Aufbruch Glas Ost

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Hersteller/ Designer

Vielleicht ist Glas deshalb so beliebt bei Designern, weil der Werkstoff eine einzige Herausforderung ist – technisch und gestalterisch. Zwar entwerfen immer mehr Designer auch Möbel aus Glas, doch Experimentierfeld par excellence ist das Objekt-, Leuchten- und Tableware-Design. Wir sind unterwegs gewesen im traditionellen Glasland Tschechien und dabei auf ungewöhnliche Menschen, Experimente und Artefakte gestoßen.

Der Blick nach Osten lohnt sich. In der tschechischen Hauptstadt Prag tummeln sich etablierte Designer und Newcomer, die sich auf das Entwerfen von industriellen Produkten, limitierten Editionen und Kunstwerken aus Glas konzentrieren. Das nicht weit entfernte Böhmen ist sehr waldreich und deshalb seit jeher Land der Glasbläser und -macher. In der hügeligen Landschaft liegen Glasbläsereien wie Brokis, Bomma und Kavalierglass. Wie viele tschechische Hersteller haben sie neben eher konservativen Entwürfen auch überraschende zeitgenössische Produkte im Programm. Stammten die bisher vor allem von tschechischen Designern, öffnet man sich jetzt dem Westen.

Prag als Ausgangspunkt
Einen guten Überblick über die tschechische Kreativszene kann man sich in der Designgalerie Křehký verschaffen. Sie liegt in einem Stadtteil der tschechischen Metropole Prag, der nur so brummt vor Kunst- und Designaktivitäten. Und Křehký ist ihr Epizentrum. Die beiden Galeristen Jana Zielinski und Jiří Macek, die auch das tschechische Designfestival Designblok und die Prager Fashion Week organisieren, zeigen in ihren wunderbaren, loftartigen Räumen limitierte Designeditionen, experimentelle Objekte und Prototypen tschechischer und ausländischer Designer wie Marcel Wanders und Hella Jongerius. Dabei hat es ihnen das fragile Material Glas besonders angetan, das im Juni auch Mittelpunkt der Ausstellung Sedmikrása war: limitierte Editionen von Vratislav Šotola – dem alten Meister der tschechischen Glaskunst –, Michaela Tomišková , Jiří Pelcl und Bořek Šípek.

Tomišková ist Mitglied des Designkollektivs Made by Forest, das durch seine überraschenden, zuweilen poetischen Glaskreationen auffällt. In ihrer Arbeit Forest Story spielt die Designerin mit den Formen und Texturen von Baumstämmen und Tannenzapfen, die sie direkt in Glas übersetzt. Mal wird das flüssige Material in den ausgehöhlten Baumstamm geblasen, mal ein Jahresring oder Tannenzapfen wie ein Stempel verwendet. So entstehen wunderschöne Objekte: Schalen, Becher und Vasen. Jedes von ihnen ein unvorhersehbares Einzelstück, an dem der Prozess der Glasherstellung ablesbar ist. Von Tomišková stammt auch eine ganze Stadt aus Glas – natürlich im Miniaturformat. Handgefertigt vom tschechischen Hersteller Moser, besteht das Objekt Skleněné městečko aus 17 Einzelteilen, die aufeinandergetürmt eine kleine Stadt aus kunterbunten Kristallglasteilen ergeben. Auch ein anderer Protagonist der Ausstellung – Jiří Pelcl – ist ungeheuer kreativ. Der ehemalige Direktor der Prager Academy of Arts, Architecture and Design tüftelt in seinem Dachatelier mit rosa Linoleum-Fußboden nicht nur an einem neuen Museum, das gerade in Ostrava entsteht. Auch er liebt den zerbrechlichen Werkstoff. Schaut man sich bei ihm um, stellt man erstaunt fest, was sich daraus so alles fertigen lässt: beispielsweise wunderbare Vasen und Objekte, die aussehen wie zu Glas erstarrte Kakteen (Cactus für Skitsch). Was kunstvoll aussieht, sind in Wahrheit einfache, zu einem Objekt zusammengesetzte Glasröhren, wie man sie aus der Produktion von medizinischem Glas kennt.

Glasherstellung in Tschechien
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In tschechischen Wäldern
Bei Kavalierglass mitten im böhmischen Nirgendwo kann man die Glasröhren aus Pelcls Atelier in der Produktion sehen. Doch Industrieglas ist nur ein Teil des Geschäftsmodells eines der größten tschechischen Glashersteller. Neben der Fertigung von Produkten für Unternehmen wie IKEA laufen in den riesigen Hallen vor allem eigene Produkte vom Band: fragile Kannen, Gläser und Schalen für den täglichen Gebrauch, entworfen von einheimischen Designern. Hier wurde übrigens auch das doppelwandige Glas erfunden, womit der dänische Hersteller Bodum später große Erfolge feiern konnte. Doppelwandig sind auch die beiden Kollektionen Dual und Lin, die Martin Žampach für Simax, einer Marke von Kavalierglass, entworfen hat. Für Žampach wie auch für viele andere jüngere tschechische Designer ist es selbstverständlich, in Glas zu arbeiten – die Tradition ist stark und lebendig.

