driade oder Veuve Cliquot und führt erfolgreich ein eigenes Label unter seinem Namen. Wir trafen Tom Dixon in Mailand und sprachen mit ihm über Schwergewichte im Design, kometenhafte Leuchten und einen versunkenen Schatz in der Bucht von Miami.



Mr. Dixon, Sie zählen zu den derzeit einflussreichsten Gestaltern und haben sich vor allem mit Ihren Leuchten international einen Namen gemacht. Was fasziniert Sie an dem Thema Licht?

Der hohe Grad an Bewegung. Vor allem bei den Bauteilen gibt es ständig neue Entwicklungen, beispielsweise immer hellere LEDs oder kleinere Transformatoren. Ich finde das sehr aufregend. Außerdem kann das Design von Leuchten auch deutlich progressiver sein als bei Möbeln. Bei einem Tisch erwarten die Leute, dass er zwanzig Jahre hält und sind deswegen meist konservativ in ihren Entscheidungen. Bei Leuchten akzeptieren sie dagegen viel schneller moderne Lösungen. Aus der Sicht des Designers ist die Beleuchtung sicher der spannendste Bereich, in dem man arbeiten kann.

Sie sind bekannt für Ihren Sinn für ungewöhnliche Materialien. Für Ihre auf der Mailänder Möbelmesse 2009 vorgestellte Leuchte „Comet“ zum Beispiel haben Sie Verpackungskartons von Champagnerflaschen verwendet.

Das war keine leichte Herausforderung. Als mich Veuve Clicquot gebeten hat, für sie ein Objekt aus ihren neuen Verpackungen zu entwickeln, musste ich zunächst lange überlegen. Dann fiel mir das Logo auf der Box ins Auge. Es zeigt neben den Initialen der Witwe Clicquot einen kleinen Kometen, der einer Legende nach im Jahr 1811 über die Champagne-Region flog und den besten Jahrgang aller Zeiten produzierte. Das ist eine ziemlich romantische Geschichte. Und irgendwie auch sehr französisch. Das Interessante dabei ist, dass die Menschen zu dieser Zeit Kometen immer in einer klaren, wiedererkennbaren Form gezeichnet haben, die ein wenig an einen Stern erinnert. Heute wissen wir natürlich, dass Kometen alles andere als geometrisch sind. Aber ich fand die Idee irgendwie rührend, eine strenge mathematische Form mit einer romantischen Geschichte zu verbinden. Aus dieser Überlegung habe ich dann meine Leuchte entwickelt...

...die ebenfalls wie ein komplexer Geometrischer Körper geformt ist.

Sie folgt in ihrer Struktur ein wenig dem Aufbau eines Fußballs oder den geodätischen Kuppeln, wie sie einst der Architekt Buckminster Fuller konstruierte. In der Natur sieht man etwas ähnliches auch auf der Ebene der Atome. Es ist eine sehr stabile Form, die eine eigene Logik besitzt. Gleichzeitig ist sie auch sehr dekorativ und lässt sich zu mehreren als Gruppe arrangieren. Ich fand es faszinierend, ein einfaches und unscheinbares Material wie Karton in den Kontext von Luxus zu stellen.

Im Inneren der Leuchte ist der Karton mit einer goldenen Oberfläche überzogen. Auch bei anderen Projekten von Ihnen spielt Metall immer wieder eine große Rolle. Was ist für Sie an diesem Material so besonders?

Für mich hat dies viel mit meinen Ursprüngen zu tun. Als ich anfing, war ich zunächst gar nicht am Design interessiert, sondern beschäftigte mich mit Arbeiten aus Metall. In den letzten Jahren habe ich auch öfter mit anderen Materialien wie Kunststoff oder Holz gearbeitet. Dennoch bin ich immer wieder zu Metall zurückgekommen. Es ist wie ein Kreislauf, bei dem manche Dinge wiederkehren und andere nach einer bestimmten Zeit wieder verschwinden, wenn man von ihnen gelangweilt ist. Für mein eigenes Label habe ich in diesem Jahr vor allem Kupfer verwendet. Es war in den letzten Jahrzehnten ziemlich aus der Mode. Ich glaube, so richtig populär war Kupfer zuletzt um 1910 in der Zeit des Jugendstils. Aber nach all den Jahren, wo überall verchromte oder silberfarbene Dinge zu sehen waren, fühlt es sich jetzt genau richtig an.

Weil es etwas Warmes besitzt?

