Emmanuel Babled

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Text: Katharina Horstmann


Emmanuel Babled ist ein Beobachter: Der gebürtige Franzose erforscht Materialien und Techniken in ihrer authentischen Umgebung, um ein Gefühl für den Ort und seine historische Identität zu entwickeln und diese in seine Arbeiten zu integrieren. Geboren 1967 studiert er Industriedesign am Istituto Europeo di Design in Mailand. Nach seinem Abschluss 1989 zieht er zunächst nach Paris und arbeitet für die Galerie Yves Gastou, bevor er in Mailand 1992 sein eigenes Studio eröffnet und sich insbesondere mit seinen auf der Insel Murano hergestellten Glasarbeiten einen Namen macht. 2010 wechselt er mit seinem Studio nach Amsterdam und arbeit weiterhin erfolgreich an der Schnittstelle zwischen limitierten Editionen und Serienprodukten, und das teils in Eigenproduktion und teils für Unternehmen wie Baccarat, Venini oder Vistosi. Wir trafen Emmanuel Babled in Mailand und sprachen darüber, wie die Arbeit in einer Galerie sein Leben veränderte, traditionelle Manufakturprozesse, japanische Designgurus und Aschenputtel.
 
 
Herr Babled, während der diesjährigen Mailänder Möbelmesse haben Sie die Glasleuchte Elix für Venini vorgestellt. Was hat es damit auf sich?
 
Ihre zeitlose, zylindrische und anorganische Form resultiert aus den Rotationsbewegungen, die der Glasbläser, bei seiner Arbeit auf die glühende Masse überträgt. Die Leuchte ist eine Interpretation des klassischen Abat-Jour oder eines Lampenschirms: Die Basis, die die Lichtquelle birgt, hat die Form einer Säule, aus der ein breiter Zylinder hinaustritt, der die Rolle des Schirms einnimmt und wodurch jegliche metallische Struktur vermieden wird.
 
Sie arbeiten seit nunmehr 20 Jahren auf Murano. Wie kamen Sie das erste Mal mit der Glasherstellung in Berührung?
 
Nach meinem Studium habe ich für eine Pariser Galerie gearbeitet und lernte dort Ettore Sottsass kennen. Er legte mir nahe, mit Glas zu arbeiten, da sich seiner Meinung nach die Formensprache und Inspirationsquellen meiner Arbeiten dafür gut eigneten. Er war es auch, der mich 1992 Roberto Gasparotto, dem Art Direktor von Venini, vorstellte.
 
Das Resultat war die Leuchte Clarisse?
 
Richtig, sie war mein erstes Projekt für Venini. Danach ging es kontinuierlich weiter. Zunächst kontaktierte mich eine irische Firma, die mich mit einer Recherche über die Insel Murano beauftragte, wodurch ich die verschiedenen Glasmanufakturen und Glasfertigungsprozesse kennenlernte. Mit dem erlangten Wissen habe ich mich an neue Entwürfe gesetzt und Tausende von Zeichnungen angefertigt, mit denen ich die Wände meines Mailänder Studios tapezierte. Damals lernte ich durch eine Freundin einen japanischen Designguru kennen, der mich in meinem Studio besuchte. Er sah sich die tapezierten Wände an und war beeindruckt von den vielen Projekten. Zur Erinnerung: Ich hatte bisher nur eine einzige Leuchte aus Glas realisiert. Als Nächstes fragte er mich, ob ich nicht eine größere Glaskollektion für sein neues Geschäft in Tokio entwerfen möchte, die in Murano produziert werden sollte. Natürlich habe ich akzeptiert. Das war der Anfang. Ich begann, mich auf das mundgeblasene Glas zu spezialisieren und das Material wirklich gut kennenzulernen.
 
Was fasziniert Sie so sehr an der Arbeit mit dem Material?
 
Wenn du Glas entwirft, ist es sehr wichtig, den Herstellungsprozess genau zu kennen. Das gilt natürlich auch ganz allgemein für das Design. Doch das, was bei anderen Projekten teilweise Jahre dauert, passiert bei Glas in 30 Minuten – wie bei einer Geburt: Wenn nicht geatmet wird, stirbt es. Deswegen muss es schnell verarbeitet werden, es gibt keine Zeit zum Nachdenken. Von der ersten Skizze bis zum finalen Prototypen – all das passiert in dieser kurzen Zeit. Zudem wird das Material die erste Skizze niemals genau realisieren, vielmehr muss sie in dem Prozess weiterentwickelt werden zu dem, was das Glas zulässt oder dich entdecken lässt. Selten wird das Glas dir ermöglichen, etwas millimetergenau auszuführen. Schließlich ist es ein schmelzendes Material.
 
