Naoto Fukasawa

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Text: Julia Bluth


Naoto Fukasawa wurde 1956 in der japanischen Präfektur Yamanashi geboren und studierte an der Tama Art University in Tokio Kunst und 3D-Design. Nach seinem Abschluss 1980 arbeitete er zunächst als Designer bei Seiko-Epson und von 1989 bis 1996 bei ID-two in San Francisco. Dann kehrte er nach Tokio zurück, wo er die japanische Niederlassung der internationalen Design- und Innovationsberatung IDEO etablierte. 2003 eröffnete er schließlich sein eigenes Büro Naoto Fukasawa Design und gründete noch im selben Jahr plusminuszero, eine Marke für minimalistische Haushaltsgeräte und Gebrauchsgegenstände. Seine funktionalen Entwürfe spielen häufig mit einer zweiten Ebene und einem Déja-vu-Effekt – so wie der an einen Ventilator erinnernde CD-Player, den er für das Kultlabel Muji entwarf. Seit 2001 ist er Berater der japanischen Marke, hinter deren „anonymen Design“ sich viele große Namen verstecken. Er selbst bezeichnet seine Entwurfsphilosophie als
„without thought“ – ohne Gedanken – und legt Wert auf die instinktive Qualität, die in Alltagsgegenständen liegt. Naoto Fukasawa gehört längst zu den wichtigsten Protagonisten des Gegenwartsdesigns und hat bereits unzählige Designpreise verliehen bekommen.
Wir trafen Naoto Fukasawa zur Präsentation seiner neuen Leuchte für den Schweizer Hersteller Belux und sprachen mit ihm über emotionales Licht, intelligentes Wohnen und glücklich machende Designer.



Herr Fukasawa, Ihre neue Leuchte Verto ist für den Arbeitsplatz gedacht.
Wie unterscheidet sich Ihre Herangehensweise, wenn sie Licht als reines Vergnügen betrachten?

Das Wichtigste ist, dass man Lichtdesign nicht mit Beleuchtung verwechselt. Beleuchtung ist eher eine wissenschaftliche Angelegenheit. Für die Büroleuchte Verto hatten wir eine sehr klares Briefing und genaue Anforderungen, was natürlich einen funktionalen und etwas weniger emotionalen Umgang mit Licht voraussetzt. Wenn wir die emotionale Seite des Lichts entwerfen, ist es wichtig, den Schwerpunkt auf das Licht und nicht auf die Beleuchtung zu setzen.

Wie sehr ändert die rasante Entwicklung energieeffizienter Leuchtmittel sowie der Fokus auf Umweltverträglichkeit den Entwurfsprozess? Wird die Kreativität mitunter durch die neuen Möglichkeiten sogar eingeschränkt?


LEDs ermöglichen uns, die eigentliche Lichtquelle so weit zu reduzieren, dass wir mehr Freiheit in der Formgebung der Leuchte haben. Andererseits herrscht eine zu große Begeisterung für die Funktion der LEDs. Viele interessieren sich vor allem für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit und verlieren dabei die emotionale Komponente des Lichts aus den Augen. Dadurch wird die Arbeit für den Designer eher schwieriger. Doch die Menschen entwickeln sich gemeinsam mit der Technik, und bald werden wir vor allem mit den Vorteilen der LEDs leben. Da die Größe der Leuchtmittel sich immer weiter verringert, werden wir vielleicht bald keine Leuchten mehr brauchen, Licht wird dann zu einem Bestandteil der Haustechnik und verschmilzt mit der Wand. In Japan, wo man Häuser viel schneller als in Europa abreisst und wieder neu errichtet, könnte diese Entwicklung besonders schnell voranschreiten.

Heißt das für Sie, dass Licht bald nicht mehr in Verbindung mit einem Objekt gedacht werden wird?


Das Objekt bleibt bestehen, aber seine Form verändert sich. Der klassische Leuchtenschirm entspricht heutzutage nicht mehr dem Grundsatz „form follows function“. Die Frage ist also, wer die richtige Antwort auf die technischen Neuentwicklungen finden wird. Das Projekt mit Belux kann als eine Antwort auf diese Frage betrachtet werden

Belux ist bekanntlich ein europäischer Hersteller. Sähe Verto anders aus, wenn Sie die Leuchte für den japanischen Markt entworfen hätten?