Ja, und weil es etwas Beständiges hat. Ich habe diesmal nach einem schweren und langlebigen Design gesucht. Für mich waren die Möbel der letzten Jahre sehr frivol mit all den floralen Mustern und dekorativen Formen. Dazu wollte ich einen Kontrast setzen und Dinge zeigen, die auf den ersten Blick vielleicht auch ein wenig plump erscheinen. Die auch sehr britisch sind und nicht so glatt wie das italienische Design. Ich selbst fühle mich in einer etwas schwereren Umgebung viel wohler. Die Dinge sind nicht mehr minimal, sondern haben Charakter. Dennoch bleiben sie neutral und drängen sich nicht auf.

Sie spielen dabei auch mit einer betont industriellen Ästhetik, die an das frühe 20. Jahrhundert erinnert.

Vielleicht kommt es daher, dass ich als kleiner Junge viel Zeit in Museen über Wissenschaft und Technik verbracht habe, weil ich diese großen Maschinen und Geräte mochte, die es früher gab. Das Ingenieurhafte hat mich schon immer fasziniert. Ich habe früher auch häufig Motorrad- und Autoscheinwerfer aus dickem Pressglas in ihre Teile zerlegt, wegen des Unperfekten und Groben an ihnen. Vielleicht habe ich deshalb heute eine Abneigung gegen Dinge, die zu glatt und zu perfekt erscheinen. Aber ich denke, das geht nicht nur mir so. Die Leute mögen auf gewisse Weise primitive Dinge, bei denen sie das Gefühl haben, dass sie immer schon da waren.

Im vergangen Jahr sind Sie eine Kooperation mit der britischen Polster-Manufaktur George Smith eingegangen, die auch heute noch Sessel nach Methoden wie vor 200 Jahren herstellt. Möchten Sie das industrielle Erbe bewahren?

Bei diesem Projekt wollte ich sehen, ob es tatsächlich möglich ist, noch etwas in Großbritannien herzustellen. Es klingt vielleicht pathetisch, sich um die britische Geschichte zu sorgen, aber das Vereinigte Königreich ist heute kein produzierendes Land mehr. Ich habe zwar keine Berühungsängste, in Indien oder China produzieren zu lassen. Aber es fühlt sich einfach besser an, wenn es auch daheim funktioniert. Die Herausforderung bei diesem Projekt lag darin, eine Mischung aus traditionellen Handwerkstechniken und modernen Formen herzustellen. Die wuchtigen Formen der Sessel und Sofas von früher rühren ja daher, dass sie in ihrem Inneren mit all den großen Metallfedern und Einlagen konstruiert wurden. Daran haben wir sehr lange gearbeitet. Die Möbel sind nach wie vor sehr teuer, da alle Arbeitsschritte per Hand erfolgen. Aber dafür sind sie auch deutlich langlebiger als die meisten neuen Möbel und können auch wieder repariert werden.

Als einer der wenigen Designer weltweit haben Sie auch ein eigenes Label unter Ihrem Namen gegründet, das Ihre Möbel- und Leuchtenentwürfe produziert und vertreibt. Ein ziemlich mutiger Schritt für einen Designer?


Die meisten Designer arbeiten nur für Firmen, produzieren aber nichts selbst. Was uns vielleicht ein wenig mit der Modeindustrie verbindet, ist die Möglichkeit, mit einer selbst bestimmten Produktpalette so etwas wie eine eigene Welt zu erschaffen. Zugleich ist es aber auch sehr harte Arbeit. Denn man bekommt keine Unterstützung wie bei großen Unternehmen, wo den Designern für die Ausführung in der Produktion erfahrene Experten zur Seite gestellt werden. Ich finde es interessant, die eigenen Möglichkeiten ein wenig zu limitieren und zu schauen, was man selber produzieren kann. Das Problem ist nur: Man wird für jeden Schritt mit verantwortlich und kann sich nicht herausreden, wenn etwas schief geht.

Bereuen Sie es, den Schritt gewagt zu haben?

Jeden Tag. Aber ich ziehe es dennoch vor. Ich arbeite besser, wenn ich von außen und nicht als Experte an eine Sache herangehe. Dann habe ich den nötigen Abstand. Es passiert zu leicht, dass man plötzlich zu viel über eine Sache weiß und die Dinge auf dieselbe Weise macht, wie sie schon immer getan wurden. Ich mag Überraschungen. Und ich mag die Konfrontation. Ich denke zurzeit auch darüber nach, das Designgeschäft auf eine andere Weise und in einem anderen Rhythmus zu organisieren.

Was genau meinen Sie damit?