Ihre Leuchtenedition Digit hat wenig mit den so typischen amorphen Formen gemein, mit denen mundgeblasenes Glas gewöhnlich in Verbindung gebracht wird.
 
Normalerweise antwortet das Glas auf das Blasen des Meisters und behält dennoch Raum für eine Selbstdarstellung. Mit Digit wollte ich eine Art Antithese schaffen – unüblich und fern von der üblichen Wahrnehmung des Glases als fließendes Material. Die Leuchten habe ich mit Hilfe von computergestütztem, virtuellem Engineering gestaltet, um die mögliche Perfektion des klassischen mundgeblasenen Glases zu demonstrieren und die visuelle Dichte mit einer fast chaotischen Anmutung zu kombinieren. Es war das erste Mal, das der Computer zu einem wesentlichen Bestandteil meines Glasentwurfes wurde.
 
Ohne den Computer hätten Sie das Projekt also gar nicht realisieren können?
 
Ja, da das Projekt sehr kompliziert ist. Ich habe Digit also zunächst am Computer visualisiert und dann nach Produktionsmöglichkeiten gesucht. Ein etwas ungewöhnliches Vorgehen, da man in der Regel in Murano nicht mit am Computer realisierten Zeichnungen arbeitet. Es gab zwei, drei Prototypen bis zur finalen Version, von der es nun eine limitierte Edition gibt. Alles wird in Murano hergestellt, so kommt ein ethnischer Faktor zu dem Projekt hinzu. Was mich interessiert, sind Territorien, also ortsspezifisches Wissen und besondere Produktionsweisen. Das Know-how der Menschen ist zuallererst das Nährmittel eines Projektes, denn dieses besteht nicht nur aus einer konzeptionellen Idee, die sich gut in einem weißen Raum macht. Es ist vielmehr ein Teil einer existierenden Wirklichkeit, mit einem Material und Menschen, die mit diesem umzugehen wissen. Mir ist wichtig, dass meine Projekte einen Ursprung haben, also mit etwas verwurzelt sind, die wirklich gelebte Erfahrung – auf menschlicher und nicht nur finanzieller Ebene.
 
In Ihrem Entwurf Sintesi haben Sie gleich zwei klassische Materialien miteinander kombiniert: Glas und Marmor.
 
Auch hier steht der Gedanke der Transformation des traditionellen mundgeblasenen Glases im Vordergrund. Die Idee hinter der Vase war, die natürliche Form und Feinheit des Glases wortwörtlich einzufangen und dem Marmor aufzuerlegen. Das heißt, zwischen den beiden Materialien eine perfekte Symbiose zu schaffen – wie beim Schuh von Aschenputtel, der nur an einen bestimmten Fuß passt.
 
Wie sieht das aus?
 
Das Glas, das eine sehr freie Form hat, für die ich mich von einer Ikone aus Murano – dem Taschentuch – inspirieren ließ, wird eingescannt, von ihm wird also ein genauer Abdruck genommen, um dann davon ausgehend den perfekten Marmorfuß zu gestalten. Simbiosi hat seinen Ursprung in einer Recherche, die sich mit den Kontrasten der Materialität auseinandersetzt. Ein weiteres Beispiel ist mein Marmortisch Black Sheep, der während der diesjährigen Mailänder Möbelmesse bei der Galerie Nilufar vorgestellt wurde. Er besteht aus verschiedenen Zylindern, die wie Monovolumen wirken. Jeder Zylinder hat eine bestimmte Neigung, sodass der Tisch tänzelnd wirkt, was ihm eine gewisse Leichtigkeit verleiht.
 
Neben Ihren teilweise in Eigenproduktion angefertigten Projekten arbeiten Sie auch als Produktdesigner im klassischen Sinn und entwerfen Möbel für Hersteller wie das neue italienische Unternehmen Henge, aber auch Objekte für die wirkliche Massenproduktion, die nichts mit der Autorenschaft gemein haben.
 
Ja, es sind nützliche Alltagsgegenstände wie Seifenspender oder Toilettenpapierhalter, die zum Beispiel im Baumarkt erhältlich sind. Auch wenn sie anonym sind, versuche ich ihnen einen besonderen Wert, kleinen Twist oder Neuerung hinzuzufügen – etwas also, das ihnen eine Persönlichkeit verleiht. Sie sind das komplette Gegenteil zu den limitierten Editionen und bringen ganz andere Herausforderungen mit sich. Dennoch sehe ich meine limitierten Editionen nicht als exzentrische Arbeiten. Vielmehr sollen sie das menschliche Know-how und die Vielfältigkeit der Materialität demonstrieren.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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