Doch während bei Kavalierglass die Designer im Hintergrund bleiben, ist bei Brokis das Gegenteil der Fall. Der kleine Hersteller fertigt gestalterisch anspruchsvolle Leuchten. Das Produktionsgebäude ist nicht groß und liegt versteckt auf einem waldigen Gelände. Davor türmen sich meterhohe Berge von kunterbunten Scherben und zerbrochenen Leuchtenschirmen auf – und man bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig der Werkstoff zu bearbeiten ist. In der Produktionshalle ist es brütend heiß, und fasziniert schaut man zu, wie aus einem unförmigen Klumpen Glasmasse ein durchscheinender Glasballon entsteht. Quer über dem Hof mit dem Teich, aus dem ein Arbeiter Karpfen fürs Mittagessen fischt, sind im Showroom die fertigen Entwürfe ausgestellt. Leuchten, die aussehen wie Luftballons (Memory von Boris Klimek), ein Pflanzgefäß, das auch Licht machen kann (Planta von Barbara Manolo) oder aber die wunderbare Kollektion Balloons von Lucie Koldova und Yan Effet, die Glas mit Metall vereint. Und ein Entwurf von dem Studio Olgoj Chorchoj leuchtet hier: Teo nennt er sich.

Ein Architekt und ein Designer
Die beiden Gründer von Olgoj Chorchoj – Jan Němeček und Michal Froněk – sind das, was Křehký für die Galerienszene ist: das Epizentrum der tschechischen Designerwelt. Als Professoren an der Academy of Arts, Architecture and Design bilden sie nicht nur den vielversprechenden Nachwuchs aus. Der Architekt Němeček und der Designer Froněk betreiben seit der politischen Wende vor über zwanzig Jahren erfolgreich ein eigenes Studio in Prag. In einem Bauhaus-Gebäude entwerfen die umtriebigen Gestalter nicht nur Architektur und Interior (so auch die Galerie Křehký in Prag). Produkte wie Möbel, Leuchten, Schmuck und Tableware vervollständigen ihr Portfolio. Němeček und Froněk sind außerdem bei wichtigen tschechischen Designunternehmen wie Thon und Bomma beratend als Art Directoren tätig. Während Thon Möbel aus Bugholz fertigt, ist auch Bomma im Glas-Business unterwegs. Überaus ambitioniert wird seit einigen Jahren eine Designlinie aus Kristallglas kontinuierlich weiterentwickelt. Stone beispielsweise ist eine Kollektion von Gläsern von Jiří Pelcl, deren Füße aussehen wie behauene Steinblöcke, während Dots von Olgoj Chorchoj subtil mit einem Muster aus Punkten spielt und die Serie František Vízner vom gleichnamigen Designer den Kontrast zwischen Geschliffen und Ungeschliffen zum Gestaltungsthema macht.

Going West
Doch so talentiert tschechische Designer auch sein mögen: Bomma treibt es gen Westen. Deshalb war der Hersteller dieses Jahr erstmals als Aussteller auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt mit einem Messestand präsent und sucht noch nach Vertriebsmöglichkeiten in Deutschland. Auch gestalterisch orientiert sich Bomma in dieselbe Richtung: Gerade wurde der in Paris ansässige Designer Arik Levy für einen Entwurf angefragt. Im internationalen Mark bereits fest etabliert hingegen ist Lasvit. In Mailand präsentierten die Tschechen auf der diesjährigen Lichtmesse Euroluce ihre kunstvollen Leuchtenkreationen – entworfen von Designern wie Rony Plesl, Maurizio Galante, Arik Levy, Nendo und Jitka Kamencova Skuhrava. Die Hängeleuchte RGB Jar von Arik Levy ist ein gutes Beispiel für das technische Know-how und den Gestaltungsansatz des Herstellers, der es ungewöhnlich mag. Die fein gearbeiteten, flaschenähnlichen Glaskörper entfalten ihre Wirkung erst in der Gruppe. Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Die Leuchten in den drei Grundfarben Rot, Grün und Blau (RGB) ergänzen einen ebenfalls flaschenförmigen Körper aus weißem, transluzenten Glas. Er ist die eigentliche Lichtquelle, die das ganze skulpturale Gebilde zum Leuchten bringt und gestalterisch zusammenhält.

Apropos Zusammenhalt: Nicht weit entfernt vom Prager Lasvit-Showroom liegt die Galerie Křehký, womit sich der Kreis hier schließt. Vielleicht ist der Kreis überhaupt das ideale Symbol für das Funktionieren der tschechischen (Glas-)Designszene. Die Protagonisten schwärmen hinaus an den Rand, probieren sich aus und treffen sich dann in der Mitte. Wie ein Schmelztiegel, aus dem heraus immer wieder etwas Neues entsteht.

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