Ich denke, es gibt eine weltweite Bewegung in Richtung ökologischer Systeme wie LED. Der Lifestyle ist in Japan sicher etwas anders, die Produkte jedoch nicht so sehr. In Europa setzt man einen stärkeren Fokus auf das Thema Licht als in Japan. Ich bin von beiden Kulturen geprägt und habe meine persönlichen Erfahrungen in den Entwurf einfließen lassen.

Was ist denn Ihre persönliche Lieblingsleuchte zum Arbeiten?


Das ist situationsabhängig, doch ich nutze in meinem Studio mehr Deckenlicht – aufgrund seines Grundrisses. Ich betrachte Licht selbst eher als Skulptur ... Und selbstverständlich nutze ich auch die Leuchte Koi, die ich für Belux entworfen habe. Ebenso die Leuchte Glo-Ball von Jasper Morrison. Er ist ein sehr guter Freund von mir, was jedoch nicht der Grund ist. Seine Leuchte ist einfach eine der besten. Das Licht von Verto ist anders als das von Glo-Ball  eher ein funktionales LED-Licht. Dennoch denke ich, dass wir mit Verto auch eine gute emotionale Lösung gefunden haben. Ich hoffe, Verto wird ein ebenso bedeutendes Produkt wie Glo-Ball.

Und welche Leuchte bevorzugen Sie für den Hausgebrauch? Entworfen von Ihnen oder einem anderen Designer...


Ich hoffe, ich kann die richtige für mich selbst entwerfen! Und die würde genau so sein wie mein neuer Entwurf. Denn gerade das industrielle oder technische Objekt wirkt im wohnlichen Kontext oft wie eine Skulptur. Wenn man eine Büroleuchte für den Wohnbereich wählt, dann kann sie eine ganz neue Wirkung erzielen, da funktionales Licht radikaler und cooler erscheint. Ich bin überzeugt davon, dass eine Leuchte wie Verto sich ebenso für den Wohn- wie für den Arbeitsbereich eignet.

Sie haben schon viele Leuchten entworfen - was ist denn die besondere Herausforderung, wenn man mit Licht arbeitet?


Lustigerweise möchten Designer oder Architekten immer genau zwei Objekte gestalten: Stuhl und Leuchte. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil beide so schwer zu entwerfen sind, und jeder gerne die richtige Antwort finden will. Deshalb entwerfe ich jedenfalls immer gerne Leuchten – ebenso wie Stühle. Doch die Designer müssen vorsichtig sein: Sobald sie einen Fehler beim Entwerfen eines Stuhls oder einer Leuchte machen, bekommen sie keine zweite Chance. Man muss also die richtigen Partner finden, die dieselbe Entwurfsphilosophie teilen.

Sie sagten schon, dass Licht bald mit der Haustechnik verschmelzen könnte. Denken Sie, dass Smart Housing die Wohnform der Zukunft sein wird?


Der Schwerpunkt beim intelligenten Wohnen liegt in der Energieproduktion und -effizienz, nicht im Kauf elektronischer Geräte. Rein funktionale Objekte wie beispielsweise Heizung oder Klimaanlage werden mit den Hauswänden verschmelzen. Dann braucht man jedoch immer noch eine Leuchte!

Wenn so viele Objekte verschwinden, beziehungsweise mit den Wänden verschmelzen, braucht man dann noch einen Designer?


Ja, denn jemand muss alles kontrollieren: Temperatur, Luft, Licht, all die Informationen... die Bequemlichkeiten. Und man braucht einen Stuhl. Stuhl und Leuchte. Da es viele Arten gibt, die Kontrolle zu gestalten, müssen Designer in den Prozess der Lösungsfindung involviert werden. Wir Designer lieben es, ein physisches Objekt zu entwerfen, doch wenn keine Funktion in der Formgebung liegt, dann ist es nicht viel mehr als Müll. Deshalb kauft auch niemand mehr voluminöse Fernseher. Wie auch immer... irgendwer muss das Zusammenspiel gestalten. Und jemand muss den Menschen erklären, wie sie ein glückliches Leben führen. Der Designer! (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch.

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