Auf höchster Stufe

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Text: Tim Berge

Aus Stein, Stahl, Holz oder Glas, gewendelt oder geradeaus, flach oder steil: Treppen gibt es in unzähligen Formen. Neben ihrer funktionalen Rolle haben sie einen hohen Symbolcharakter und repräsentieren kulturelle Werte wie auch die Visionen ihrer Bauherren. Damit geht ihre Wirkung weit über die einer vertikalen Erschließung hinaus. Wir haben uns aktuelle Treppen-Beispiele angeschaut, die eines klar machen: Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.  

Die Spanische Treppe in Rom, das Stufenlabyrinth MC Eschers oder der schwindelerregende Aufstieg in Hitchcocks Film Vertigo: Der gebaute Auf- und Abstieg bewegt und inspiriert seit jeher die kreativen Geister vieler Architekten, Künstler und Regisseure, die ihre Werke mit bildhaften Eigenschaften aufzuladen versuchen. Aber auch in weniger exponierten Innenräumen entstehen zurzeit Treppen, die es in und auf sich haben und der Typologie neue Qualitäten hinzufügen. 

New Yorker Welle
Treppen als Aufenthaltsort gibt es schon seit tausenden von Jahren, allerdings befinden sich diese meistens im Außenraum – im Inneren unserer Häuser und Wohnungen beschränkt sich die Funktion auf Durchwegung und Repräsentation. Doch mit knapper werdenden Wohn- und Geschäftsflächen wird jeder einzelne Raum genau auf seine Nutzbarkeit hinterfragt, wodurch sich interessante Überschneidungen ergeben, die den Ort „Treppe“ neu definieren. Dass die Aneinanderreihung von Stufen mehr als nur dem Passieren dienen kann, zeigte Rem Koolhaas (OMA) bereits 2001 mit seinem Prada Epicenter in New York: Der Raum wird von einer „Welle“ durchdrungen, die das Erd- mit dem Untergeschoss verbindet. Der in die Architektur hineingebaute, hölzerne Hang besteht aus einer glatten, abfallenden Fläche – aus der sich eine Bühne hinausklappen lässt – und Stufen verschiedener Höhe und Breite. Die Stufen können entweder begangen werden oder als Sitzgelegenheit und als Präsentationsfläche für Prada-Accessoires dienen. Das erlaubt maximale Flexibilität: Neben der normalen Warenpräsentation ist auch Platz für Konzerte und Lesungen. 

Haus aus Treppen
Dass eine Treppe mehr als nur der Weg von oben nach unten sein kann, beweist auch das Panorama House des koreanischen Architekturbüros Moon Hoon: Hier ist der Anstieg gleich das Herz des Neubaus und umfasst Bücherregal, Leseplätze und Heimkino. Dazu bietet das Holzobjekt den Bewohnern eine Vielzahl an Möglichkeiten, das Höhengefälle zu überwinden: Kurze und hohe Stufen sowie eine Rutsche entscheiden über Geschwindigkeit und Spaßfaktor beim Passieren. 

Ein ganzes Haus in der Form einer Treppe ließ sich eine junge Familie in Japan bauen – und das nicht ohne Grund: Ihr Traumhaus sollte eine größtmögliche Privatsphäre schaffen, das raue Seeklima fernhalten und den Eltern ermöglichen, ihre Stundenten auch zuhause zu versammeln. Für das Architekturbüro y+M design lag die Lösung in der speziellen Außenkontur, die das Sonnenlicht filtert, ungewollte Einblicke nach oben abwendet und als Tribüne für kleine und große Zusammenkünfte dienen kann. Vor allem für das Innenraumklima ist die Konstruktion ein Vorteil: Im Sommer sorgen die Schlitze zwischen den Stufen für eine angenehme Belüftung des Hauses, ohne dass zu viel Wärme in das Gebäude gelangt.

Treppe mit Inhalt
Auch in Büro- und Geschäftsräumen entwickeln sich Treppen zu Multitalenten: Im New Yorker Coworking-Space Neuehouse wurde eine „Spanische Treppe“ installiert, die als Versammlungsort und Arbeitsplatz das Zentrum der ehemaligen Fabrikhalle darstellt. Der Architekt Greg Keffer (Rockwell Group) ergänzt, dass gegenüber der Stufen „eine Bühne steht, auf der abends Konzerte und Vorträge stattfinden sollen.“ 

Ganz ähnlich funktioniert auch ein Treppen-Objekt in der Why Factory der TU Delft: In einem temporär genutzten Gebäude installierten MVRDV-Architekten eine gigantische Tribüne, in deren Inneren sich die Schulungs- und Büroräume des Instituts befinden. Die in leuchtendem Orange gestrichene Konstruktion soll den unabhängigen Charakter der Why Factory innerhalb der Universität unterstreichen und ihm eine Identität verleihen. Das raumbildende Element teilt die Halle des Neubaus: An seinen Seiten stehen große Tische, die als Arbeits- und Modellbauplätze für die Stundenten dienen; das Objekt selber soll vor allem für Vorlesungen und als Rückzugsort genutzt werden. 

Es scheint eine neue Treppen-Bewegung zu entstehen, die den Willen zum Experiment mit den Stufen nicht scheut. Ob das an der drohenden Machtübernahme vertikaler Erschließung durch immer schneller werdende Aufzüge liegt oder an knapper werdenden Wohnflächen: Die gezeigten Beispiele symbolisieren einen fast romantische Umgang mit dem Thema, der einer der ältesten Typologien in der Architekturgeschichte gänzlich neue Möglichkeiten entlockt.

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Urquiola