Ich habe verschiedene Wege ausprobiert, um die altmodische Weise, in der Möbel und Leuchten noch immer produziert und vertrieben werden, neu zu gestalten. Im Moment sieht der Prozess doch so aus: Etwas wird hier in Europa entworfen, dann geht es nach China, wird dort produziert, kommt in Containern wieder zurück, wird in Lagerhäusern eingelagert und landet anschließend in den Designshops, wo es darauf wartet, dass es jemand kauft. Das dauert einfach zu lange, zwei bis drei Jahre mindestens. Dabei wäre es viel besser, wenn kleine Quantitäten direkt von der Fabrik zu den Kunden gelangen würden, also in zwei, drei Wochen anstatt wie jetzt in drei Jahren. Aber dafür müsste das gesamte Vertriebssystem umgekrempelt werden und auch der Service ein ganz anderer sein.

Sie waren zwischen 1998 und 2008 auch als Chefdesigner und Kreativdirektor für die Einrichtungskette Habitat tätig. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gesammelt, plötzlich in einem deutlich kommerzielleren Rahmen zu arbeiten?


Es war – ehrlich gesagt – nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zwar ist es ein interessanter Schritt, als Kreativdirektor nicht selbst zu entwerfen, sondern die Entwürfe anderer zu begleiten. Aber ich war bei Habitat viel mehr an der Logistik interessiert, die hinter einem großen Unternehmen steht. Also die Weise, wo und wie etwas produziert wird und dann von Ländern wie Vietnam in Lagerhäuser nach Frankreich oder Deutschland gelangt. Auch die Frage, was die Kunden wirklich kaufen, fand ich spannend. Aber nach einer gewissen Zeit wurde mir klar, dass ich die gesamte Organisation nicht wirklich weiter nach vorne bringen konnte und sie noch immer in vielen altmodischen Strukturen hängen bleibt. Für sie gilt es immer noch, Waren von einem Ende der Welt an das andere zu verschiffen, anstatt neue Wege auszuprobieren. Darum entschied ich mich 2008, das Schiff zu verlassen und mich auf mein eigenes Label zu konzentrieren.

Standen bei Habitat vor allem hohe Stückzahlen im Mittelpunkt, erleben in den letzten Jahren auf Messen wie der Design Miami limitierte Editionen einen enormen Boom. Was denken Sie über diese Entwicklung?

Ich glaube, dass es limitierte Editionen im Grunde immer schon gab, auch wenn sie vielleicht noch nicht als solche bezeichnet wurden. In den Achtziger Jahren habe ich auch ein paar Einzelstücke für wohlhabende Leute entworfen. Als junger Designer bleibt man ja häufig in kleinen Auflagen – erst recht, wenn die Objekte auch noch sehr teuer sind. Ron Arad zum Beispiel hat vor 25 Jahren nichts anderes als limitierte Editionen gemacht. Und wenn man zurückschaut in die 20er Jahre, dann haben Modernisten wie Le Corbusier auch nicht für die Masse entworfen, sondern sehr teure Stühle aus Chrom für sehr reiche Leute produziert. Ich habe einmal mit der Tochter von Charlotte Perriand gesprochen, die im Atelier von Le Corbusier die meisten seiner Möbel entwarf. Sie erzählte, dass vor dem Zweiten Weltkrieg von der berühmten Chaiselongue ganze acht Stück verkauft wurden. Die berühmteste Ikone der industriellen Moderne war also auch nichts anderes als eine limitierte Edition.

Auf der Design Miami im Dezember 2008 haben Sie Ihre ebenfalls auf wenige Exemplare limitierte Möbelserie „A bit of Rough“ vorgestellt. Was unterscheidet diese Arbeiten von Ihren Entwürfen, die Sie für die Serie produzieren?

Innovation ist immer sehr teuer. Vor Miami war plötzlich Geld vorhanden, um etwas auszuprobieren, für das es sonst kein Budget gäbe. Für mich war es großartig, wieder zu meinen experimentellen Wurzeln zurück zu kehren und nicht ständig ein Auge auf den Verkauf richten zu müssen. Denn die limitierten Editionen wurden einem ja förmlich aus den Händen gerissen – und das zu stolzen Preisen. Auf der Design Miami habe ich sehr schwere Stühle gezeigt, die aus massiven, einem Zoll dicken Stahlplatten gefertigt wurden. Einen von ihnen habe ich übrigens nach der Messe heimlich in der Bucht von Miami versenkt. Nächstes Jahr werde ich ihn wieder herausholen. Er wird dann verrostet und vielleicht von ein paar Muscheln übersät sein. Er wird eine wirkliche Geschichte haben. Und vielleicht noch ein Stück schwerer sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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