Ein Haus zum Maßnehmen

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Text: Jörg Zimmermann

Die Kölner Einrichtungsmesse imm cologne schaut mit Zuversicht ins neue Jahr: Der Design-Parcours Pure wird ausgebaut, und die Inszenierung Das Haus – Interiors on Stage setzt auf Sinnlichkeit.

Die Sonne strahlt über Kopenhagen und taucht das großräumige Dachstudio von Louise Campbell in der Thorsgade in helles Licht. Riesige Glasflächen zu beiden Seiten des Gebäudes lassen den Blick hinaus schweifen in die Wolken, und Louise Campbell tut alles, um die Besucher mit auf die Reise zu nehmen in ihr persönliches Wonderland. Auf dem Tisch stehen sehr unterschiedliche Modelle für Das Haus, die Wand ist mit Skizzen und Moodboards bedeckt. Muster, Strukturen, Materialproben und Farbwelten – sofort wird klar, Das Haus auf der kommenden imm cologne wird emotionaler ausfallen als bisher. Nach den perfekt gestylten Entwürfen der Vorjahre geht es diesmal in Richtung Sinnlichkeit. Auch wenn der von Creative Director Dick Spierenburg initiierte Design-Parcours das Label Pure trägt.

Gute Zahlen, attraktives Angebot
Mit der Einführung der Pure-Formate hat die imm cologne den Dreh geschafft. Köln bleibt internationale Ordermesse Nummer eins, da sind sich die Experten einig. Nicht nur die Aussteller- und Besucherzahlen stimmen zum Jahresauftakt der Möbelbranche in Köln, auch die Inszenierung und das messeeigene Begleitprogramm sind auf der Höhe der Zeit. Die neue Ordnung der Hallen und Segmente macht die imm cologne für die designorientierten Aussteller attraktiver, Fachbesucher lobten im Vorjahr die Konzentration des Angebotes. Als inspirierender Anziehungspunkt im Messerummel könnte sich im Januar 2014 die dritte Ausgabe des Projektes Das Haus – Interiors on Stage herausstellen – dieses Mal konzipiert von der dänischen Designerin Louise Campbell.

Ein Regal fürs Leben
Locker ist Louise Campbell den Auftrag angegangen und hat die Verantwortlichen der Koelnmesse gleich zu Beginn der Zusammenarbeit mit der Frage „Kann ich spielen?“ konfrontiert. In Gedanken hüpfe sie von Alice in Wonderland über das The Cure-Album Wild mood swings zu Jane Austens Roman Sense and Sensibility, wie sie in ihrem im Kopenhagener Studio verrät. Eloquent berichtet die dänische Designerin von verschiedenen Ansätzen, jongliert mit den Worten und Modellen gleichermaßen – trotz eingestandenem hangover. Ihr Entwurf sei mehr Design als Architekturprojekt, von innen heraus gebaut. „Das Haus an sich kann als ein großes Möbelstück gesehen werden, eine Lagereinheit für Menschen. Man könnte auch sagen: ein Regal fürs Leben.“

Ein Haus für alle
Creative Director Dick Spierenburg ist angetan von der Zusammenarbeit mit Louise Campbell. „Sie überraschte uns mit mehreren, komplett unterschiedlichen Entwürfen und bringt ganz neue Aspekte des Wohnens in den Diskurs ein“, erzählt er. Das Haus sei überhaupt eine „tolle Aufgabe“ für Designer. „Du darfst ein Haus nach deinen Vorstellungen bauen und einrichten, und das unter den Augen des internationalen Fachpublikums.“ Den gelungenen Auftakt zum Projekt hatte 2012 das Duo Doshi Levien abgeliefert, 2013 konnte Luca Nichetto seine individuelle Interpretation einer zeitgemäßen Wohnung realisieren.

Weitere Arbeiten von Louise Campbell. Hier: Instant Allotment für Kvadrat, 2006.
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Eine Königin aus Dänemark
Rund 240 Quadratmeter stehen für das Projekt zur imm cologne im Januar zur Verfügung. Aufgrund der erweiterten Hallengeometrie in Halle 2.2 soll es nun auf Anregung von Campbell erstmals eine zweite Ebene in der Installation geben, die aber nicht begehbar sein wird. Dick Spierenburg lobt Louise Campbell als „eine Königin der Farben, Muster und Dekore“. Die Designerin, die in Dänemark und England aufgewachsen und ausgebildet worden ist, hat bereits erfolgreich für Unternehmen wie Royal Copenhagen, Hay, Louis Poulsen, Muuto und Zanotta gearbeitet. Spierenburg: „Konventionelles ist von ihr allerdings nicht zu erwarten.“

Ein Manifest der Stimmungen
Eher ein Spiel mit den Dimensionen. 0-100 (Made to measure) hat Louise Campbell ihre aktuelle Vision vom Wohnen genannt. Es könnte in der Tat ein Haus zum Maßnehmen werden. Streng strukturiert, mit einem Rastersystem durchzogen, das dem offenen Raum eine Ordnung gibt, ohne einzuengen. Drei Seiten der inszenierten Fläche sollen durch eine textile Bespannung überwiegend verschlossen werden, die vierte Seite dann gänzlich geöffnet sein. Nicht das perfekte, bezugsfertige Abbild einer Wohnidee soll darin Platz finden, sondern Campbells persönliches Manifest zum Wohnen Gestalt annehmen. Es soll ein Ausloten der Möglichkeiten werden, erläutert Campbell. Ihr liege es nicht, simple Regeln zu befolgen. Persönliche Stimmungen sollten beim Wohnen den Ausschlag geben. Das Licht spiele eine große Rolle bei der Inszenierung dieser Idee, besonders in der schwierigen Situation einer Messehalle, die ohne direkten Bezug zur Umwelt, ohne natürliches Licht und Luftzufuhr auskommen müsse.

Lowtech aus Überzeugung
Dass ihr Entwurf ohne Medien und aufwändige Technik auskommt, ist für Campbell „eine Überlebensstrategie“. „Mein ideales Heim ist komplett frei von dem ganzen Mist.“ So wird das Lowtech-Haus auch zu einem persönlichen Statement gegen Perfektionismus und Technikabhängigkeit. Mit ihrer Einstellung und ihren Sorgen fühlt Lousie Campbell sich nah an der gesellschaftlichen Diskussion. Eine Sorge scheint allerdings mehr als unbegründet: „Ich habe wirklich Angst davor, mit meinen Entwürfen zu langweilen.“

Mehr aus unserem Special zur imm cologne 2014 lesen Sie hier...

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