Chamäleon des Sitzens: 50 Jahre Conseta

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Text: Norman Kietzmann

Wohlfühlen mit System: Vor 50 Jahren entwarf der westfälische Designer Friedrich-Wilhelm Möller einen Klassiker der modernen Sitzkultur: das Polstersystem Conseta von Cor. Über 800.000 Exemplare des flexiblen wie wandlungsfreudigen Programms wurden bisher verkauft und wandern seitdem von einer Generation zur nächsten. Mitte Januar feiert der Klassiker auf der Kölner Möbelmesse imm cologne seinen runden Geburtstag.

Auch die Welt des Designs hat einen Olymp: Es ist die Riege der Klassiker, in die banale wie weniger banale Produkte permanent um Aufnahme bitten. Ob das allerdings geschieht, entscheidet die Zeit oder vielmehr das über Jahrzehnte fortwährende Interesse der Konsumenten. Dennoch gibt es zwei erkennbare Muster, die der Klassiker-Werdung in den meisten Fällen zugrunde liegen. Variante Nummer eins: Das Produkt ist seiner Zeit so weit voraus, dass es auch nach Dekaden noch aktuell erscheint. Die Stahlrohrmöbel des Bauhauses fallen ebenso in diese Kategorie wie die skulpturalen Entwürfe Charles und Ray Eames‘ oder die konstruktiven Arbeiten eines Jean Prouvé.

Der zweite Zugang erfolgt über den Pfad der Archaik: Maarten van Severens 03 Side Chair wäre da zu nennen oder die allgegenwärtige Tolomeo-Leuchte von Michele De Lucchi. Indem die Produkte auf den Archetypus ihrer jeweiligen Typologie vereinfacht werden – verlässliche Testfrage: Wie würde ein Kind einen Stuhl, einen Tisch oder eine Leuchte zeichnen? – entsteht ein wirkungsvoller Schutzmantel. Weil die Spuren der Zeit ihm nichts anhaben können, altern die Produkte selbst nicht. Sie besitzen einen eingebauten Jungbrunnen, der auch bei ständig wechselnden Moden und Geschmäckern nicht zu versiegen droht.

Generationen verbindend
Ein Klassiker, der zweifelsohne in diese zweite Kategorie gehört, ist das Sitzprogramm Conseta von Cor. Vorgestellt auf der Kölner Möbelmesse 1964, feiert der puristisch-zeitlose Entwurf im kommenden Januar an selbiger Stelle sein 50-jähriges Jubiläum. Bis heute macht das Programm einen Großteil des Umsatzes des westfälischen Möbelherstellers aus und punktet bei einer Zielgruppe ganz besonders: der jungen. Um zu erklären, warum sich diese lieber für einen 50-jährigen „Oldie“ entscheidet, statt dem Design von heute zu vertrauen, bedarf es eines Zeitsprungs zurück in die sechziger Jahre. 

Entwickelt wurde das System von Friedrich-Wilhelm Möller (1931-1996), der nach einer Tischlerlehre sein Studium der Innenarchitektur abschloss. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn arbeite er zunächst als Handelsvertreter für die Unternehmen Cor und Interlübke und bestärkte seine Affinität zu Möbeln, die 1963 in der Gründung seines eigenen Designstudios mündete. Einen Entwurf, den er nur wenige Wochen später anfertigte, war das Sitzprogramm Conseta, von dem bis heute über 800.000 Exemplare verkauft wurden.


Sitzen mit System
Der Grund für den Erfolg liegt in der Wandelbarkeit des Systems, dessen Name vom Lateinischen con sedere (zu deutsch zusammensitzen) abgeleitet wurde. Die Gestalt des Sofas wurde zwar nicht prinzipiell neu erfunden, doch dafür erstaunlich präzise auf ihre Ur-Form zugespitzt. Das Sitzprogramm wirkt geometrisch klar, ohne brutal oder herzlos zu erscheinen. Dank seines kubischen Grundrasters kann es als freistehender Solitär oder als voluminöse Sitzlandschaft zum Einsatz kommen, während schlanke, metallene Kufen die Polsterbausteine optisch zum Schweben bringen.

In gewisser Weise ist Conseta die logische Weiterführung des Endlosschranks von Walter Müller, den das Mutterunternehmen Interlübke 1963 mit nur wenigen Monaten Vorsprung auf den Markt gebracht hatte. Die verbindende Idee: Ein Programm mit hoher Variabilität und Flexibilität wird an den Raum angepasst und nicht umgekehrt. „Richten Sie sich mit einer Conseta-Garnitur ein, und Sie können sich fast sicher sein, dass keine Frau auf der Welt die gleiche Garnitur besitzt“, verkündete eine Werbeanzeige von Cor aus dem Jahr 1965. Was zunächst ein wenig übertrieben klingen mag, hat bis heute seine Gültigkeit. Allein die Textilpalette umfasst derzeit 430 Stoffe sowie 113 Lederbezüge, während Kunden auch eigene Stoffe oder sogar die vom Wettbewerber mitbringen können. Die Konfigurationsmöglichkeiten der einzelnen Polstermodule sind dabei noch gar nicht mit eingerechnet. 

Beständige Evolution
Als Archetypus des Sitzens vermag sich Conseta in unterschiedliche Räume und Wohnstile einzupassen – von der stückgeschmückten Altbauwohnung bis hin zum rauen Industrieloft. Wie Chamäleons verschmelzen die Sofas und Sessel mit ihrer Umgebung und vermeiden den Eindruck eines Fremdkörpers. Ihr Verhalten erinnert dabei an einen guten englischen Butler: Sie sind da, wenn sie gebraucht werden und verbleiben die übrige Zeit im Hintergrund. Mit dieser Mischung aus verlässlicher Zurückhaltung und wohnlichem Komfort ist das Sitzprogramm zu einem beständigen Begleiter des Alltags geworden. 

Noch immer befinden sich die meisten Conseta-Modelle in Gebrauch und werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Auch dreißig, vierzig Jahre nach Auslieferung kehren immer wieder Sofa und Sessel zurück ins Werk nach Rheda-Wiedenbrück, um aufgepolstert oder neu bezogen zu werden. Friedrich-Wilhelm Möller, der zeitlebens nie ohne seinen Skizzenblock gesichtet wurde, entwickelte das Programm in den folgenden Jahren immer weiter – ein Prozess, der bis heute fortgesetzt wird. Neben der Jubiläumsschau auf der Kölner Möbelmesse zieht im Januar 2014 eine Wanderausstellung durch mehrere deutsche Städte. Unter dem Motto „Neu seit 1964“ wird nicht nur die Evolution eines Klassikers vor Augen führt, sondern ebenso 50 Jahre gelebte Sitzkultur. Chapeau!

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